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Nur manchmal müssen sie böse sein

Tagtäglich setzen sich Brigitte und Walter Aeberhard dafür ein, dass im Schulhaus Kaltacker in Heimiswil alles seine Ordnung hat. Probleme mit Lehrern und Schülern ­kennen sie derzeit nicht. Trotzdem müssen sie ab und an ein Machtwort sprechen.

Harmonisches Duo: Brigitte und Walter Aeberhard schauen im Schulhaus Kaltacker zum Rechten.
Harmonisches Duo: Brigitte und Walter Aeberhard schauen im Schulhaus Kaltacker zum Rechten.
Olaf Nörrenberg

Blitzblank geputzt wird das Schulhaus Kaltacker sein, wenn heute in einer Woche gut 50 Kindergärteler und Erst- bis Sechstklässler sowie die Lehrer aus den Sommerferien zurückkommen. Wenn in Zimmern, Gängen und Turnhalle wieder Leben einkehrt. Seit bald 22 Jahren sind Brigitte und Walter Aeberhard dafür verantwortlich, dass in der 1961 erbauten Anlage alles seine Ordnung hat. Das Abwartpaar erledigt die Arbeiten gemäss Pflichtenheft und einige Tätigkeiten darüber hinaus. Das war nicht ­immer so.

Als sie ihr 40-Prozent-Amt am 1. November 1995 antraten, mussten die beiden erst einmal mit alten Gewohnheiten brechen. So musste zum Beispiel ein Lehrer dazu gebracht werden, den Betrieb der Heizung an Walter Aeberhard abzutreten. «Das war nicht einfach umzusetzen», erinnert er sich. Doch: Wenn jemand prädestiniert ist, Heizung, Maschinen und Geräte im Schulhaus zu warten, dann ist es der 55-jährige gelernte Landwirt.

Seit bald 30 Jahren arbeitet er in verschiedenen Funktionen bei der Maschinenfabrik Aebi in Burgdorf. Dass Aeberhard schweissen kann, bewies er nicht nur im Beruf: «Im Treppenhaus der Schulanlage habe ich auch schon mal das Geländer geschweisst.» Er ist immer zur Stelle, wenn etwas repariert oder ersetzt werden muss. «Manchmal gehen Sachen kaputt, sodass ich mich schon frage, warum sich der- oder diejenige zu dieser mutwilligen Zerstörung hat hinreissen lassen», merkt der Abwart kritisch an, ergänzt dann aber: «Im Grossen und Ganzen haben wir es auf dem Kaltacker gut.»

Der Konstrukteur

Wenn Walter Aeberhard weder seinem Beruf nachgeht, noch Hecken schneidet, den Rasen mäht, den Pausenplatz reinigt oder die Anlagen vom Unkraut befreit, wenn er eigentlich frei hätte und zurücklehnen könnte, dann spuckt er erst recht in die Hände. Seit 35 Jahren bewirtschaftet er zusammen mit einem Kollegen zehn Hektaren Landwirtschaftsland. Seine Leidenschaft gilt jedoch der Konstruktion und dem Bau von Landwirtschaftsmaschinen. «Ich habe eine Silierkette auf die Beine gestellt», betont der Bauernsohn mit berechtigtem Stolz. Mit dieser Anlage kann zum Beispiel Gras gehackt und danach quasi in einem Arbeitsgang ins Silo befördert werden.

Gutes Team: In den Sommerferien haben Brigitte Aeberhard und ihre Helferinnen gereinigt und gefegt. Bild: Marcel Bieri
Gutes Team: In den Sommerferien haben Brigitte Aeberhard und ihre Helferinnen gereinigt und gefegt. Bild: Marcel Bieri

Die ideale Stelle

Beim «Büürle» sucht Walter Aeberhard Ausgleich zum Beruf. Seine Frau Brigitte tut dies mit häufiger Garten- und gelegent­licher Handarbeit. Zudem ge­hört sie dem Jodlerchörli Ämmegruess, Hasle-Rüegsau, an. Diese musische Betätigung ist der 51-Jährigen Ausgleich genug zu ihrer täglichen Arbeit als Abwartin. Sie ist für sämtliche Putzarbeiten im Innenraum zuständig. «Ich bin jeden Tag eine Stunde im Schulhaus, mache den ‹Cher› und schaue abends, dass Fenster und Türen geschlossen sind», sagt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

