Wenn 120 Prinzen ihren König küren

Langenthal

Während eines Tages wurde der Oberaargauer Hauptort Langenthal zur Hauptstadt der helvetischen Jassgemeinde: Die besten Differenzler-Jasser trafen sich hier zum 27.Finale. Christian Schafroth aus Bärau entschied es für sich.

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Vom Aucho bis zum Zuger kennt das offizielle Schweizer Jassreglement – der vom verstorbenen Jasspapst Göpf Egg verfasste Knigge – gut drei Dutzend verschiedene Jassarten. Unter diesen sei der Differenzler die Königsdisziplin, sagt Kurt Grossenbacher, Mitorganisator des 27.Eidgenössischen Differenzler-Jass-Finals in Langenthal. Ob das wirklich so ist, das wissen die Jassgötter.

Ein Augenschein am Samstag lässt aber keine Zweifel offen, dass es sich beim Differenzler um einen «speziellen» Jass handelt. Verallgemeinert gesagt, geht es beim Jassen ja darum – unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen auch immer –, möglichst viele Punkte zu machen. Dazu brauchen die Spieler starke Karten. In dieser Beziehung unterscheidet sich der Differenzler: Hier ist es möglich, auch mit schlechten Karten Erfolg zu haben.

Neun Frauen nehmen teil – und wissen sich zu behaupten

In Langenthal sitzen die 120 Finalteilnehmer aus der ganzen Schweiz zu viert an den Tischen. Über Qualifikationsturniere haben sie sich in allen Regionen der Schweiz – und auch auf der Ferieninsel Mallorca – als Kronprinzen für dieses Happening qualifiziert; eine grossmehrheitlich Ü-40-, wenn nicht gar Ü-50-Veranstaltung für Herren. Die neun teilnehmenden Damen bilden die Ausnahme. Drei von ihnen, dies sei im Voraus verraten, werden sich in den zehn besten Rängen klassieren.

In der Mehrheit fungieren die Frauen allerdings als Schreiberinnen. Je eine sitzt am Kopfende eines jeden Tisches und schaut, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Sie führen die «Buchhaltung».

Es geht los. Erst wird bestimmt, welche Farbe in der nächsten Spielrunde Trumpf ist. Anschliessend bekommt jeder Spieler neun Karten. Diese in der Hand haltend, rekapituliert jeder in seinem Hinterkopf, wie viele Punkte er mit seinem Blatt zu machen gedenkt. Diese Prognosen werden, für die Mitspieler nicht einsehbar, an die Schreiberin übermittelt.

Prophezeiung in Erfüllung gehen lassen

Jetzt beginnt die Partie. Dabei besteht die grosse Kunst für jeden Einzelnen darin, seine Prophezeiung möglichst in Erfüllung gehen zu lassen. Wer – dank potenziell starken Karten – eine hohe Punktzahl vorausgesagt hat, muss schauen, dass er diese nun macht. Im Gegensatz muss der, welcher wenig vorausgesagt hat, darauf achten, nicht ein unerwünschtes Supplement zu kassieren. Im Gegensatz zu einem Schieber-Preisjassen ist man nicht darauf bedacht, dem anderen «zu Leide zu werken». Es werden einander kaum Trümpfe abgejagt.

Ein solches Verhalten ist beim Differenzler verpönt. «Wenn wir schon den ‹vornehmsten› Jass spielen, verhalten wir uns auch so», lautet denn auch das Motto unter den Differenzler-Cracks. Davon abgesehen ist ein solches Verhalten nicht zielführend. Ausser der – kurzen – Freude, einem Kontrahenten das Budget durcheinander gebracht zu haben, lauert auch die Gefahr, das eigene Fuder zu überladen.

Der Fokus ist denn auch auf andere Parameter gerichtet. Wer nicht eine böse Überraschung erleben will, hat Dreierlei zu beachten: Wie viele Trümpfe sind wo noch im Spiel, wie viele der 157 Punkte, welche bei einer Partie verteilt werden, sind schon weg, und wie viele brauche ich selbst noch?

Der König lag gerade mal knapp vier Punkte daneben

Ausreisser und «Unglücksfälle» ausgenommen, gehen die Rechnungen an den 30 Tischen weitgehend auf. Dies bestätigt am späteren Nachmittag ein Blick auf die Rangliste: Bei acht Passen zu je vier Partien spielte jeder Teilnehmende 32-mal. Bei seinen Partien lag Christian Schafroth aus Bärau im Durchschnitt knapp vier Punkte neben seinen Prognosen – er wurde zum «König» gekürt. Die Verfolger standen ihm nur wenig nach: Henry Vonwyl aus Hergiswil wurde Zweiter, auf Rang drei spielte sich Lusia Göttler aus Trachslau.

Der einzige Teilnehmer aus dem Oberaargau, Kurt Wüthrich aus Lotzwil, erreichte in der Rangliste Platz 35. Mit leeren Händen indes ging niemand nach Hause: Mit Preisen im Wert von mehr als 400'00 Franken war der Gabentempel gut gefüllt – bis hin zum Sackmesser und mit Gutscheinen im Wert von 120 Franken für den schlechtesten Ansager des 27.Differenzler-Jass-Finals.

Alle Resultate werden unter www.edjv.ch aufgeschaltet.

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