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Deutsche Schnellschüsse sind passé

Vier Emmentaler haben die Freiräume des bernischen Jagdrechts zu ihren Gunsten genutzt und die Jägerprüfung auf die Schnelle gemacht – in unserem nördlichen Nachbarland. Die hiesigen Grünröcke waren gar nicht erfreut.

Lang und beschwerlich ist der Weg, bis man im Kanton Bern ein echter Grünrock ist. Denn den Jagdausweis erhält nur, wer beim Berner Jägerverband oder einer ähnlichen Institution in der Schweiz eine entsprechende Ausbildung absolviert und dann die Schlussprüfung besteht.

Diese dauert in der Regel ein Jahr und umfasst die Bereiche Jagdrecht, Jagdausübung, Hege- und Naturkenntnisse, Jagdhundewesen und Nachsuche sowie Wild- und Waffenkunde. Doch nicht genug: Wer die Jagdprüfung ablegen will, muss überdies nachweisen, dass er in den letzten drei Jahren 50 Hegestunden zugunsten von Wild und Natur geleistet und vier Ausbildungsmodule besucht hat.

Etwas gar viel Aufwand auf einmal – und dann dauert es noch so lange, bis man zur Jagdprüfung zugelassen wird, dachten sich vier junge Emmentaler. Denn sie hatten allesamt das gleiche Ziel: Sie wollten möglichst rasch an der bernischen Patentjagd teilnehmen.

Und dies, ohne zuvor an etlichen Wochenenden das Wild gehegt, die Natur gepflegt, eine Jagdbegleitung in Anspruch genommen und das Jägerlatein gebüffelt zu haben. Fragt sich nur, wie diese Mühsal umgangen werden könnte, ohne dabei mit dem Gesetz oder einer Verordnung in Konflikt zu kommen. Ganz legal also. Nichts leichter als das!

Die jungen Emmentaler mussten nicht lange nach einer Lösung suchen. Flugs meldeten sie sich zur Ausbildung bei einer deutschen Jagdschule an. Denn dort werden nicht nur Deutsche ausgebildet, sondern auch andere Europäer, inklusive Schweizer, und sogar Amerikaner. Entsprechend verlockend fällt die Werbung zahlreicher Anbieter in unserem nördlichen Nachbarland aus. Zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen.

«Der Kompaktkurs ist die klassische Form der Jagdausbildung mit einem bewährten und soliden Ausbildungskonzept. Er eignet sich für all diejenigen, die in einem Zug jagen lernen und die Jägerprüfung ablegen möchten», preist etwa die Jagdschule Sauerland ihre Vorzüge an.

Doch nicht genug des Eigenlobes: «Erleben Sie in unserer Jagdschule eine unvergleichliche Jagdausbildung in familiärer Atmosphäre und unter Gleichgesinnten. Wir vermitteln Ihnen ein ausgewogenes Verhältnis aus Theorie und Jagdpraxis für das erfolgreiche Bestehen Ihrer Jagdprüfung. Erfüllen Sie sich jetzt Ihren Traum vom eigenen Jagdschein!» Zu haben ist die komplette Jagdausbildung inklusive Abschlussprüfung in 18 Tagen. Der Preis: knapp 3000 Franken. Allerdings ohne Kost und Logis.

Ganz legal und ohne ein schlechtes Gewissen durften sich die vier Jungjäger auf die Pirsch in Wald und Feld freuen.

So zogen sie los, die vier angehenden Grünröcke, absolvierten die Ausbildung im Schnellzugtempo und kamen allesamt mit einem deutschem Prüfungszeugnis und dem Jägerbrief in die Heimat zurück. Gerade noch rechtzeitig, um beim bernischen Jagdinspektorat ein Jagdpatent zu beantragen.

Ganz legal und ohne ein schlechtes Gewissendurften sich die vier Jungjäger auf die Pirsch in Wald und Feld freuen. Denn in der Verordnung ist festgeschrieben, dass im Staate Bern neben den Jagdprüfungen der anderen Kantone auch solche von halb Europa und selbst aus Übersee anerkannt werden – Liechtenstein, Österreich, Schweden, Holland, Bosnien und Herzegowina, Slowakei, Belgien, Finnland, Norwegen, Serbien, Kosovo, Kanada und natürlich Deutschland.

Doch nicht genug der Freude.Bereits in der ersten Jagdsaison war das Jagdglück dem Emmentaler Quartett hold. Freilich: Das erlegte Wild wurde nicht von allen Jägerinnen und Jägern gleich frenetisch bejubelt. Etliche, welche die Jagdprüfung auf dem üblichen, beschwerlicheren Weg – im besten Fall binnen eines Jahres – abgelegt und die geforderten 50 Hegestunden geleistet hatten, waren sauer auf die vier. Sie, die das begehrte Permis bereits nach knapp drei Wochen erhalten hatten. Solches Handeln, so die Meinung der unzufriedenen hiesigen Jäger, durfte doch nicht mit so viel Weidmannsheil belohnt werden!

«Ich hörte sehr viele kritische Stimmen aus den Sektionen.»

Lorenz Hess, Präsident des Berner Jägerverbands

«Ich hörte sehr viele kritische Stimmen aus den Sektionen», sagt Lorenz Hess, Präsident des Berner Jägerverbands. Kritisiert worden sei nicht die möglicherweise schlechtere Qualität der deutschen «Schnellbleiche», sondern die Tatsache, dass Jäger in bernischen Wäldern unterwegs waren, die sich bisher um die Hege foutiert hatten.

«Gerade weil wir uns in einem sensiblen Bereich bewegen, ist es wichtig, dass man die örtliche Jägerschaft kennt, zumal diese mit den Gebräuchen von Land und Leuten vertraut ist», erklärt der Jägerpräsident und ergänzt: «Wir sind bewaffnet und stehen unter steter Beobachtung. Deshalb haben die Jagdvereine eine wichtige Funktion: Man kennt sich und weiss ungefähr, wer wann, wo und wie auf der Jagd ist.»

Selbst wenn es wahrscheinlich nur wenige seien,die ihre Prüfung im Ausland ablegten und so das bernische System austricksten, sei für ihn klar gewesen, «dass diese Praxis nicht Schule machen darf». Getreu dem Grundsatz «Wehret den Anfängen» habe der bernische Jagdinspektor Niklaus Blatter zu einer Praxisänderung denn auch sofort Hand geboten, erklärt Lorenz Hess.

Ab sofort gilt folgende Regelung: Ausländische Prüfungen werden anerkannt, falls der Jäger nach bestandenem Test während mindestens drei Jahren im entsprechenden Land ge­wohnt und in dieser Zeit Jagd­erfahrung gesammelt hat. Ein bernisches Jagdpatent kann aber auch beantragen, wer eine ausländische Prüfung gemacht, danach aber 50 Hegestunden geleistet und 4 Ausbildungstage beim Berner Jägerverband absolviert hat.

Für die Emmentaler Jungjägerhat die geänderte Verwaltungspraxis keine Auswirkungen: Sie haben das 2016 erworbene Patent auf sicher. Pech haben hingegen solche, die das Tun der vier Schlaumeier nachmachen wollen und sich zur Ausbildung in Deutschland bereits angemeldet haben. Denn Zeit werden sie nicht sparen – und Geld schon gar nicht.

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