Zu Fuss ins Tal - und in die Schule

Oberfrittenbach

Bequem im Auto der Eltern zum Unterricht gefahren zu werden ist für die beiden ein Fremdwort: Luzia und Thierry Blaser nehmen jeden Morgen den Weg in den Oberfrittenbachgraben unter die Füsse – auch im Winter bei Schnee.

Zwischen Waldrand und Matte: Luzia und Thierry Blaser verlassen am ersten Schul- und Kindergartentag den Brunnengrat.

Zwischen Waldrand und Matte: Luzia und Thierry Blaser verlassen am ersten Schul- und Kindergartentag den Brunnengrat.

(Bild: Hans Wüthrich)

Stephan Künzi

Eine halbe Stunde nach dem Abmarsch auf dem Brunnengrat ist das Schulhaus Oberfrittenbach erreicht. In dieser Zeit sind die siebenjährige Luzia und der viereinhalbjährige Thierry hinunter ins Tal zur Haltestelle gestiegen, von wo aus sie der Linienbus talauswärts zum Unterricht gefahren hat. Es ist ein Schulweg, der zuerst zu Fuss mehr als hundert Höhenmeter durch den Wald in die Tiefe führt und dann für die verbleibenden rund anderthalb Kilometer entlang der Strasse und dem Bach auf den öffentlichen Verkehr abstellt. Kein Wunder, ist Mutter Priska Blaser an diesem ersten Morgen nach den Sommerferien mit von der Partie. Immerhin ist für Thierry, der in den Kindergarten für die Kleinen eintritt, alles neu und ungewohnt. Luzia erlebt mit dem ersten Schultag zwar ebenfalls eine Premiere. Weil sie aber bereits zwei Jahre den Kindergarten besucht hat, ist sie mit dem Weg bestens vertraut. Auch wenn es dieser in sich hat. «Sie ist sehr fit»Es gibt sie also noch, die Kinder, die nicht einfach von ihren Eltern bequem im Auto zum Unterricht gefahren werden. Gerade im Hügelland hinter Langnau – obwohl dort die Wege in den letzten Jahren ja sogar länger geworden sind: Weil die Kinderzahlen abnehmen, hat die Gemeinde auch im Oberfrittenbachgraben das hinterste Schulhaus geschlossen. Zwar fahren heute auch in Oberfrittenbach mehr Autos auf dem Schulhausplatz vor als früher, doch für Priska Blaser sind sie keine Alternative zum Fussmarsch. Erstens aus praktischen Gründen, da vom Brunnengrat aus die Strasse ins Tal einen weiten Bogen beschreibt und man zeitlich rein gar nichts spart. Zweitens kennt auch sie von ihrer eigenen Schulzeit her nichts anderes als den direkten Fussweg von hier oben ins Tal. Und vor allem drittens: «Ich habe bei Luzia bemerkt, dass die Kinder nur profitieren. Sie ist sehr fit.» Und die Regenmolche?Und freut sich an so vielem, was sie unterwegs antrifft. Das wird rasch klar, als sie um halb acht daheim zum ersten Schultag aufbricht. «Schau, hier hat der Rehbock gewütet», sagt sie und deutet ins geknickte Unterholz. Das erste Stück zwischen Waldrand und Matte ist vorbei, schon säumen links und rechts die Bäume den schmalen, den steilen Hang entlang führenden Pfad – und etwas weiter unten an einem völlig überwachsenen Strunk: «Das ist mein Lieblingsplätzchen, weil es hier so grün ist. Siehst du den Farn?» Vielleicht lassen sich ja auch noch ein paar Regenmolche blicken. Möglich wäre es jedenfalls bei diesem nasskühlen Wetter. Voran im Schnee«Schon ich habe auf dem Schulweg die Regenmolche gezählt», sagt Priska Blaser lachend. Dann erzählt sie von den Geschenken, mit denen Luzia in den zwei verflossenen Kindergartenjahren heimgekommen ist. Mal hob die Kleine unterwegs einen besonderen Stein oder einen besonderen Ast auf, mal pflückte sie einen Blumenstrauss. Die Eltern legen sich auch dafür ins Zeug, dass die Kinder gut ins Tal kommen. «Als Luzia vor zwei Jahren in den Kindergarten kam, mussten wir mit Säge und Schaufel den damals recht verwachsenen Weg wiederherstellen.» Die Schaufel kommt nach wie vor zum Einsatz, «im Winter gehe ich bei Schnee jeweils voran und mache den Weg frei». So oder so wird Priska Blaser in den nächsten Monaten wieder vermehrt ins Tal und zurück wandern. Damit sich auch Thierry an den Weg gewöhnt. Das Thema im BusDie zwei Kinder vom Brunnengrat sind übrigens längst nicht die einzigen, die den Schulweg zu Fuss und im Bus hinter sich bringen. Wenn der Bus am Mittag mit den Kindern taleinwärts fährt und es vielleicht noch regnet, prägt ein Thema die Diskussion: Wer hat von der Haltestelle weg noch wie viele Kilometer zu gehen?

Berner Zeitung

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