Diese waren für sie mit ein Grund, sich zusammen mit ihrem Mann für die Stelle als Hauswartpaar auf dem Kaltacker zu bewerben. Sie wollte nicht weiterhin auswärts als Verkäuferin arbeiten, sondern die damals kleinen Kinder möglichst bei sich haben. «So wussten mein Sohn und meine Tochter stets, wo ich war. Sie konnten drinnen und draussen spielen. Und natürlich haben sie mir auch immer etwas geholfen, zum Beispiel beim Leeren der Papierkörbe», erinnert sich Brigitte Aeberhard. Die Hauptarbeit erledigt sie in der Regel am Freitagnachmittag. Sie kann diese aber auch am Samstag ausführen: «Ich bin zeitlich weitgehend frei.

Bis zum Schulbeginn am Montagmorgen muss einfach alles geputzt sein.» Die Plattenböden in den Gängen und das Linoleum in den Zimmern müssen gestaubsaugt und feucht aufgenommen werden. Und auch die Reinigung der WC-Anlagen und Lavabos gehört dazu. Arbeiten, die sie gar nicht mag, kennt die Frau nicht. Den Schritt von der Verkäuferin zur Schulhausabwartin hat Brigitte Aeberhard nie bereut.

Aber sie ­erinnert sich an Ereignisse, die sie ganz schön nervten: «Einmal meinte eine Lehrerin, sie müsse mit ihrer Klasse im Gang eine Wasserschlacht machen, sodass das Wasser die Treppe hinun­terfloss und so zu einer kleinen Überschwemmung führte.» Diese Lehrerin sei heute aber nicht mehr auf dem Kaltacker tätig – «jetzt haben wir es gut mit den Lehrerinnen und Lehrern».

Die strenge Abwartin

Und wie steht es mit der Schuljugend? «Im Grossen und Ganzen wissen die Kinder, was sich gehört», betont Walter Aeberhard und ergänzt lachend: «Schlitzohren gab es auch früher, als wir zur Schule gingen.» Er, der in Affoltern die Schule besuchte, hat nicht die besten Erinnerungen an die damalige Abwartin: «Wenn ihr etwas nicht passte, weil wir zum Beispiel am Brunnen mit dem Wasser spielten, hat uns der Lehrer nach der Pause gleich Strafaufgaben verteilt.»

Dieses Zusammenspiel von Lehrern und Abwart gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht in Heimiswil. In Lützelflüh, wo Brigitte Aeberhard aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, sei der Abwart zwar nicht so streng gewesen: «Trotzdem hatten wir Hemmungen, nach dem Schlüssel zu fragen, wenn wir im Schulzimmer etwas vergessen hatten. Heute kommt es vor, dass uns jeden Tag ein Kind bittet, das Schulhaus zu öffnen.»

Ganz die heile Welt existiert aber auch auf dem Kaltacker nicht. Das Ehepaar Aeberhard sagt es so: «Wenn es nötig ist, müssen wir Präsenz markieren.» Das war zum Beispiel an einem Weihnachtstag der Fall. Ausgerechnet in der Zeit der Stille hätten Jugendliche auf dem Pausenplatz einen «Hönnensound» abgelassen. «Da musste ich ein Machtwort sprechen», erklärt Abwart Aeberhard. Gleiches sei nötig gewesen, als Jugendliche auf dem Schulhausplatz Alkohol konsumiert hätten.

Doch markige Worte sind nicht in jedem Fall nötig: «Oft muss ich gar nichts sagen. Wenn die Störenfriede mich sehen, packen sie zusammen und verschwinden.» Brigitte und Walter Aeberhard sind beide ruhige, geduldige Menschen, welche die Schulkinder – so verschieden diese auch sind – gerne haben. Nur eben manchmal, wenn die Jugend über die Stränge schlägt, greifen sie ein: «Ab und an muss der Abwart ein Böser sein.»

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