«Da ist etwas schiefgelaufen»

Burgdorf

Das Regionalgericht Emmental-Oberaargau spricht einen Schweizer vom Vorwurf der Gewässerverschmutzung frei. Und rüffelt gleichzeitig Polizei und Staatsanwaltschaft.

«Auf der Suche nach der Wahrheit ist etwas schiefgelaufen», stellte Richter Richner fest.<p class='credit'>(Bild: Google Maps)</p>

«Auf der Suche nach der Wahrheit ist etwas schiefgelaufen», stellte Richter Richner fest.

(Bild: Google Maps)

Johannes Hofstetter

Sicher war in diesem Strafverfahren nur eines: Am Nachmittag des 18. April letzten Jahres floss aus einer Leitung unter einem Emmentaler Metallverarbeitungsunternehmen Heizöl in einen nahen Bach. Alles andere ist auch anderthalb Jahre später ungewiss: Niemand weiss, wie viel Öl durch welche Leitung wieso in das Gewässer gelangen konnte. Kein Mensch kann mit Gewissheit sagen, wie alt die tief im Boden einbetonierten Rohre sind.

1200 Liter Öl ausgelaufen

Das hinderte die Polizei und die Staatsanwaltschaft nicht daran, dem seit 20 Jahren für den technischen Unterhalt der Firma zuständigen Mitarbeiter zu unterstellen, er habe die Gewässerverschmutzung verursacht. In ihrem Strafbefehl behauptete die Anklagebehörde, aus «einer maroden und korridierten» Leitung seien 1200 Liter Öl ausgelaufen.

Verantwortlich dafür sei der Hauswart. Er habe es unterlassen, «sich über den Zustand der circa 80-jährigen Leitung zu informieren und seine Vorgesetzten entsprechend in Kenntnis zu setzen, damit Massnahmen für eine Sanierung hätten getroffen werden können».

Darüber, dass exakt an dem Tag, an dem sich der Unfall ereignete, auf dem Firmengelände eine Tankrevisionsfirma zugange war, welche diesen Auftrag für dieses Unternehmen zum ersten Mal ausführte, ist in dem Papier kein Wort vermerkt. Ebenso fehlt ein Hinweis darauf, dass zu jenem Zeitpunkt direkt neben der Firma ein grosses Haus abgerissen wurde, was massive Bodenvibrationen verursachte.

Fall weitergezogen

Wegen einer fahrlässigen Widerhandlung gegen das Gewässerschutzgesetz büsste die Staats­anwaltschaft den Mann mit 300 Franken. Weiter verknurrte sie ihn zum Bezahlen der Gebühren von 500 Franken.

Das liess sich der Schweizer nicht bieten. Er zog den Fall weiter ans Regionalgericht Emmental-Oberaargau. Gegenüber Einzelrichter Roland Richner sagte der Mann am Donnerstag, er sei sich keiner Schuld bewusst. Dass die Anlage «marode» gewesen sein soll, stimme nicht. Alt sei sie vielleicht.

«Aber nicht alles, was alt ist, muss auch schlecht sein», ­sekundierte sein Verteidiger. Er ­habe die Rapporte der regel­mässigen Tankrevisionen jeweils genau studiert und nie etwas Auffälliges feststellen können, fügte der Beschuldigte an. Abgesehen davon sei er am fraglichen Tag nachweislich in den Ferien ge­wesen.

«Nicht alles, was alt ist, muss auch schlecht sein.»Der Verteidiger

Richter Richner sprach den Mann frei. «Dass Heizöl in ein Gewässer gelangt, darf nicht passieren», sagte der Vorsitzende. Dass es trotzdem passierte, sei nicht die Schuld des Cheftechnikers. Als jemand, der die Anlage aus dem Effeff kenne und immer dafür gesorgt habe, dass sie tadellos funktioniere, habe er «in keiner Art und Weise» erkennen können, dass im Boden eine Gefahrenlage bestehe.

«Ziemlich komisch»

Nicht tadellos gearbeitet hätten hingegen die Ermittlungs- und Anklagebehörden, fuhr Richner fort. «Auf der Suche nach der Wahrheit ist etwas schiefgelaufen», stellte er mit Blick auf die «ziemlich komischen» Befragungsprotokolle der Polizei und den «etwas eigenartigen» Strafbefehl der Staatsanwaltschaft fest.

Auf der Suche nach einem Sündenbock habe man es sich vielleicht etwas sehr einfach gemacht nach dem Motto: «Wir haben eine Gewässerverschmutzung. Daran ist jemand schuld. Wieso soll das nicht der Mann sein, der für den Unterhalt der Anlage verantwortlich ist?»

Langenthaler Tagblatt

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