Vom Emmental fasziniert

Kaum ein Laie kennt die Geschichte des Emmentals und im Speziellen das Archiv der Gemeinde Röthenbach besser als Hans Riedwyl. Der frühere Mathematikprofessor lässt die Geschichte aufleben.

Mathematiker mit einem Flair für Geschichte: Hans Riedwyl hat für die Leser dieser Zeitung in die Vergangenheit des Emmentals geblickt.

Mathematiker mit einem Flair für Geschichte: Hans Riedwyl hat für die Leser dieser Zeitung in die Vergangenheit des Emmentals geblickt.

(Bild: Marcel Bieri)

Wenn – wie neulich – in der Schweiz das Lottofieber grassiert, ist Hans Riedwyl gefragt. Theoretisch jedenfalls. Denn der heute 81-jährige Professor, der bis zu seiner Emeritierung an der Universität Bern Mathematik lehrte, verfasste einst die umfangreichste Lottostudie.

Als Datenmaterial dienten ihm insgesamt 17 Millionen Zahlen­reihen. Allerdings: Welche sechs Zahlen und welche Zusatzzahl einen Glücklichen zum Multimillionär machen können, kann auch Riedwyl nicht voraussagen.

Aber er weiss, mit welcher Methode ein Spieler den grössten Gewinn erzielen kann: 42 Karten werden mit den Zahlen 1 bis 41 beschriftet, dann in zwei gleich grosse Stapel geteilt, diese an je einer Ecke angehoben und wie beim Jassen ineinander «fliessen» lassen.

Dieser Vorgang wird siebenmal wiederholt. Letztlich werden so sechs Karten nach dem Zufallsprinzip gezogen. Die Glückszahl wird aus einem ebenso gemischten Stapel von sechs Zahlen rein zufällig bestimmt.

Übrigens: Wer den Lottojackpot mit 100-prozentiger Sicherheit knacken will, muss sich die Mühe machen und so viele Lottozettel ausfüllen wie es Möglichkeiten gibt – also etwas mehr als 26 Millionen. Weniger aufwendig sei, so Riedwyl, «wenn man der Lottogesellschaft mitteilt, dass man alle Möglichkeiten ausgefüllt haben will – dann nennt sie den Preis.»

Die Faszination

Hans Riedwyl ist zusammen mit einer Schwester und einem Bruder in Biglen aufgewachsen. Damals, längst vor der Verwaltungskreisreform im Kanton Bern, gehörte das Dorf noch zum Emmental. Der Vater war Schmied, die Mutter arbeitete neben ihren Pflichten zu Hause noch in der Siederei (heute Nestlé) in Konolfingen.

Nach der Volksschule besuchte Hans das Gymnasium Kirchenfeld in Bern. «Da war ich eher die Ausnahme. Denn wenn einer ein guter Volksschüler war, ging er in der Regel ins Seminar Hofwil», sagt der vitale Rentner, der zusammen mit seiner Partnerin in einer lichtdurchfluteten Wohnung in Liebefeld lebt und arbeitet.

«Als ich einmal krank war, gab mir Herr Debrunner den Auftrag, zur Quadratur des Zirkels Konstruktionen zu sammeln.»Hans Riedwyl

Die Mathematik faszinierte ihn von jeher, die Liebe dazu keimte aber erst recht auf, als der junge Gymnasiast von seinem Mathematiklehrer bereits im ersten Jahr gefördert wurde. «Als ich einmal krank war, gab mir Herr Debrunner den Auftrag, zur Quadratur des Zirkels Konstruktionen zu sammeln», erinnert sich Hans Riedwyl.

Doch er wollte mehr, suchte selbst nach Lösungen. Dies im Wissen, dass die Aufgabe – einen Kreis zu einem Quadrat zu machen – transzendent, nicht lösbar ist mit Lineal und Zirkel. Er machte Aproximationen. Mit Erfolg: Sein Lehrer war von seiner Arbeit so begeistert, dass er den 15-Jährigen zu seiner ersten wissenschaftlichen Publikation animierte.

Die Ahnenforschung

Die Ferien verbrachte der wissbegierige Schüler immer wieder dort, wo seine Eltern aufgewachsen waren – in Röthenbach. Dort, wohin er nach Jahrzehnten zurückkehren sollte: 50 Jahre nachdem er die Matura abgelegt, an der Universität Bern Mathematik studiert, doktoriert, die Habilitation erlangt und im Laufe seines professoralen Wirkens Hunderte von Studenten unterrichtet und zum Abschluss ihres Studium geführt hatte.

