Der Pfarrer mit dem gewinnenden Lachen

Burgdorf

Der kenianische Religionsphilosoph John Mbiti war ein preisgekrönter Intellektueller. In Burgdorf aber bleibt er vor allem als Pfarrer in Erinnerung, der emotional berührte. Im Alter von 88 Jahren ist er gestorben.

Ein gefragter Redner: John Mbiti an einer Versammlung der All Africa Conference of Churches in Uganda im Jahr 2013. Foto: WCC/Naveen Qayyum

Ein gefragter Redner: John Mbiti an einer Versammlung der All Africa Conference of Churches in Uganda im Jahr 2013. Foto: WCC/Naveen Qayyum

Regina Schneeberger

John Mbiti galt als Vater der modernen afrikanischen Theologie. Der gebürtige Kenianer hat in Cambridge promoviert, hat als Professor an namhaften Universitäten in Afrika, den USA und Europa geforscht und gelehrt, zuletzt an der Universität Bern. Für sein Schaffen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Peace with Justice Award der anglikanischen Kirche Südafrikas.

In Burgdorf aber war er weniger als preisgekrönter Intellektueller bekannt. Hier kannte man ihn vom KUW-Unterricht, von Taufen und Gottesdiensten. Hier war er einfach Pfarrer Mbiti. Von 1981 bis 1996 stand er im Dienst der reformierten Kirche. «Er hat hier nur einen Teil von sich gezeigt», sagt Jürg Tschachtli. Der pensionierte Burgdorfer Pfarrer hat viele Jahre lang mit John Mbiti zusammengearbeitet. Die intellektuelle Seite hervorzuheben, habe er nicht nötig gehabt, so Tschachtli. «Gerade deshalb hat er auch den Zugang zu den Leuten so schnell gefunden», meint die ehemalige Kirchgemeinderätin Eva Kellerhals.

Am Stubentisch in Tschachtlis Wohnung erinnern sich die beiden an John Mbiti, der am 5. Oktober nach schwerer Krankheit mit 88 Jahren verstorben ist. An jenen Pfarrer, der in Burgdorf so einige Grenzen überwunden hat. Erst vor allem sprachliche. Als er zum Pfarrer gewählt wurde, konnte er nämlich kaum Deutsch. Anfangs habe er die Predigten teilweise auf Englisch gehalten, und seine Frau habe sie übersetzt, erzählt Jürg Tschachtli.

Wie er in die Schweiz kam

Die Schweizerin lernte er 1960 in England kennen. Der Bauernsohn aus Kenia war damals für ein weiterführendes Theologiestudium an der Universität Cambridge. Sie, aufgewachsen in Blumenstein bei Thun, war dort Sprachstudentin und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Hausangestellte in einem Studentenheim, wie John Mbiti einst in einem Interview mit der WOZ erzählte. Danach schrieben sie sich Briefe, heirateten schon bald. 1973 bekam er dann eine Stelle als Direktor des Ökumenischen Instituts in Bossey bei Genf und zog mit Frau und Kindern in die Schweiz.

«Er hatte die Leute sofort im Sack.»Jürg Tschachtli, pensionierter Pfarrer

Acht Jahre später kam John Mbiti nach Burgdorf. Und lernte schnell Deutsch, wie sich Jürg Tschachtli erinnert. Bei den Leuten kam er aber nicht nur mit seinen Worten an. «Wenn er lachte, zeigte das eine unglaubliche Wirkung», sagt Tschachtli. Er sei herzlich, offen und respektvoll auf die Menschen zugegangen. «Er hatte die Leute sofort im Sack.» Jemand habe einmal gesagt, es sei John Mbitis Verdienst, dass die Burgdorfer ihre Schüchternheit gegenüber dunkelhäutigen Menschen verloren hätten, so der 83-Jährige.

Mbiti hat die Taufen verändert

Auch seine Gottesdienste haben bewegt. «Er hat die Taufen hier verändert», sagt Tschachtli. Vor ihm habe man streng die Taufliturgie befolgt, der Täufling habe keine grosse Rolle gespielt. «Er hingegen hat das Kind in den Mittelpunkt gestellt. » John Mbiti habe etwa erzählt, wie herzig das Kleine bei seinem Besuch bei der Tauffamilie gelacht habe. «Man hat richtig gemerkt, wie eine Welle voller Emotionen von vorne her durchs Kirchenschiff rollte», so Jürg Tschachtli. Er habe schnell einmal ganz viele Taufen gemacht, sagt die ehemalige Kirchgemeinderätin Eva Kellerhals. «Immer mehr Leute haben sich für jenen Sonntag angemeldet, an dem er Predigt hatte.»

Kein Gospelchor, keine afrikanischen Rhythmen

Sonst hätten sich die Gottesdienste des anglikanischen Priesters aber nicht so sehr von jenen der anderen Pfarrer unterschieden, sagt Jürg Tschachtli. Einmal habe das Schweizer Fernsehen seinen Weihnachtsgottesdienst übertragen. «Ich kann mir vorstellen, dass sie etwas enttäuscht waren, weil er einen solch traditionellen Gottesdienst abgeliefert hat.» Gospelchöre, afrikanische Farben und Rhythmen habe es in seinen Predigten nicht gegeben.

«Auch von seinem Heimatland hat er im Gottesdienst kaum erzählt», sagt Eva Kellerhals. Einmal aber schon, erinnert sich Tschachtli. Die Burgdorfer feierten Solätte, doch das Wetter wollte so gar nicht mitspielen. Es goss wie aus Kübeln. Da habe John Mbiti seine Predigt mit den folgenden Worten eröffnet: «In Kenia gibt es bei Regen ein Freudenfest.»

Das Neue Testament übersetzt

Als John Mbiti pensioniert wurde, widmete er sich wieder vermehrt der Wissenschaft. Er übersetzte das Neue Testament aus dem Griechischen in Kiikamba, seine Muttersprache. Den Gottesdienst in Burgdorf besuchte er aber noch regelmässig. «Er kam jeweils mit einem Lachen auf einen zu, als ob es die grösste Freude für ihn ist, mich anzutreffen», sagt Eva Kellerhals. Diese herzliche Art, das habe ihn ausgemacht.

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