Gedankenraum mit Katzenbaum

Tobias Nussbaumer macht Scheusslichkeiten wie Katzenkratzbäume zu Skulpturen. Im Museum Franz Gertsch in Burgdorf macht sich der Basler Künstler in zwei Räumen breit.

Helen Lagger@FuxHelen

Katzenbaum als Skulptur – auch in Tobias Nussbaumers Zeichnungen. Bild: PD/Tobias Nussbaumer

Es ist ein ebenso merkwürdiges wie eindringliches Bild, mit dem Tobias Nussbaumer die Besucher des Museums in seiner Installation «Die Ordnung des verlorenen Raumes» konfrontiert. In einem Glaskasten lodert ein Feuer, das einen aus Acrylstahl angefertigten Katzenbaum grillt. Abgesehen von dieser Lichtquelle ist der Raum dunkel.

Katzenkratzbäume, diese mit Plüsch überzogenen Scheusslichkeiten, haben es dem 1987 in Basel geborenen Künstler angetan. «Ich habe entsorgte Katzenbäume in meinem Quartier stehen sehen», erklärt Nussbaumer bei einem Rundgang. Sie haben wie Skulpturen auf ihn gewirkt.

Auf dem stummen Boden

Nussbaumer hat Katzenbäume bereits seit geraumer Zeit in sein «Vokabular aufgenommen», wie er es ausdrückt. Einmal schuf er gar ein zehn Meter hohes begehbares Gerüst, das einem Katzenbaum nachempfunden war.

In Burgdorf hat er nun zwei bürgerliche Sehnsuchtsobjekte – das Cheminéefeuer und den Katzenbaum – zu einer Skulptur verschmolzen. «Mich interessieren das Potenzial solcher Dinge und neue Verbindungen, die man damit schaffen kann.»

Im zweiten von Nussbaumer gestalteten Raum tritt man auf einen merkwürdig stumm bleibenden Boden. Das liegt daran, dass hier rote sogenannte Fallschutzmatten aus Gummigranulat liegen, wie man sie von Kinderspielplätzen kennt. Hat sich der Künstler hier seinen eigenen Spielplatz geschaffen?

«Das Museum ist sicher ein Raum, dessen Potenzial sich lustvoll abklopfen lässt», so Nussbaumer. Beton und Gummi sind Materialien, die dem Künstler dank seiner Kindheit im Basler Gundeli-Quartier bestens vertraut sind. Das scheinbar Hässliche erscheint ihm reiz­voll. «Durchgangssituationen wie Unterführungen, sogenannte Platzhalterarchitektur und alles Modulare fasziniert mich.»

Gewächshaus und Lagerhalle

Die schlichte von Jörg & Sturm erbaute Architektur des Museums Franz Gertsch inspirierte Nussbaumer. Die mit Kies gefüllten Kisten im meist wenig beachteten Innenhof wiederholt er im Museumsinnern in brachialer Grossformatigkeit. Sie dienen als Sockel für Bauelemente. Die Skulptur erinnert entfernt an die mysteriöse Tempelanlage Stonehenge. An diesen Strukturen hängen jeweils vier grossformatige Zeichnungen des Künstlers.

Die Zeichnung stand am Anfang von Nussbaumers Schaffen. Nach einem Bachelor of Arts in ­Illustration Fiction studierte er Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Basel und schloss 2017 die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel mit einem Master ab.

Ein theoretischer Background, der sich in seinem Werk niederschlägt. Seine Zeichnungen und Objekte sind immer auch als Gedanken- und Erinnerungsräume zu verstehen, in denen sich ganze Assoziationsketten verstecken. Mit den Literaten des französischen Nouveau Roman verbin­det ihn der Wunsch des endlo­sen, zwanghaften Beschreibens scheinbar uninteressanter Dinge.

Die Vorlagen zu seinen düsteren Zeichnungen erschafft Nussbaumer mittels eines 3-D-Programms, das gemeinhin von Werbern oder von Trickfilmmachern genutzt wird. Es ist ihm wichtig, dass seine Räume funktionieren, man sich in ihnen tatsächlich bewegen könnte.

Für seine aktuellen Zeichnungen hat der Künstler drei reale, akribisch nachgebaute Räume verschmolzen. Ein Gewächshaus mit Kakteen, eine Lagerhalle und ein Keller einer Zoohandlung ergeben eine neue Architektur, die in ihrer Verschachtelung beklemmend wirkt. Und auch der Katzenbaum taucht wieder auf. Als unbewohntes, verloren im Raum stehendes Objekt.

Eröffnung: Freitag, 21. 9., 18.30 Uhr im Museum Franz Gertsch, Burgdorf. Ausstellung: Bis 30.12. www.museum-franzgertsch.ch

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