Durch den Mund

Burgdorf

Bei Operationen an der Schild- oder der Nebenschilddrüse blieben bisher Narben am Hals zurück. Eine neue Methode räumt damit auf. Das Spital Emmental ist dabei Wegbereiter. 

Das Team um Stephan Vorburger (rechts) und Daniel Geissmann hat gestern die achte Patientin nach neuer Methode operiert.

Das Team um Stephan Vorburger (rechts) und Daniel Geissmann hat gestern die achte Patientin nach neuer Methode operiert.

(Bild: Andreas Marbot)

Chantal Desbiolles

Krankt der Schmetterling im Hals, hat das weitreichende Folgen. Das Organ unterhalb des Kehlkopfes und vor der Luftröhre bildet dann mehr oder weniger Hormone, als dass der Körper benötigt. Bei einer Überfunktion, bei Knoten oder Tumoren an der Schilddrüse wird in der Regel operiert.

Auch wenn eine überbordende Nebenschilddrüse gebremst werden muss, wird ein Eingriff notwendig. Dazu haben die Operateure bisher das Skalpell am Hals angesetzt, zurück blieb eine Narbe. Einen anderen Weg geht im Spital Emmental das Team um Chirurgie-Chefarzt Stephan Vorburger: Seit Oktober wird hier eine neue Operationstechnik eingesetzt. Seither wurden acht Patientinnen und Patienten Teile dieser Organe über kleine Schnitte hinter der Unterlippe entfernt.

«Wir sind überzeugt, dass das die Zukunft ist.»Stefan VorburgerChirurgie-Chefarzt

Ein Novum, welches das Regionalspital als Einziges schweizweit (Nebenschilddrüse) und als Einziges in der Deutschschweiz (Schilddrüse) durchführt. Eine Genfer Privatklinik hat laut Vorburger auch erste Eingriffe auf diese hierzulande noch weitgehend unbekannte Weise durchgeführt. 

Weniger Schmerzen

Die neue Technik haben sich die Emmentaler in Asien abgeschaut. Vorburgers Stellvertreter Daniel Geissmann hat sie sich im Sommer während eines dreimonatigen Austauschs in Bangkok bei Vorreiter Dr. Anuwong zu eigen gemacht. Ein Vorteil liegt auf der Hand: Es bleibt vom Eingriff keine sichtbare Narbe zurück.

Gleichzeitig sei nachgewiesen, dass die Patienten weniger Schmerzen verspürten, so Vorburger. «Wir sind überzeugt, dass das die Zukunft ist.» Zwar sei diese Operation am offenen Hals auch so keine sehr belastende, aber der Unterschied erstaunlich. Gleichzeitig sei der Eingriff risikoärmer, verglichen mit Operationen, die ihren Anfang in den Achseln oder unterhalb der Brust nehmen. 

Dass diese Methode ausgerechnet im Emmental verfängt, hat einen Grund: Die Platzverhältnisse sind sehr knapp, wenn die Operateure über drei Schnitte hinter der Unterlippe und anschliessend unter der Haut am Kinn entlang die Instrumente zum Hals hin und zurück bewegen. Dabei kommt dem Team um Vorburger die spezialisierte Erfahrung in der Enddarmchirurgie bei Krebspatienten zugute. Auch da bewegen sich die Chirurgen auf engstem Raum.

«Unsere Lernkurve ist steil», sagt Vorburger, der seinem Stellvertreter assistiert. Er kann sich gut vorstellen, auch dieses spezialisierte Wissen an andere Chirurgen weiterzuvermitteln. Operiert werde ohnehin immer im Team; dank der durch einen der Schnitte eingeführte Kamera können alle am Eingriff teilhaben. Auch das: ein Vorteil gegenüber der herkömmlichen Methodik, bei der meist der nur der Operateur selber ausreichend Sicht hatte.

Nicht unnötig gefährden

Dass das Spital Emmental vom Renommee profitieren wird, das diese Spezialisierung einbringt, will Vorburger gar nicht kleinreden. Für ihn stehe aber die Philosophie an erster Stelle: Neue Methoden müssten den Patienten etwas bringen und dürften sie nicht unnötig gefährden. Der Chirurgie-Chefarzt rechnet damit, dass durchaus auch «Klientel, die auf Äusseres sehr Wert legt», ausserhalb des Kantons angesprochen wird und für einen solchen Eingriff ins Emmental reist. Allerdings werde dieser Standortvorteil wohl kaum lange Bestand haben: Diese Methodik werde schnell für andere Spitäler und Kliniken attraktiv werden. 

Berner Zeitung

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