Zum Hauptinhalt springen

In Wanderschuhen durch die Nacht

Über dreissig Personen nahmen an einer Nachtwanderung teil. Sie entdeckten die Natur, die tierischen Bewohner des Emmentals und verschiedene Güezi-Sorten der Firma Kambly.

1,8 Kilometer und 200 Höhenmeter durch den Haselewald mit dem Sonnenuntergang auf der Bäregg als Höhepunkt.

Die trockenen Tannennadeln knirschen unter den Wanderschuhen, als die Gruppe beim Waldsaum einbiegt. «Hier ist ein Ort, an dem man die verschiedensten Sachen antrifft», sagt Armin Kunz zu den gut dreissig Personen. Der Wanderleiter erklärt, dass der Wald aus verschiedene Schichten bestehe: der Krautschicht, die sich zuunterst befindet. Danach komme die Strauch- und ganz oben die Baumschicht. Die Leute drehen ihre Köpfe nach links und nach rechts, in der Hoffnung, in dem Dickicht auch einen tierischen Bewohner zu entdecken. Ver­gebens.

Doch die Wanderung hat eben erst begonnen, der Abend ist noch jung. Im Gänsemarsch geht es auf einem schmalen Pfad weiter. Dieser schlängelt sich immer dichter in den Haseleewald oberhalb von Trubschachen hinein und wird zusehends steiler. Ganz unerwartet taucht mitten im ­Dickicht eine Lichtung auf: Bäume, die einst gross und stark in den Himmel ragten, liegen wie Mikadostäbchen wild durch­einander. Es sind Spuren, die die Winterstürme Evi und Burglind Anfang Jahr hinterlassen haben.

Zu viele Güezi gegessen

Im Zickzack marschieren die Teilnehmer weiter den Hügel hinauf: Dann, nach rund 1,8 Kilometern und 200 Höhenmetern, verlässt die Gruppe den Wald. Gerade rechtzeitig, um im Augenwinkel ein Reh zu sehen, das über eine Wiese springt. Gespannt, ob sich das Schauspiel wiederholt, hält die Gruppe inne. Einige nehmen Platz auf den Holzstämmen, die am Wegrand aufgetürmt sind, um kurz zu rasten.

Wandernacht in Trubschachen: Die Teilnehmer genossen den Sonnenuntergang auf der Baeregghöhe.
Wandernacht in Trubschachen: Die Teilnehmer genossen den Sonnenuntergang auf der Baeregghöhe.
Andreas Marbot
Pflanzenkunde im Mondscheinlicht.
Pflanzenkunde im Mondscheinlicht.
Andreas Marbot
Blick Richtung tiefes Emmental und Oberland.
Blick Richtung tiefes Emmental und Oberland.
Andreas Marbot
1 / 5

«Ich habe zu viele Güezi gegessen», sagt eine Frau und lacht. Sie hat nicht etwa aus ihrem Rucksack genascht, sondern unten im Dorf im Kambly-Erlebnis zugelangt. Dort nämlich befand sich der Ausgangspunkt der Nachtwanderung. Und bevor sich die Gruppe um 20 Uhr auf die knapp 5 Kilometer lange Wanderung machte, konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dort mit Käse, Trockenfleisch und Züpfe verköstigen. Auch durften sie durch die Verkaufsregale schlendern und nach Herzenslust Bretzeli, Schoggiherzli und Mandelcaramel probieren.

Es ist das dritte Mal, dass die Firma Kambly an der Schweizer Wandernacht mitmacht. «Wir wurden von den Schweizer Wanderwegen angefragt», erklärt Jan Cermak, Leiter Kambly-Erlebnis. So sei man auf die Idee gekommen, nicht nur eine Wanderung anzubieten, sondern den Leuten den Verkaufsladen bei Nacht zu zeigen. Denn die Rückkehr ist gegen Mitternacht geplant, dann wird noch ein Schlummertrunk serviert, und es bietet sich erneut die Gelegenheit, von den süssen Versuchungen zu degustieren.

Wie der Ruf eines Rehkitzes

Doch ans Essen denkt in diesem Moment niemand. Immer noch warten die Wanderer gebannt, ob sie die Rehgeiss ein zweites Mal zu Gesicht bekommen. Dann greift der Naturkenner Armin Kunz zu einem Trick. Er presst einen Grashalm an die Lippen, bläst hinein. Ein Fiepen ertönt. Damit ahmt er den Ruf eines Rehkitzes nach. Und tatsächlich, es funktioniert. Ganz kurz lässt sich das Reh nochmals blicken.

Ein weiteres Schauspiel erwartet die Leute auf der Bäregghöhe. Bei der Ankunft geht gerade die Sonne unter. Die Wanderer setzen sich auf den Boden, um diesen Augenblick zu geniessen. Im Hintergrund liedet eine Amsel. Eine Szene, die einem kitschigen Hollywoodstreifen entsprungen zu sein scheint. Und wäre es so, würde der Film hier enden. Doch es ist die Wandernacht, und darum heisst es weiterlaufen – in Richtung Folzhöhe.

Langsam übernimmt die Nacht das Zepter. Das Licht wird fahl und verleiht den herumliegenden Tälern etwas Mystisches. Erneut legt Armin Kunz einen Halt ein: In den Händen hat er ein selbst gepflücktes Sträusslein mit gelben Blumen. Es ist Johanniskraut. Dieses lege er nun daheim in Schnaps ein. Wenn er einmal nicht so gut drauf sei, träufle er dreimal täglich sechs Tropfen auf die Zunge. Und nach einigen Tagen gehe es ihm besser, denn Johanniskraut habe antidepressive Eigenschaften.

Doch auf dieser Wanderung sind keine solchen Tropfen nötig. Die Stimmung ist gut, es wird viel untereinander geplaudert. So auch auf dem Heidbühl, auf dem Bauernhof von Armin Kunz und seiner Lebensgefährtin Sandra Scheidegger. Hier gibt es eine ­erneute Rast, und als Erfrischung wird Lindenblütentee ausgeschenkt. «Es ist ein wunderbares Erlebnis», schwärmt Willi Flückiger aus Zollikofen. Er hat die Wanderung von seiner Lebensgefährtin als Geburtstaggeschenk bekommen. Flückiger rühmt, dass während des Marschs so viel Wissen über die Natur vermittelt werde.

Achtung, Mutterkühe

Mittlerweile ist es fast halb elf Uhr. Die Nacht hat das Emmental vollends in einen dunklen Mantel gehüllt. Nun heisst es Taschenlampen zücken und auf dem Wanderweg zurück nach Trubschachen laufen. Ein kurzes Stück des Rückweges führt durch einen Weide mit Mutterkühen.

Als die Wanderer die Strecke bereits durchquert haben, ertönt ein lautes Glockengeläute. Im Mondscheinlicht sieht man eine aufgeschreckte Herde Kühe umherrennen. Von der Distanz her stellen die Tiere zwar keine Gefahr für die Gruppe dar, aber dennoch entscheidet sich Armin Kunz, ein Stück des Weges zurückzugehen und eine andere Route zu nehmen. «Die Sicherheit der Leute geht vor», sagt der Naturkenner und meint: «Eine Wanderung ist immer auch ein kleines Abenteuer.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch