Lützelflüh

Er kämpft weiter für die Rechte der Verdingkinder

Lützelflüh Noch bis Ende Monat können Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen einen Solidaritätsbeitrag beantragen. Rolf Horst Seiler als Betroffener findet, diese Frist müsse aufgehoben werden.

Mit einer Scheinrehabilitation will sich der 75-jährige Rolf Horst Seiler nicht zufriedengeben.

Mit einer Scheinrehabilitation will sich der 75-jährige Rolf Horst Seiler nicht zufriedengeben. Bild: Thomas Peter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«A hungry man is an angry man» – ein hungriger Mann ist ein zorniger Mann, besagt ein amerikanisches Sprichwort. Im Fall von Rolf Horst Seiler trifft das zu, im übertragenen Sinne: Er ist hungrig nach Gerechtigkeit. Und entsprechend zornig. Seiler wurde Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Als Neunjähriger erleidet er eine Menin­gitis, eine schwere Hirnhautentzündung, die bleibende Schäden hinterlässt. Er hat Konzentrationsstörungen, ist ständig müde, hat Probleme mit der Koordination. Die Schule geht irgendwie vorbei, die Lehre muss er abbrechen, weitere Arbeitsversuche scheitern. Fortan gilt er als «arbeitsscheuer Nichtstuer».

Mit 18 Jahren wird er von der Polizei von zu Hause abgeholt, sie hat eine Verfügung gegen ihn: Er darf das Elternhaus nicht mehr betreten, darf keinen Kontakt mehr mit der Familie und den Verwandten haben. Die Polizisten raten ihm, sich sofort eine Arbeit zu suchen – ansonsten würden sie ihn in eine Arbeitserziehungsanstalt bringen.

Die verlorene Tochter

So landet er plötzlich auf der Strasse. Für Seiler beginnt eine Odyssee abseits der Gesellschaft, sowohl geistig wie auch physisch. Er lebt jahrelang im Wald, lebt vom Pfand gesammelter Flaschen, kommt immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz, wird entmündigt, kommt ins Zuchthaus. «Bist du mal als Tunichtgut abgestempelt, bleibst du ein Tunichtgut für dein ganzes Leben und kannst dich nicht dagegen wehren.» Seiler wurde letztlich das, was ihm zu sein vorgehalten wurde – ein Problemfall. Die Prophezeiungen der Behörden haben sich selbst erfüllt.

1980 kommt eine uneheliche Tochter zur Welt, die von der ­Familie der Mutter zur Adoption freigegeben wird. Eine Beziehung mit einem Vaganten, das darf nicht sein. Seither versuchte er das Kind zu kontaktieren, erfolglos. Für einmal gab es jedoch eine positive Wendung: Die ver­lorene Tochter konnte ihn vor kurzem ausfindig machen und hat ihn kontaktiert.

Seiler weiss lange selber nicht, was mit ihm nicht stimmt, seine Erkrankung wurde dazumal falsch diagnostiziert. Erst 1984 wird ihm eine hirnorganische Leistungsstörung – und damit eine eindeutige Behinderung – attestiert. Seither erhält er eine AHV-Minimalrente und Ergänzungsleistungen. Ein normales Leben hat er nie geführt. Noch heute bekomme er ein- bis zweimal im Monat Besuch von der Polizei, im Zusammenhang mit den Dutzenden von Betreibungen, die gegen ihn ausstehen. «Meine Vergangenheit lässt mich nicht in Ruhe.»

«Wie ein Tier ausgesetzt»

Seiler hat den Solidaritätsbeitrag beantragt und vor einem Monat erhalten, zusammen mit einer früheren Soforthilfe hat er ins­gesamt 37 000 Franken bekommen. Ist das ein Wermutstropfen? «Mir wurden die Lebensgrundlagen entzogen, ich wurde das Leben lang für etwas bestraft, das von den Behörden ausging. Ehrlich gesagt ist das für mich ein Spazierbatzen», sagt er.

Seiler ist mittlerweile 75 Jahre alt, aber kein bisschen altersmilde. Seine Kraft schöpft er aus der Überzeugung, ein Leben lang ­ungerecht behandelt worden zu sein. «Ich wurde wie ein Tier ausgesetzt. Das ist eine abartige Art, mit Menschen umzugehen, und das laste ich dem Staat an», sagt er. Seit den 1990er-Jahren ersucht er um finanzielle und ­moralische Wiedergutmachung auf ­administrativem Wege, wurde aber immer abgewiesen. Er schrieb an Behörden, ans Parlament, an Politiker.

