Einfach mal unter sich bleiben

Burgdorf/Utzenstorf

In Utzenstorf und Burgdorf gibts geschlechtergetrennte Jugendtreffs. Ist das noch zeitgemäss? «Ja», sagen ein Pfarrer und eine Jugendbeauftragte.

Ein Modiabend 2018: Die Hemmschwelle unter Gleichgeschlechtlichen sei kleiner, sagt die Jugendbeauftragte Nicole Chen.

Ein Modiabend 2018: Die Hemmschwelle unter Gleichgeschlechtlichen sei kleiner, sagt die Jugendbeauftragte Nicole Chen.

(Bild: Thomas Peter)

Benjamin Lauener

Alles spricht von geschlechtsneutraler Erziehung. Jungs seien nicht einfach Jungs und Mädchen nicht einfach Mädchen. Möglichst gleichberechtigt sollen sie behandelt werden. Also einem Babybuben auch mal eine Puppe zum Spielen geben, einem kleinen Mädchen ein Spielzeugauto vorsetzen.

Ist es also noch zeitgemäss, separate Jugendtreffs für Jungen und Mädchen zu organisieren? In Utzenstorf findet man: Ja. Genauer gesagt die reformierte Kirche findet das. Kürzlich fand der erste «Modi- und Gielenamittag»statt. Dabei ging es für die abenteuerlustigen Jungen in einen ehemaligen Bundesratsbunker, die Mädchen hingegen lernten, wie man sich schminkt.

Ist das nicht etwas altbacken und überholt? «Wir sind unsbewusst, dasssich einige Leute nicht angesprochen fühlen», sagt Pfarrer Pascal Ramelet, der den geschlechtsinternen Nachmittag organisiert. Aber vor allem Mädchen hätten sich gewünscht, mal unter sich sein zu dürfen. Und auch bei den Jungen sei es immer wieder Thema, sich unter dem gleichen Geschlecht auszutauschen.

«Ein soziales Bedürfnis»

Es ist also nicht so, dass die Landeskirche so konservativ wäre, sondern «mit den separaten Modi- und Giele-Nachmittagen reagieren wir auf ein soziales Bedürfnis», so Ramelet. Dies sieht der Pfarrer als Aufgabe der Kirche. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass es ebenso um die Nachwuchsförderung gehe.

«Als Kirche haben wir sehr viele Ressourcen. Die müssen wir einsetzen, um ansprechende Jugendarbeit zu machen.» Und wie kam der erste getrennte Jugendtreff an? «Die Rückmeldungen waren grösstenteils positiv. Aber ein Mädchen fand Schminken doof, also kam es erst auf den zweiten, den geschlechterdurchmischten, Teil.»

Etwas die Emme aufwärts, in Burgdorf, sind getrennte Jugendtreffs schon länger gebräuchlich. Seit knapp zehn Jahren gibt es immer wieder einen Modi- und einen Gieleträff– und nun auch wieder einen gemeinsamen. Laut der städtischen Jugendbeauftragten Nicole Chen sei die Hemmschwelle für die Kinder und Jugendlichen oft kleiner, an einem Anlass teilzunehmen, wenn nur Kinder vom gleichen Geschlecht da seien.

Und das Angebot scheint zu funktionieren: «Sowohl der Mädchen- als auch der Jungentreff sind gut besucht, sonst hätten wir ihn aus dem Programm gekippt.» Was genau bei diesen Anlässen passiere, sei indes stark von den Teilnehmern abhängig, so Chen. «Wie in der offenen Jugendarbeit üblich, bestimmen die Jugendlichen selbst, was genau sie tun möchten. Dies ermöglicht einen grösseren Lerneffekt.»

Und was ist, wenn ein Kind als Mädchen geboren wurde, sich aber als Junge fühlt? Wo soll es dann hin? «Wer das Gefühl hat, in den Gieleträff zu gehören, soll in den Gieleträff gehen, auch wenn das biologische Geschlecht nicht stimmt.»

Die dritte Option

Apropos geschlechtsneutrale Erziehung: Einen Schritt weiter geht es bereits in Deutschland. In den meisten Stelleninseraten steht neben den vertrauten m und w für männlich und weiblich auch noch ein d für divers. Eine dritte Geschlechtsoption, die es seit letztem Sommer offiziell gibt.

Oft kommen neue Trends schneller im grossen Nachbarland an als in der Schweiz. Man darf also gespannt sein, ob sich der dritte Buchstabe auch hierzulande durchsetzen wird.

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