Sie arbeiten für «ein paar Tausend Chefs»

Oberaargau

«Attraktive Arbeitgeberin Gemeinde» heisst ein Projekt der Bernischen Gemeinden und Gemeindekader. Wie dringend ist dieses? Marc Hess und Eliane Bürki vom Verein Gemeindekader Oberaargau nehmen Stellung.

Als Gemeindeschreiberin und -verwalter sind sie Generalisten: Eliane Bürki (Inkwil und Berken) sowie Marc Hess (Niederönz) verhehlen nicht, dass sie durch die Vorgaben des Kantons, welche sich immer rascher ändern, auch mal an Grenzen stossen.

Als Gemeindeschreiberin und -verwalter sind sie Generalisten: Eliane Bürki (Inkwil und Berken) sowie Marc Hess (Niederönz) verhehlen nicht, dass sie durch die Vorgaben des Kantons, welche sich immer rascher ändern, auch mal an Grenzen stossen.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Jürg Rettenmund

Kadermitarbeiter von Gemeinden, die während Monaten krankgeschrieben werden. Gemeinden, die ebenso lange einen Gemeindeschreiber oder Bauverwalter suchen: Das erweckt den Eindruck, dass Stellen in den Oberaargauer Gemeinden nicht mehr attraktiv sind. Rennen der Verband bernischer Gemeinden (VGB) und der Bernische Gemeindekader-Verband deshalb hier offene Türen ein, wenn sie ein Projekt mit dem Titel «Attraktive Arbeitgeberin Gemeinde» starten?

Das Projekt soll den Gemeinden konkrete Ideen, Instrumente, Mustergrundlagen und Anleitungen liefern. 90'000 Franken haben die beiden Verbände dafür an einer gemeinsamen Versammlung Ende Januar in Worb beschlossen.

Handbuch zur Unterstützung

Im Oberaargau sind die Gemeindekader in einem Verein organisiert. Präsident ist Marc Hess, Gemeindeverwalter von Niederönz. Das angestrebte Handbuch könne bestimmt die Kadersuche unterstützen, beseitige aber die Probleme der öffentlichen Hand nicht, hält er fest. Er nennt als Beispiel die im Vergleich zur Privatwirtschaft eher tiefen Löhne: «Diese lassen sich angesichts leerer Gemeindekassen auch mit einem Handbuch nicht einfach aus der Welt schaffen.»

Allerdings, ergänzt Eliane Bürki, seien Gemeindekader diesem direkten Lohnvergleich gar nicht unmittelbar ausgesetzt. Die Gemeindeschreiberin von Inkwil und Berken sagt: «Wer nur auf den Lohn schaut, schlägt seinen beruflichen Weg schon gar nicht in eine Gemeindeverwaltung ein.» Dies um so weniger, als man einen grossen Lohn gar nicht vorzeigen könnte: «Die Sonderleistungen, mit denen Kader in der Wirtschaft bei Laune gehalten werden, gibt es bei der öffentlichen Verwaltung nicht.»

Kaum Lehrstellen

Trotz Lohnrückstand, hält Marc Hess fest, seien Gemeinden im Oberaargau denn auch nach wie vor ein beliebter Arbeitgeber. «Wenn Jugendliche wählen können, raten ihnen die Eltern meist zugunsten der Gemeinde.» Das Problem orten die beiden Vertreter des Oberaargauer Gemeindekaders denn auch eher beim Lehrstellenangebot. Auf ihrer kleinen Gemeindeverwaltung könne sie bei den heutigen Anforderungen an Lehrbetriebe keine Lehrlinge ausbilden, stellt Eliane Bürki klar. Auch Marc Hess tut dies nicht, sieht sich aber stärker als seine Kollegin in die Pflicht genommen: «Unsere Verwaltung bildete bisher nie aus, ist aber gewachsen, sodass wir jetzt eigentlich dazu in der Lage wären.» Damit schneide Hess ein anderes Thema an, findet Bürki: die Zeit. Denn mit der Schaffung zusätzlicher Lehrstellen sei es für die Gemeindekader nicht getan: «Für die Branchenkunde in der Berufsschule sind dann auch wieder wir gefordert.»

Wichtig sind ausreichend Lehrlinge im Oberaargau noch aus einem weiteren Grund: «Die Gemeinden rekrutieren ihre Kader vor allem aus der Region, Bewerber von aussen sind selten», stellen Hess und Bürki fest. Deshalb relativieren sie auch die eingangs monierte dauernde Suche der Gemeinden: Hat eine einen Gemeindeschreiber gefunden, muss sich halt die nächste auf die Suche machen. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, seien Stellen aber innert nützlicher Frist wieder besetzt.

Karussell dreht nicht überall

Das Personalkarussell in den Oberaargauer Gemeinden mag damit in Schwung gehalten werden, doch Marc Hess und Eliane Bürki werden darauf kaum selbst aufspringen. Diesen Eindruck erhält man jedenfalls im Gespräch mit ihnen: Er sei in Niederönz aufgewachsen, und es sei immer sein Ziel gewesen, einmal in dieser Gemeindeverwaltung arbeiten zu können. Das Ziel hat der 39-Jährige vor sieben Jahren erreicht, als er zum Finanzverwalter gewählt wurde. Seit drei Jahren trägt er als Gemeindeverwalter die Gesamtverantwortung.

Auch Eliane Bürki (38) hatte Beziehungen zu den beiden Gemeinden, für die sie 2006 die Gemeindeschreiberei übernahm: In Inkwil turnt die in Röthenbach bei Herzogenbuchsee Aufgewachsene im Turnverein, aus Berken stammt ihr Vater. Damit kommt das Gespräch auf das «Herzblut», das laut den beiden kantonalen Verbänden den Kadern zunehmend verloren gehen kann.

Ja, das Umfeld sei anspruchsvoller geworden, stellen die beiden Oberaargauer fest, allerdings seien die Gemeindeverwaltungen in diesem Umfeld nicht allein. Marc Hess nennt ein Beispiel: «Es ist nicht einfach, die unregelmässigen Arbeitszeiten mit den unvermeidlichen Abendsitzungen mit den heutigen Familienformen in Einklang zu bringen.» Sei früher klar gewesen, dass der berufstätige Partner diese zu leisten habe, müsse dies heute meist mit einem ebenfalls berufstätigen Partner koordiniert werden. «Hinzu kommt», ergänzt Eliane Bürki, «dass wir anders als der Geschäftsführer eines KMU nicht einfach Chef sind, sondern fünf bis sieben Chefs haben, die wir bei ihrer Entscheidfindung unterstützen sollen.» – «Streng genommen haben wir sogar ein paar Tausend Chefs», korrigiert Marc Hess und ergänzt, dass es Bürger gebe, die dies im Gespräch durchaus gerne zu erkennen geben.

Generell sei die Erwartungshaltung der Bevölkerung gestiegen, sie erwarte mehr von der Gemeinde, sei umgekehrt weniger bereit, sich selbst zu engagieren oder schon nur einen Nachbarschaftsstreit selbst zu lösen. Dass die Gemeindekader in diesem Umfeld an ihre Grenzen kommen können, verhehlen Eliane Bürki und Marc Hess nicht. «Mit den Vorgaben des Kantons, die sich immer rascher ändern, stossen wir als Generalisten schon einmal an Grenzen», gibt Eliane Bürki zu, um so mehr, als politische Entscheidungsprozesse nun einmal recht träge seien. «Doch», hält sie fest, «das macht unseren Beruf doch gerade interessant.»

Berner Zeitung

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