Die «Vehfreudiger» und wie ihr Schreiber sie sah

Lützelflüh

Wie der Aufschwung der Käsereien die Menschen veränderte: Davon handelt der beliebteste Roman von Jeremias Gotthelf. Eine Sonderausstellung nimmt sich seiner an. 

Die Käserei mit spannenden Exponaten. Fotos: Raphael Moser

Die Käserei mit spannenden Exponaten. Fotos: Raphael Moser

Chantal Desbiolles

Einträchtig stehen sie nebeneinander, die beiden Bränten. Die eine ganz klassisch aus Holz, die andere «von hellem Blech, mit messingenen Reifen», wie sie Gotthelf beschreibt. Alfred Bitzius lässt keinen Zweifel daran, dass er dieses neumodische Zeug nicht mag, das mit den Käsereien ab 1820 im Mode kommt. Es verbreitet sich mit dem Käsefieber rasant und quer durchs Emmental.

«Die Holzbränte muss sehr sauber gehalten werden mit allem Fleisse», stellt Bitzius fest, während die metallenen schöner und dauerhafter sind. «Man fand sie der Zeit viel angemessener, und wer nicht ein solch glänzendes Kunstprodukt auf dem Buckel hatte, sondern bloss ein altes, hölzernes, schämte sich.»

Milch zu Geld machen

Die beiden Bränten im Gotthelfmuseum, sie stehen zu Füssen zweier lebensgrosser «Vehfreudiger» inmitten der neuen Sonderausstellung. Heute sind die Gefässe Zeugen der Zeit um 1850, die Bitzius in seinem Spätwerk «Die Käserei in der Vehfreude» beschreibt: Mit dem Aufschwung der Käsereien und der Händler verlieren die Bäuerinnen ihre Macht über das Milchgeld.

Der Emmentaler Käse wird zum wichtigsten Exportartikel, und die Aussicht darauf, viel Geld zu verdienen, bringt die Menschen hintereinander. Zwar verlangt die Regierung nach einem Schulhaus, stattdessen aber bauen die «Vehfreudiger» eine Käserei. Sie fallen dem Profit anheim: Manch ein Bauer kauft trächtige Kühe zu und verschuldet sich, die Milch wird mit Wasser gestreckt. Die Qualität überzeugt die Käsehändler nicht, und der ganz grosse Gewinn bleibt aus.

Zwei lebensgrosse Figuren mit Brenten aus Holz und Blech.

Gotthelf stellt der Gesellschaftskritik in seinem Spätwerk, an dem er zweieinhalb Jahre schrieb, eine Liebesgeschichte zur Seite: Die zarte Liebe zwischen dem Verdingkind Änneli und Felix, dem Sohn des Dorfkönigs. Allen Intrigen und einem Unfall trotzt diese Verbindung, und weil sich beide dazu bekennen, endet diese Geschichte glücklich.

Exponate wie die beiden Bränten und Räf, Mäuchterli, Järb sowie Käseharfe umrahmen die Sonderausstellung, die von den Illustrationen von Albert Anker und Emil Zbinden lebt. Aus der Roth-Stiftung Burgdorf stammen die originalen Aquarelle, die im Korridor zu sehen sind.

Albert Anker schuf sie als ­Vorstudien für eine illustrierte Ausgabe des beliebtesten Gotthelf-Romans. Vor dem Zentrum harrt ein lebensgrosser Käser der Gäste, die da kommen: Abdruck eines Holzschnitts von Zbinden. Nicht fehlen dürfen die Ver­filmung der «Vehfreude» (Franz Schnyder, 1958), das Hörspiel von Ernst Balzli (Radio Beromünster) und, etwas weniger urchig aber nicht minder anrührig, ­zelluloide Ausschnitte aus dem Gotthelf-Musical der Thuner­seespiele 2011. Die Hintergründe zu den Erzählsträngen aus dem Roman sind amächelig aufbe­reitet («Änneli und Felix – Liebe, Lügen, Fake News, Mobbing»).

Den Traditionen treu bleiben und sie pflegen: Darum geht es auch bei den «Vehfreudigern». Bald sehe man die neuen ­Bränten seltener, stellt Gotthelf fest. Schlecht gelötet, die Milch sei darin säuerlich geworden und an den schlechten Käsen schuld. «Aussen fix und innen nix», so steht es auf dem Display da­neben.

«Die Käserei in der Vehfreude»: Die Sonderausstellung im Gotthelf-Zentrum ist ab Dienstag, 2. April, ergänzend zur Dauerausstellung bis Ende 2021 zu sehen.

Berner Zeitung

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