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Wenn Fantasie den Helden schafft

400 Jahre nach der Veröffentlichung ist Don Quijote immer noch ein ­Begriff. Im Rahmen der Serie «Mein Lieblingsbuch» wurde in der Langnauer Regionalbibliothek ebendieser Roman vorgestellt.

Mit Leidenschaft erzählt Gabriel Anwander in ­Langnau von seinem Helden Don Quijote.
Mit Leidenschaft erzählt Gabriel Anwander in ­Langnau von seinem Helden Don Quijote.
Thomas Peter

Don Quijote kämpft gegen Schläuche, die mit Rotwein gefüllt sind, schlägt sich tapfer, als er Auge in Auge mit einem Heer Hühner steht, ringt einem durchreisenden Barbier sein Rasierbecken ab, das er für einen wertvollen Helm hält. Doch nur eine seiner Heldentaten ist noch heute, 400 Jahre später, ein Begriff und hat es sogar zum Sprichwort ­gebracht: Gegen Windmühlen kämpfen. Eine aussichtslose, absurde Schlacht gegen einen le­diglich eingebildeten Gegner schlagen.

Doch für Don Quijote, den Ritter von trauriger Gestalt aus dem gleichnamigen Werk von Miguel de Cervantes, ist der Kampf gegen Windmühlen keineswegs aberwitzig. In seinen Augen sind es keine Windmühlen, sondern immense Riesen mit gewaltigen Armen, die bekämpft gehören. Und dem Ritter gelingt es sogar, einem Windmühlenflügel einen Hieb mit seiner Lanze zu versetzen. Er selbst wird jedoch von der Wucht des Flügels mit seinem treuen Pferd davongeschleudert.

Verstümmelt und verschuldet

Gut zwanzig Leute hängen Gab­riel Anwander an den Lippen, als er von seinem Lieblingsbuch erzählt. Gelesen habe er schon immer gerne, mit dreissig dann habe er sich den Don Quijote vorgenommen. «Da kommst du fast nicht drum rum.» Auch namhaften Schriftstellern wie Goethe oder William Shakespeare soll es so ergangen sein. Letzterer würdigte das teilweise grotesk lustige Werk angeblich mit den Worten: «Ernst zu sein, dazu genügt Dummheit, während zur Heiterkeit ein grosser Verstand unerlässlich ist.»

Dass Anwander das Buch noch Jahrzehnte später fasziniert, ist in der Regionalbibliothek Langnau zu spüren. Mit grosser Leidenschaft erzählt er vom Leben des Autors und seinem berühmtesten Werk. Zum Beispiel, wie Cervantes linke Hand in der Seeschlacht von Lepanto zerfetzt wurde und er die rechte, die ihm wegen eines Strafverfahrens abgeschlagen werden sollte, nur dank seiner Flucht nach Italien retten konnte.

Wäre er nicht geflohen, so gäbe es die Geschichte von Don Quijote nicht, gibt Anwander zu bedenken. Auch wie Cervantes auf dem Nachhauseweg vom Lazarett entführt und viereinhalb Jahre in Algier festgehalten und wegen seiner Fluchtversuche mehrfach ausgepeitscht wurde, findet Eingang in die Ausführungen des Ostschweizers, der seit längerem im Emmental wohnt.

Als Cervantes endlich wieder in Spanien ankam, war er über dreissig, vom Krieg gezeichnet und hoch verschuldet. In der Verwaltung verdiente er etwas weniger, als es zum Leben brauchte, und schrieb nebenbei Novellen und Theaterstücke. Da er aber kein studierter Literat war, wurden seine Werke kaum beachtet und nur von Laien inszeniert.

86 000 Rittergeschichten

Bis er Don Quijote schrieb. Um die 86 000 Rittergeschichten wurden von Cervantes Geburt bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr veröffentlicht, und alle hatten mehr oder weniger die gleiche Handlung, wie sie noch heute gang und gäbe ist: Ein edler Ritter zieht aus, schlägt sich tapfer, metzelt seine Widersacher nieder und ergattert zum Schluss die Gunst einer holden Dame.

Die Geschichte des Landadeligen Don Quijote ist genau gleich aufgebaut. Nur dass er sich seine Widersacher und Abenteuer selbst bastelt. Immer wieder wird er wegen seiner abstrusen Kämpfe für verrückt erklärt, lässt sich aber nicht von seinem Weg abbringen. Denn dann wäre er nicht, was er nun mal ist: ein Held.

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