Die zweite Uraufführung

Burgdorf

62 Jahre war der Film zur Solätte 1956 verschollen. Jetzt ist er im Stadtarchiv wieder aufgetaucht. Warum das Werk damals für Diskussionen sorgte, kann man heute nicht nachvollziehen.

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Eigentlich hätte der Film zur 225. Durchführung der Solätte die Grundlage für einen Propagandafilm für die Stadt Burgdorf werden sollen. Doch daraus wurde nichts. Zu umstritten war das Werk. Der Tenor der Leserbriefe im «Burgdorfer Tagblatt» war uneinheitlich – von empört bis amüsiert.

Natürlich spielte das Geld eine Rolle: 1000 Franken pro Minute schien viel zu teuer für einen halbstündigen Streifen. Andere monierten, die weissen Kleider kämen in einem Farbfilm zu wenig zur Geltung. Und einige befürchteten, als Folge des Frosts im Frühling würde die Solätte 1956 zu wenig blumig werden.

Mindestens letztere Sorge stellte sich dann zwar als unnötig heraus. Trotzdem verschwand das von Charles Zbinden gedrehte Werk nach der Uraufführung im Kino Krone am 2. März 1957 in der Versenkung.

Der Solätte-Film blieb verschollen – aber nicht vergessen. Lokalhistorikerin Trudi Aeschlimann-Müller, die als Schülerin 1956 am Fest der Jugend dabei war, machte sich 2013 zusammen mit dem Filmschaffenden Raff Fluri auf die Suche. Zuerst erfolglos. Erst als Stadtpräsident Stefan Berger angefragt wurde und dieser seine Mitarbeiterin Brigitte Henzi nach dem verschwundenen Film im städtischen Archiv suchen liess, gelang der Durchbruch.

Am Mittwoch wurde das Bilddokument den Medien präsentiert. 62 Jahre nach der Uraufführung im Kino Krone wird der Film quasi in einer zweiten Uraufführung am Abend der Solätte 2019, am 24. Juni, um 19.30 Uhr, gleichenorts der Öffentlichkeit vorgeführt.

Der Tee in Gläsern

Warum der von der Stadt Burgdorf in Auftrag gegebene Film mehr als sechs Jahrzehnte verschwunden blieb und weshalb er 1957 zu einem Disput in der Bevölkerung führte, wissen weder Trudi Aeschlimann noch Raff Fluri. Aus heutiger Optik lassen sich keine Negativa feststellen.

Das Werk entspricht dem Zeitgeist der 50er-Jahre. Ein gutes Dezennium nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist bei manch einer Formation noch militärischer Drill zu erkennen. Rekruten gleich marschieren die Kadetten durch Ober- und Unterstadt der Schützenmatte zu. Mit nackten Oberkörpern tragen die Oberstufenschüler ihre Wettkämpfe aus und führen die Turnübungen dem in grosser Zahl anwesenden Publikum vor.

Zum Durstlöschen wird den Knaben sowie den Mädchen, die ihre Reigen zum Besten geben, Tee gereicht. Mit einer Kanne geht ein Betreuer durch die Reihen und füllt – mitten auf der Schützenmatte – die Gläser. Jahrzehnte bevor der Burgdorfer Souverän über ein Obligatorium für Mehrweggeschirr an Anlässen abstimmen muss.

«Die morgenfrische Jugend»

Selbst die ausnahmslos in Weiss gekleideten Mädchen ziehen im Gleichschritt durch die Gassen. Oder das Kirchbühl hinauf zum Gotteshaus. Kein Wunder, beschreibt der Sprecher des Solätte-Films die Szene mit den Worten: «Unter dem Klang des Kirchgeläutes marschiert die morgenfrische Jugend durchs Städtchen hinauf gegen die Kirche zur erhabenen Feier.»

Ein Vergleich zu heute zeigt, dass eines gleich geblieben ist: die Freude der Kinder. Das Strahlen. Der Stolz der Erstklässler, am Fest der Jugend endlich teilnehmen zu dürfen. Auch 1956 begann die kirchliche Feier mit dem Gebet des Stadtpfarrers. «Dann tippeln die Kleinsten daher, oft etwas bangen Herzens, um nach feierlicher, wohleingeübter Referenz den Sollenitätspfennig in Empfang zu nehmen», lautet der Filmkommentar. 

Taler statt Pfennig

Noch heute tippeln die Erstklässler durch die Kirche dem Chor zu. Doch einen Knicks – oder Referenz, wie es damals hiess – machen die Mädchen nicht mehr. Und die Knaben verzichten auf ein tiefes Verbeugen. Vorbei sind die Jahre, in denen der Sollenitätspfennig überreicht wurde. Längst wird jeder Erstklässlerin und jedem Erstklässler ein Taler in die Hand gedrückt.

Im Chorraum, wo einst die Stadtmusik spielte und die Eltern Platz nahmen, wird seit Jahren eine Tribüne aufgebaut, von der die Neuntklässler Lieder vortragen. Die Schuljugend – auch dies ein Unterschied – wohnte der Feier 1956 auf den Bänken im Kirchenschiff bei, dort, wo heute die Angehörigen sitzen.

Dass die Kirchenszenen des 30-minütige Films nicht in Farbe, sondern schwarzweiss gedreht wurden, ist bewusst so gewählt worden. Der Grund: Dafür, in Farbe drehen zu können, hätte die Kirche fast komplett ausgeleuchtet werden müssen. Für Schwarzweissaufnahmen reichte das durch die Fenster einfallende Tageslicht aus.

Der Solätte-Film von 1956 ist ein Zeitdokument. Das Vokabular des Sprechers im Werk von Charles Zbinden mag antiquiert klingen, übertrieben fast, aber oft poetisch: «Die Kadettenmusik hat die Sekundarschülerinnen zum Schulhaus zurückgeleitet. Ihr Ständchen erweicht die Mädchenherzen. Blumen und Blicke fliegen hin und her. Ach, es ist so aufregend schön!»

Berner Zeitung

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