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«Die Sprache allein ist reine Fassade»

Ulrich Simon Eggimann, Regisseur der Emmentaler Liebhaberbühne, weiss, was es braucht, um schönen Texten auf der Bühne auch ­Leben einzuhauchen.

Mit dem «Hansjoggeli» hat für ihn alles angefangen: Ulrich Simon Eggimann ist heute Bühnen- und ­Konzertsänger, Schauspieler, Regisseur und künstlerischer Leiter der Emmentaler Liebhaberbühne.
Mit dem «Hansjoggeli» hat für ihn alles angefangen: Ulrich Simon Eggimann ist heute Bühnen- und ­Konzertsänger, Schauspieler, Regisseur und künstlerischer Leiter der Emmentaler Liebhaberbühne.
Beat Mathys

Ulrich Simon Eggimann kann den Text noch auswendig. Er erinnert sich auch noch sehr genau an das Bühnenbild. Dabei ist der Auftritt für die Emmentaler Liebhaberbühne fast vierzig Jahre her. Er hat damals um das Jahr 1980 in «Hansjoggeli dr Erbvetter» von Simon Gfeller Bänz, den Knecht, gespielt.

Dass er sich noch so gut daran erinnert, hat zwei Gründe. Erstens: «Weil ich jung war», sagt er lachend. Zweitens: weil diese Rolle seinen ganzen weiteren Lebensweg bestimmt hat. 75-mal hat er den Bänz damals gespielt. Zweimal wurde die Spielzeit verlängert. Nachher wusste Eggimann: «Ich werde Künstler.»

Beliebt und bekannt

Heute gehört Ulrich Eggimann zum bernischen Theaterschaffen, wie etwa Kambly zu Trubschachen. Nach seiner Ausbildung zum Primarlehrer studierte er in Zürich am Konservatorium und an der Musikhochschule ­Gesang und Schauspiel. Heute ist er Bühnen-, Konzertsänger und Schauspieler mit Auftritten im In- und Ausland, Regisseur, Autor.

Eggimann war künstlerischer Leiter am Casino-Theater Burgdorf. Er ist Dozent für Gesang an der Pädagogischen Hochschule Bern, Lehrer an der Musikschule Oberemmental. Und seit 1995 ist er Autor und Regisseur der Emmentaler Liebhaberbühne. Eines der beliebtesten und bekanntesten Amateurensembles des Landes. Gfellers Werke «Heimisbach» und «Hansjoggeli dr Erbvetter» zählen zu den wichtigsten Inszenierungen der Liebhaberbühne.

Es geht um Inhalte

Simon Gfeller wurde vor 150 Jahren geboren und sein «Hansjoggeli» vor hundert Jahren am Stadttheater Bern uraufgeführt. Die Simon-Gfeller-Stiftung feiert diese Geburtstage heute (siehe Kasten). Neben einer Ausstellung und einer Vernissage findet auch ein Vortrag statt. Halten wird ihn Ulrich Eggimann. Das Thema: «Vom Textbuch zur Bühne».

Schon den «Hansjoggeli» zu lesen, ist nicht leicht. Denn dieser Text ist nicht einfach Mundart, er ist uremmentalische Sprachgewalt, Musik, hochpoetisches Gepolter, ein archaischer, urchiger Gesang. Um so etwas auf der Bühne wiederzugeben, muss man es sich einverleiben. Deshalb setzt Ulrich Eggimann bei der Auswahl seiner Schauspieler auch auf Leute, denen diese Sprache nicht fremd ist. «Mit Stadtbernern kriegen wir es gerade noch hin», sagt er. Mit einem Zürcher ging es wohl nicht.

Aber auch für Hiesige ist ein solches Stück mit viel Arbeit verbunden. «Das schafft man nur mit einer langen Probezeit», sagt Eggimann. Neun Monate werde für eine solche Inszenierung zweimal pro Woche geprobt. Gerade bei Amateuren müsse eine Rolle erst reifen. Deshalb sei es auch immer schwierig, Leute zu finden, die bereit seien, sich über so lange Zeit mit einer Rolle zu beschäftigen. «Da muss man wirklich ein bisschen ­spinnen.»

Mit dem Text allein ist es aber nicht gemacht. «Ich kann nicht nur der schönen Sprache zuliebe etwas inszenieren», sagt Eggimann. Die Zuschauer müssten auch immer etwas mitnehmen. «Ich will als Regisseur nicht hören: ‹Wow, die hat aber ein schönes Berndeutsch gesprochen.› Ich will hören: ‹Der Bänz, der hat das gut gespielt.›» Sprache allein sei reine Fassade. Der Schauspieler müsse stets genau wissen, was er mit dem Text bewirken wolle, sagt Eggimann. «Er darf sich nie dabei ertappen, sich zu fragen, ob er das jetzt schön gesagt habe.»

Es gehe immer um Inhalte, Gefühl und Empfindung, und die dürfe ein Schauspieler nie verlieren, auch wenn er das Stück schon zigmal gespielt habe. Damit das gelingt, müsse er sich den Text ganz nahe an die Seele nehmen. «Das ist die Kunst bei solchen Stücken. Und das, behaupte ich jetzt mal, schafft die Liebhaberbühne nicht schlecht.»

Ein Sohn namens Bänz

Für jede neue Inszenierung ar­beitet sich Eggimann nochmals durch den Text, filtert Ausdrücke heraus, die heute kaum mehr verstanden würden. Erstaunlich viele solcher Wörter aber kann er drinlassen, weil sie im Kontext noch verstanden werden, sofern der Schauspieler ihnen ihre Bedeutung eben auch zu entlocken vermag.

Wie das genau funktioniert, erzählt Eggimann am Samstagnachmittag im Krummholzbad, gemeinsam mit seinen Söhnen Kaspar und Bänz. Letzterer ist übrigens nach jenem Knecht im «Hansjoggeli» benannt. Ulrich Eggimanns Auslöser für seine Berufswahl. «Fürchterlich, nicht?», sagt er und lacht.

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