Wie die Kirche zur Wirtschaft kam

Seeberg

Seit vier Jahrzehnten betreibt die Kirchgemeinde Seeberg das Restaurant Rössli im solothurnischen Oekingen. Die Hinterlassenschaft von Hans Mühlemann hat sich seither zur Sicherheit gemausert.

Ein stolzes Gasthaus nennt die Seeberger Kirchgemeinde mit dem Rössli das Ihre. Es wurde nach der Übernahme in den 70er-Jahren umfassendst saniert.

Ein stolzes Gasthaus nennt die Seeberger Kirchgemeinde mit dem Rössli das Ihre. Es wurde nach der Übernahme in den 70er-Jahren umfassendst saniert.

(Bild: zvg)

Chantal Desbiolles

Als «eigenwillig» wird er von den Älteren beschrieben, die ihn kannten. Hans Mühlemann galt schon zu Lebzeiten als Original, und er selbst setzte viel daran, dass diese Erinnerung an ihn über seinen Tod hinweg fortdauert. Anekdoten rund um den 1,57 kleinen Mann erzählt man sich bis heute. So soll der gewesene Wirt der Wirtschaft zum Rössli in Oekingen ab und an das Schild «Heute geschlossen» vor die Tür gehängt haben, wenn drei Jasser nach seinem Geschmack eingekehrt waren, um mit ihnen unbehelligt jassen zu können.

Auch als eines kalten Winters in den frühen 70er-Jahren der damalige Gemeindepräsident von Seeberg in der Gaststube nach etwas Warmen verlangte, habe Hans Mühlemann ihm geantwortet: «Los, bi üs gits nüt Warms.» Worauf dieser sich gefügt und einen Schnaps bestellt habe, wie der ehemalige Seeberger Kirchgemeindepräsident Walter Ischi sich erinnert (siehe Box). Just an seinem Geburtstag, am 5. Februar 1975, erfuhr Ischi vom Tode des umtriebigen Mannes und passionierten Örgelispielers.

Mit Herkunft verbunden

Dass sein Andenken gepflegt wird, hat indes nicht nur mit Mühlemanns eigener Persönlichkeit zu tun, sondern auch mit seinem letzten Willen: Er setzte die reformierte Kirchgemeinde von Seeberg als Alleinerbin ein. Dieser Entscheid fusste wohl auf dem Umstand, dass seine Verwandtschaft sich nie gross um ihn gekümmert habe, mutmasst Ruedi Mühlemann, auch habe er im Solothurnischen nie Wurzeln geschlagen und sich daher seiner Heimatgemeinde näher gefühlt.

Den heutigen Vizekirchgemeinderatspräsidenten und seinen Namensvetter verbinden Blutsbande: Sie hatten väterlicherseits denselben Grossvater. Während Ersterer in Grasswil daheim ist, zogen die Eltern von Hans Mühlemann in den 60er-Jahren nach Oekingen, wo sie die Wirtschaft an der unteren Oesch übernahmen. Der stolze Vater benannte sie später zu Ehren seines Kavalleristen-Sohnes in Rössli um. Hans Mühlemann und seine Mutter führten nach dem Tod des Vaters den Betrieb weiter.

Eine schwierige Erbschaft

Die Überraschung war gross, als nach des Sohnes Hinschied im Alter von 63 Jahren die Erbschaft bekannt wurde: Die Wirtschaft sowie 13 Hektaren Land im Wert von 1,2 Millionen Franken hatte er der Kirchgemeinde hinterlassen. Rat und Versammlung hätten lange diskutiert, erinnert sich Ruedi Mühlemann. Schliesslich habe man sich dafür entschieden, die Erbschaft anzutreten.

Den Ausschlag dafür dürfte eine Landumlegung gegeben haben; so kam die Gemeinde Oekingen zu einer Baulandreserve im Zentrum und die Kirchgemeinde zu Kapital für die Sanierung der Wirtschaft, die immerhin 750'000 Franken verschlungen hatte. Nur, weil in den 70er-Jahren «gescheite Leute» darum besorgt gewesen seien, sei aus einer eigentlichen Hypothek eine «gescheite Sache» geworden, sagt Ruedi Mühlemann.

Unter klaren Bedingungen

Des Erblassers Eigenwilligkeit lässt sich auch an den Bedingungen erkennen, an die er seine Hinterlassenschaft knüpfte: Während 30 Jahren sollte das Rössli nicht verkauft werden dürfen, nur ein Berner Ehepaar sollte es führen, und der erwirtschaftete Gewinn musste für eine neue Orgel und neue Glocken in der Kirche Seeberg eingesetzt werden. Wortwörtlich hiess es in seinem Testament: «Man soll sagen können, die Glocken von Mühlemann Hans läuten den Sonntag ein!» Musik genoss einen hohen Stellenwert in seinem Leben; er war bekannt dafür, auf seinem Örgeli den Gästen ein Ständchen zu bringen.

Fünf Wirtegenerationen und 40 Jahre später betreibt die Kirchgemeinde «ihr» Rössli ennet der Kantonsgrenze noch immer. Die Frage, ob dies zu ihren Aufgaben gehört, wurde während dieser Zeit mehrmals aufgeworfen und erneut diskutiert – zuletzt nach dem unerwarteten Hinschied des vorletzten Pächters. «Wir haben uns damit auch eine soziale Verantwortung aufgebürdet», erinnert sich Kirchgemeindesekretär Franz Hänni und verweist auf die Bedeutung des Gasthofs als Treffpunkt für Vereine und Drehscheibe des Dorflebens. «Sie bedeutet für uns auch eine Verpflichtung.»

Nicht zuletzt ist die Seeberger Kirchgemeinde dank des Hans-Mühlemann-Fonds schuldenfrei. Bisher sei man, was die Verwendung der Gelder angehe, den Wünschen des Erblassers gefolgt. Für die Sanierung von Kirchturm und Westfassade baute man auf Darlehen aus dem Fonds, die verzinst worden sind. Bei der Sanierung der Kirchmauer legt der Kirchgemeinderat die Vorgaben grosszügiger aus; ein Teil der Kostenbeteiligung von 30'000 bis 40'000 wird dem Fonds belastet. «Was er erreichen wollte, hat er erreicht», stellt Ruedi Mühlemann fest: Hans Mühlemanns Name gerate nicht in Vergessenheit.

Berner Zeitung

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