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«Heutzutage fühlt man sich besser»

Vor 75 Jahren hat Elisabeth Müller «Die sechs Kummerbuben» geschrieben. Heute finden Langnauer Kinder die Geschichte durchaus immer noch spannend. Aber in die damalige Zeit wechseln möchten sie höchstens für einen Tag.

Klassenfoto: Die Fünft- und Sechstklässler von Lehrerin Therese Hulliger haben bei einer Umfrage zum Buch «Die sechs Kummerbuben» mitgemacht.
Klassenfoto: Die Fünft- und Sechstklässler von Lehrerin Therese Hulliger haben bei einer Umfrage zum Buch «Die sechs Kummerbuben» mitgemacht.
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Selber gelesen haben sie das Buch nicht – noch nicht. Die Fünft- und Sechstklässler, die von Therese Hulliger im Langnauer Höhewegschulhaus unterrichtet werden, kennen «Die sechs Kummerbuben» bloss, weil ihnen die Lehrerin daraus vorgelesen hat. Im Hinblick auf das 75-Jahr-Jubiläum des Werks, das die Langnauer Pfarrerstochter und Ehrenbürgerin Elisabeth Müller geschrieben hat, holte Therese Hulliger den Klassiker aus dem Regal.

«Gewerchet und gehundet»

In der Bibliothek suchen die Fünft- und Sechstklässler jeweils nach ganz anderem Stoff: Nach Krimis, Comics, Harry Potter oder etwa Pferde- und Tierarztbüchern. Es komme pro Jahr vielleicht einmal vor, dass jemand nach den Kummerbuben frage, sagt Barbara Dürst, die Leiterin der Regionalbibliothek Langnau. Das dürfte sich vielleicht ändern.

Von den 18 Schülerinnen und Schülern, die Therese Hulliger mit dem Buch vertraut gemacht hat, geben immerhin 14 an, sie könnten sich vorstellen, das Buch selber zu lesen. Das sei zwar sicher schwierig, schreibt jemand als Antwort auf eine von dieser Zeitung durchgeführte Umfrage. «Weil sie vor 75 Jahren einen anderen Schreibstil hatten.»

«Die Kummerbuben haben ein so kleines Haus, und so viele wohnen darin.»

Aus der Umfrage

Tatsächlich schrieb die Jugendbuchautorin Sachen, die Therese Hulliger heute in den Aufsätzen ihrer Schülerinnen und Schüler kaum als besonders lobenswert hervorheben würde. Über die zwei ältesten Kummerbuben liest man zum Beispiel: «Sie glichen dem Vater, der auch fast aussah, als hätte er früher bei den Negern gehaust.» Fremd in den Ohren heutiger Kinder muss es auch tönen, wenn die Grossmutter jammert: «Ich habe doch meiner Lebtag nichts getan, als geschafft und gewerchet und gehundet.»

Arm und dennoch tapfer

Ja, es sind harte Zeiten, in denen die Kummerbuben aufwachsen. Es imponiert den im 21. Jahrhundert Geborenen, «dass sie ein so kleines Haus haben und so viele darin wohnen». Und vor allem beeindruckt es sie, wie die sechs Jungs nicht bloss sparsam mit Geld umgehen mussten, sondern auch freiwillig mithalfen, die Miete für das Haus zusammen­zukratzen. Und sie staunen: Über «die komischen Kindernamen» – Hermann, Hänsel, Fritzli, Fred, Peek und Pöik. Oder darüber, «dass die Kinder einander verprügelten und arbeiten mussten».

«Mich erstaunt, wie die Kinder einander verprügelten und arbeiten mussten.»

Aus der Umfrage

Auch dass die Familie Kummer nicht viel Geld, aber trotzdem ein Feld hatte, erstaunt die Fünft- und Sechstklässler. Vor allem aber scheint ihnen zu denken gegeben zu haben, «wie gross der Unterschied zwischen Arm und Reich war». Auch, «dass es so böse (gnadenlose) Reiche gab». Und schliesslich, dass die Kummer­buben «tapfer bleiben, obwohl sie so arm sind».

Von wegen «gute alte Zeit»

Auf die Frage, ob sie gerne in der damaligen Zeit gelebt hätten, antworten die meisten mit einem Nein. Zu anstrengend sei das Leben damals gewesen, zu ungerecht und viel schwieriger als heute. Zwei antworten: «Nein, sonst wäre ich vielleicht auch verprügelt worden.» «Aber es wäre cool, wenn man nur einen Tag dort leben könnte», meint jemand. Für eine Reise zurück in die Vergangenheit spricht etwa die Tatsache, dass es «weniger Leute und Verkehr gab».

«Ich bin froh, heute zu leben, weil die Armen nicht mehr so stark unterdrückt werden.»

Aus der Umfrage

Trotzdem sind die befragten Langnauer Schülerinnen und Schüler glücklich, heute zu leben. «Weil die Armen nicht mehr so stark unterdrückt werden.» «Weil es damals viel Streit gab» und wir heute «nicht mehr solchen Streit und Krieg haben». Heute gebe es zwar auch Arme, gibt ein anderes Kind zu bedenken. «Aber denen wird geholfen, und sie können zum Arzt gehen.»

Für die moderne Zeit spricht auch, dass wir ­heute «viel mehr neue Sachen» haben. Oder dass man eine bes­sere Arbeit finden könne. Und ­jemand stellt kurz und bündig fest: «Heutzutage fühlt man sich besser.»

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