Erst dank dem Druck der Wiedergutmachungsinitiative kam politisch Bewegung in die Sache, sollten Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen für das erlittene Leid entschädigt werden. «Uns wurde Schuld zugeführt, die wir nicht hatten. Und das geht bis heute weiter. Dabei wollte ich dieses Leben ja gar nicht haben!» Dafür könne es keine Entschuldigung oder Vergebung geben, nur Wiedergutmachung. Die bisherigen Massnahmen seien eine «Scheinrehabilitation», so Seiler, und ungenügend. Er wolle seinen Fall weiterziehen, bis vor den Europarat, wenn es sein müsse. Sein Kampf gegen die Behörden, er ist noch nicht vorbei.

Dass nun Ende März die Frist zur Beantragung des Solidaritätsbeitrags ausläuft, ist für Seiler unverständlich. Zu viele Menschen gebe es noch, die Anspruch darauf hätten und aus unterschiedlichen Gründen keinen Antrag gestellt hätten: aus Angst, aus Scham, aus Überforderung. «Das Geld ist ja vorhanden, weshalb muss man denn den Zugang zeitlich begrenzen?»

Oft keine Kenntnis

Er fragt sich auch, ob genug Aufklärungsarbeit geleistet worden ist. Bei einer Zusammenkunft der Opfer sei ihm aufgefallen, dass Betroffene oft keine Kenntnis vom Solidaritätsbeitrag hätten. Seiler begann in der Region zu suchen, ging in Altersheime, sprach mit älteren Leuten – und fand Menschen, die noch nie davon gehört hätten. «Viele sind unbeholfen, sie können das nicht allein machen», sagt er. Und: «Wenn diese Leute so einfach aufgefunden werden können, wie steht es mit denen, die noch isolierter leben? Diejenigen in Gefängnissen oder in Psychiatrien?»

Rolf Horst Seiler fing an, anderen dabei zu helfen, ihre Anträge einzureichen. Zwischen dreissig und vierzig Personen habe er ­dazu bewegen können. «Mein grösstes Anliegen ist, dass die Frist aufgehoben wird. Es ist schlicht ungerecht, dass diese Menschen keine Chance mehr auf dieses Geld haben sollen.» Zu Hause hat er eine Mappe voll ausgedruckter Formulare, bis Ende Monat will er damit noch weitere Betroffene besuchen – sein Beitrag zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit. «Zorn macht Schwache stark», sagte der römische Dichter Ovid.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 23.03.2018, 06:26 Uhr

Meldeschluss Ende März

Vor drei Jahren kam die Wiedergutmachungsinitiative zustande. Seit dem 1. April letzten Jahres ist das Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 in Kraft. Der Bund stellte 300 Millionen Franken bereit, vorgesehen ist ein Solidaritätsbeitrag von 25 000 Franken pro Opfer. Ursprünglich wurden bis zu 15 000 Gesuche erwartet, bisher sind 7150 eingegangen, davon 1251 im Kanton Bern. Die Differenz resultiert aus unterschiedlichen Gründen: Ehemalige Opfer schämen sich für ihre Vergangenheit, wollen mit dem Staat nichts zu tun haben oder bringen nicht die Kraft für die Prozedur auf. Der grösste Teil ist aber wohl mittlerweile verstorben. Dennoch erwartet man beim Bundesamt für Justiz noch mehr Eingänge in der verbleibenden Woche.
Das fünfseitige Formular kann beim Bundesamt für Justiz unter 058 462 42 84 bestellt oder über die Website www.fszm.ch heruntergeladen werden. Neben den Informationen zur Person sind insbesondere die Angaben über die Zwangsmassnahme oder die Fremdplatzierung wichtig – je mehr Details, umso besser. Sind Unterlagen und amtliche Dokumente vorhanden, sollten diese beigelegt werden. Die Suche nach entsprechenden Akten kann beim Staatsarchiv des Kantons Bern in Auftrag gegeben werden. Fehlende Akten können auch später eingereicht werden. Einsendeschluss ist der 31. März. Sollte der Rahmenkredit nicht ausgeschöpft werden, bleibt der Rest in der Bundeskasse. (gm)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Blogs

Bern & so Irrfahrt

Von Kopf bis Fuss Die Top 9 der probiotischen Produkte

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...