Von Stolz und Schande in Röthenbach

Röthenbach

Die Gemeinde Röthenbach hat das Glück, dass sich ein pensionierter Mathematikprofessor für ihre Geschichte interessiert. Was Hans Riedwyl in Archiven recherchiert hat, ist nun in einem Buch nachzulesen.

Nicht auf jeden ihrer weltweit verstreuten Bürger können die Röthenbacher so stolz sein wie auf Joe Engle, den Raumschiffkommandanten.

Nicht auf jeden ihrer weltweit verstreuten Bürger können die Röthenbacher so stolz sein wie auf Joe Engle, den Raumschiffkommandanten.

(Bild: Thomas Peter)

Susanne Graf

Tage- und wochenlang stand Hans Riedwyl im Archiv der Gemeinde Röthenbach. Rund 200'000 Fotos habe er gemacht, sagt er. Während sechs Jahren hat er die digitalisierten Dokumente häppchenweise ins Internet gestellt. «Heute kann jeder Röthenbacher Bürger weltweit seine Vorfahren im Internet finden», sagt Riedwyl. Vor zwölf Jahren trat er als Mathematikprofessor an der Uni Bern in den Ruhestand. Nachdem er ein ganzes Berufsleben lang mit Zahlen gearbeitet hatte, wollte er sich in der Pension einem anderen Thema widmen: der Geschichte. Da er wusste, dass 2007 das Täuferjahr stattfinden würde, beschloss Riedwyl, ein Buch zu schreiben über einen Täufer, den es seinerzeit von Kehrsatz nach Röthenbach verschlagen hatte. Vorher hatte der in Liebefeld wohnhafte Mathematiker keinen Bezug zu der kleinen Gemeinde im oberen Emmental. Seinem Interesse an der Aufarbeitung des archivierten Materials ist es nun aber zu verdanken, dass ein Buch mit dem Titel «Rund um Röthenbach in alter Zeit» erschienen ist.

Gotthelf wirkte mit

Entstanden ist ein über 200-seitiges Buch, das mehr erzählt als bloss die Geschichte der Gemeinde Röthenbach. Riedwyl ordnet ein und erklärt geschichtliche Zusammenhänge, die sich einem allein beim Lesen der eingescannten Dokumente nicht erschliessen würden. Dass man sich eine Vorstellung vom Leben und Denken der Menschen im alten Röthenbach machen kann, dafür sorgen zudem die sorgsam ausgewählten und zu den Themen passenden Zitate aus verschiedenen Werken Jeremias Gotthelfs.

Was waren das nun also für Leute, die in Röthenbach ihre Wurzeln hatten? Einer, der es weit gebracht hat, hiess Carl Schenk. Er wurde 1863 zum dreizehnten Bundesrat gewählt. Er lebte in Signau, aber gemäss Riedwyls Recherchen kamen dessen Vorfahren aus Röthenbach. Laut einem Chronisten des gleichen Stammes soll der erste Schenk, von dem dieser gehört habe, im oberen Fischbach gewohnt «und einen hölzigen Scheichen» gehabt haben.

Wie fast überall im oberen Emmental schlossen sich auch Röthenbacherinnen und Röthenbacher dem Täufertum an – sehr zum Verdruss der weltlichen und der geistlichen Obrigkeit. Pfarrer Dürr schlug in seinem Bericht an die Regierung im Jahr 1714 ziemlich resignierte Töne an. Er glaube nicht, dass die gnädige Obrigkeit bei der Ausrottung «dieses Unkrauts» im Emmental einen heiligen Zweck verrichten werde, denn da gebe es gar viele heimliche Halbtäufer, «welche solchen Verführten Unterschlupf geben».

Der Stolz der Röthenbacher

Trotzdem gab es auch Röthenbacher Täufer, die zuerst in den Jura flüchteten und von dort nach Amerika auswanderten. So etwa die Familie Engel, von der Joseph Henry Engle abstammte. Er brachte es noch weiter als Carl Schenk: Joe Engle war 1981 Kommandant des Raumschiffs Columbia, und 1985 flog er mit der Discovery ins Weltall. Doch seinen Wurzeln blieb er sich offenbar bewusst. Im Buch ist eine Karte abgedruckt, die das Raumschiff zeigt. Darunter schrieb Joe Engle eigenhändig: «Den Röthenbachern – Ich hoffe, noch viele, viele Male zum Dorf meiner Wurzeln zurückzukommen. Aber ich verspreche Ihnen, ich werde nicht versuchen, das Raumschiff auf dem Dorfplatz zu landen.» Eine Vergrösserung dieser Karte hängt heute im Sitzungszimmer der Gemeindeverwaltung Röthenbach.

Wo steht geschrieben?

Auf einige ihrer auf der ganzen Welt verstreuten Bürger sind die Röthenbacher mit Recht stolz. Daneben hatten die Gemeindeväter aber durchaus auch ihre Sorgenkinder. Diese fanden dann Erwähnung in den Chorgerichtsmanualen. So zum Beispiel ein gewisser Christen Gerber, Küher auf der Schindellegi. Ausgerechnet an einem Tag, da in Signau Markt war, liess er sein Kind taufen. «Anstatt nun dieser heiligen Taufhandlung beizuwohnen und als Vater für das arme Kindlein zu bätten, führte dieser irreligiöse Küher eine Kuh auf den Markt nach Signau», notierte Prädikant Abraham des Gouttes am 13.Juni 1752 erzürnt. Wegen des Versäumnisses zur Rede gestellt, habe Gerber «dumm und unvernünftig» geantwortet, er habe seine zu verkaufende Kuh niemandem anvertrauen können. «Heilloserweise» habe der Vater laut des Gouttes auch noch hinzugefügt, es stehe nirgends geschrieben, dass der Vater der Taufe seines Kindes notwendig beiwohnen müsse.

Auch ein Samuel Tschanz musste vor dem Chorgericht antraben: «Weil er sich in hiesigem Wirtshaus mit Kirschenwasser sau-katz-voll gesoffen» habe, sodass man ihn «auf einer Mistbähre» habe nach Hause bringen müssen.

Strenge Sitten

Einst herrschten in Röthenbach aber auch gar strenge Sitten: Ein Mädchen wurde verklagt, weil es am hellen Tag in «Mannskleidern» durch das Dorf gelaufen sei. Zudem gab es Anlass zu Ärger, weil es beim heiligen Abendmahl das gesegnete Brot nicht gegessen, «sondern aus dem Mund genommen» habe. Der Verdacht lag nahe, es habe das Brot für «abergläubische Sachen missbraucht». – Dabei sei ihm der Bissen bloss zu gross gewesen, «nach Geniessung des Weins» habe es ihn wieder in den Mund geschoben.

Selbstverständlich hat auch Bedeutenderes Eingang gefunden in das Buch. So ist etwa nachzulesen, wie das war mit der Wassernot, woher der Gabelspitz seinen Namen hat und was Röthenbacher Alpen mit dem Bau des Inselspitals zu tun haben.

Berner Zeitung

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