«Schneller kann man sowieso nicht fahren»

Langnau

Zwar verlangte niemand, schneller als mit 30 Stundenkilometern durchs Dorfzentrum von Langnau fahren zu können. Aber die Idee, generell Tempo 30 einzuführen, stiess an der Mitwirkungsversammlung auf Kritik.

Die Bodenmarkierung sorgt für Verwirrung. Sie ist weder ein Fussgängerstreifen, noch zeigt sie an, wer Vortritt hat. Sie markiert bloss den Eingang zur Tempo-30-Zone an der Kirchgasse.

Die Bodenmarkierung sorgt für Verwirrung. Sie ist weder ein Fussgängerstreifen, noch zeigt sie an, wer Vortritt hat. Sie markiert bloss den Eingang zur Tempo-30-Zone an der Kirchgasse.

(Bild: Thomas Peter)

In der Regel gelten Mitwirkungsversammlungen nicht gerade als Publikumsmagneten. Doch der Saal im Hirschen Langnau war recht gut besetzt, als die Gemeinde den Entwurf des Verkehrsrichtplans präsentierte. An sieben Leitideen habe man sich bei der Erarbeitung orientiert, erklärte Verkehrsplaner Daniel Morgenthaler. Die erste lautet: «Langnau behandelt alle Verkehrsarten gleichwertig».

Ungerecht?

Ein Bürger, der sich durch die Karten und Massnahmenlisten gearbeitet hat, stellte jedoch ein Ungleichgewicht fest: Für die Fussgänger und den öffentlichen Verkehr seien je fünf Hauptziele definiert, für den Veloverkehr vier «und für den motorisierten Verkehr, der immerhin 70 Prozent der Verkehrsleistung erbringt», sei im Richtplan bloss ein Ziel erwähnt. «Das gibt mir ein schlechtes Gefühl», sagte er.

Morgenthaler erklärte: «Weil in den letzten Jahrzehnten für den motorisierten Verkehr viel und für die andern Verkehrsteilnehmer wenig gemacht wurde, haben die andern Verkehrsträger nun mehr Nachholbedarf.» So sieht der Verkehrsrichtplan vor, bestehende Lücken im Fuss-, Wander- und Velowegnetz zu schliessen. Zudem zieht er in Betracht, beim Bahnhof eine bewachte Velostation einzurichten.

Und künftig will man sich in Langnau dafür einsetzen, dass der 30-Minuten-Takt der S-Bahn bis um 24 Uhr gelten wird. Auch ein Ortsbus ins Moos und via Hinterdorf- und Oberfeldstrasse zurück zum Bahnhof ist im Planungsdokument enthalten.

Aber all dies wurde an der Mitwirkungsversammlung bloss am Rande erwähnt. Zu reden gibt die Idee, im ganzen Dorf Langnau flächendeckend Tempo 30 einzuführen mit dem Ziel: «Der Verkehrsablauf wird beruhigt und verträglich gestaltet.»

Wozu signalisieren?

Da könne bloss ein finanzieller Gedanke dahinterstecken, wunderte sich ein Bürger. «Denn wo im Dorf kann man heute tagsüber schneller fahren als mit 30?», fragte er. Eine entsprechende Signalisation diene bloss dem Zweck, Bussen einzunehmen, vermutete er. Davon hätte die Gemeinde allerdings nichts. Laut Gemeindepräsident Bernhard Antener sind «Geschwindigkeitskontrollen allein Sache der Kantonspolizei».

Bauverwalter Oliver Mischler gab dem Votanten zwar recht: «Tagsüber kann man heute sowieso nicht schneller fahren als mit 30.» Doch nicht allein wegen der Geschwindigkeit sei es sinnvoll, eine Tempo-30-Zone einzurichten. In einer solchen Zone hätte es auch keine Fussgängerstreifen. «Die Leute können die Strasse überqueren, wo sie wollen», was 95 Prozent der Fussgänger heute schon praktizierten, wie Mischler sagte.

Zudem gelte überall Rechtsvortritt. Und: Das Auto hat Vortritt vor dem Fussgänger – im Gegensatz zur Begegnungszone, wo Tempo 20 vorgeschrieben ist. Auch solche sind geplant, etwa im Bäraugässli oder im Dorfzentrum im Bereich Viehmarktplatz und zwischen Bahnhof und Bärenplatz.

Schlechtes Beispiel

Zur Skepsis gegenüber Tempo-20- und -30-Zonen trägt in Langnau offenbar die bereits bestehende Lösung an der Kirchgasse bei. Die weisse Bodenmarkierung beim Übergang von der Alleestrasse in die Kirchgasse sorgt für Irritation: Fussgänger benutzen sie wie einen Fussgängerstreifen, Autofahrer meinen, er bedeute, dass die von der Alleestrasse Richtung Viehmarktplatz Fahrenden Vortritt haben. Dabei gilt dort einfach Rechtsvortritt. Die Bodenmarkierung sollte lediglich die Einfahrt in die Tempo-30-Zone unterstreichen.

«Etwas Schlechteres als diese Situation gibt es nicht», meinte ein Votant, und Mischler gab ihm recht. «Das Problem ist erkannt.» Es gehöre zu den vorgeschlagenen 58 Massnahmen, die bei der Umsetzung des Richtplans nach und nach angegangen würden.

Noch ist es ein weiter Weg, bis der Plan in Kraft tritt. Der für die Planung zuständige Gemeinderat Bernhard Gerber nannte das «zugegeben ehrgeizige» Ziel, im Frühling 2016 über einen genehmigten Richtplan zu verfügen. Aktuell sind die Langnauerinnen und Langnauer aufgefordert, die Pläne zu studieren und via Fragebögen Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge einzureichen. – Wie jener Dorfbewohner, der darauf hinweisen wird, dass gemäss dem Entwurf des Verkehrsrichtplans künftig ein öffentlicher Fussweg mitten durch seinen Garten führen würde. «Wir sind dankbar, wenn ihr uns Fehler meldet», sagte Mischler lächelnd.

Die Bauverwaltung bietet am 20. und am 26. März Tage der offenen Tür an, um Fragen zu beantworten. Eingaben sind bis zum 31. März möglich.

Mitwirken, keine Einsprachen

Die Bürgerinnen und Bürger haben keine Möglichkeit, Einsprache gegen den Verkehrsrichtplan zu erheben. Dieser wird durch den Kanton geprüft und vom Gemeinderat genehmigt. Wenn es dann aber um die konkreten Umsetzungen der Massnahmen gehen wird, beispielsweise um die Signalisation einer Tempo-30-Zone, sind Baubewilligungsverfahren vorgeschrieben, in denen Einsprachen möglich sind. Der Verkehrsrichtplan definiert Ziele, die man in Langnau bis in 10 bis 15 Jahren erreichen möchte. Er soll den alten Plan aus dem Jahr 1997 ablösen.

Berner Zeitung

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