«Nach meiner Emeritierung wollte ich raus aus der Mathematik, ich wollte etwas ganz anderes machen», betont Riedwyl. Auf den Spuren seiner Vorfahren widmete er sich der Ahnenforschung. Bis ins Jahr 1480 zurück führten ihn seine ­Recherchen. Zu einer Zeit, da ein Mann namens Riedwyl lebte.

Dieser wohnte im Dorf Rietwil bei Herzogenbuchsee und war einer der reichsten Berner. Auf den Spuren seiner Vorfahren lernte Hans Riedwyl im Selbststudium, alte Schriften zu lesen.

Das Täuferjahr

Die akribische Recherche über 16 Generationen der Familie Riedwyl war der Grund, weshalb es dem Hobbyhistoriker den Ärmel «het inegnoh». Riedwyl wollte tiefer schürfen, wollte die Geschichte seiner Familie in Buchform niederschreiben. «Doch wen sollte ein Buch über die Riedwyls interessieren?», fragt sich der Pensionär selbstkritisch.

«Nach meiner Emeritierung wollte ich raus aus der Mathematik, ich wollte etwas ganz anderes machen.»Hans Riedwyl

Das Täuferjahr kam ihm da gelegen. 2007 erschien sein Buch, das die Geschichte eines Täufers schilderte, der von Kehrsatz nach Röthenbach und in den Jura fliehen musste. 2000 Exemplare, die schnell verkauft waren, liess Riedwyl drucken. Weitere 500 Bücher kamen in einer zweiten Auflage dazu.

Das Buch

So fasziniert, wie der Wissenschaftler einst von der Mathematik war, erforschte er nun die Geschichte des Emmentals. Zuerst fokussierte er sich auf das Dorf Eggiwil.

Ohne Erfolg allerdings: «Man sagte mir, alle Dokumente seien datengeschützt. Deshalb erhielt ich keinen Zugang zum Archiv», erinnert sich Riedwyl mit einem Kopfschütteln und ­ergänzt: «Was älter ist als 1900, muss zugänglich sein und gehört ins Staatsarchiv.»

Weit mehr Glück hatte er in der Gemeinde Röthenbach: «Ich wurde mit offenen Armen empfangen und erhielt die Unterstützung der Gemeinde.» Entstanden ist ein mehr als 200-seitiges Buch über die Geschichte der Gemeinde ­Röthenbach.

Riedwyl erzählt, erklärt, analysiert und deckt Zusammenhänge auf. Angereichert hat er seine umfassende Recherche mit Zitaten von Jeremias Gotthelf, «denn er war ein Geschichtskenner und kannte alles, was man zu dieser Zeit wusste».

Der Unermüdliche

Unzählige Stunden hat der Hobbyforscher im Archiv von Röthenbach verbracht. Mehr als 300 handgeschriebene Bücher, die im Laufe der letzten Jahrhunderte von Gemeindeschreibern und -räten verfasst wurden, hat Hans Riedwyl studiert und analysiert.

Mehr als 20'000 Seiten hat er auf seinem Computer abgespeichert. Das Gleiche machte er mit dem Geburtsregister. Mit Akribie hat er sämtliche auf gut 700 Seiten verzeichneten Geburten in der Gemeinde von 1569 bis 1875 digitalisiert. «Man kann einen Familiennamen eingeben und dann innert wenigen Minuten alle Vorfahren finden», erklärt Riedwyl mit Stolz.

«Ich habe sämtliche Kontrakte der Landvogtei Signau für das ganze Emmental im Berner Staatsarchiv fotografiert.»Hans Reidwyl

Kürzlich habe ein Mann aus dem Emmental bei ihm nachgefragt, ob er eruieren könne, wie alt das Haus sei, in welchem er wohne. Riedwyl konnte weiterhelfen: «Ich habe sämtliche Kontrakte der Landvogtei Signau für das ganze Emmental im Berner Staatsarchiv fotografiert. Wann ein Haus verkauft wurde und wer der neue Besitzer war, ist lückenlos dokumentiert.» 50 Bücher mit je bis zu 700 Seiten hat er in einem Winter durchfotografiert.

Die Geschichten

Seit gut einem Jahr macht der passionierte Hobbyhistoriker seine Emmentaler Studien einem breiten Bevölkerungskreis zugänglich, indem er Geschichten vergangener Jahrhunderte in der Berner Zeitung publiziert. Riedwyl stellt seine Beiträge in einen geschichtlichen Zusammenhang und bietet auch historisch weniger Versierten Gelegenheit, Zugang zu einem Thema zu finden.

Zum Beispiel: Schutz vor Geistern und Dieben, Kleider machen Leute, Ulli das Kuckuckskind oder Bundesrat Karl Schenk. Aber der Autor scheut sich auch nicht, aktuelle weltpolitische Situationen in seine Abhandlungen einzubeziehen, etwa «Der Wahlkampf in Amerika».

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