Sumiswald

Zeit des Verdingbuben ist abgelaufen

SumiswaldDer ehemalige Verdingbub Fritz Jörg aus Sumiswald verstarb Anfang April. Der Pflegerin Daniela Fuhrer hat er seine Geschichte über die Jahre nach und nach erzählt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gegen das Ende hin bauten sie ­gemeinsam Luftschlösser. Also eigentlich arbeiteten sie gemeinsam an einen Bauernhof. Sie stellten sich etwa vor, wie sie Blumen, Bäume und Hecken ansäen, Kaninchen, Hühner und Hunde anschaffen, wie sie den Stall ausbauen. Jeden Tag kam ein bisschen mehr dazu. Jeden Tag gab es ein bisschen mehr zu tun.

Daniela Fuhrer sagt: «Wir verbrachten immer mehr Zeit in seiner Fantasie.» In den letzten Wochen habe er immer wieder von diesem Hof in Wasen gesprochen, dort, wo seine Frau Mina aufgewachsen sei. «Den wollte er sich mit dem Geld kaufen. Das haben wir dann getan. In der Fantasie.»

Stück für Stück

Daniela Fuhrer ist 46 Jahre alt. Seit 2011 arbeitet sie als Pflegerin im Alterszentrum Sumiswald. Sie war nie direkt für Fritz Jörg zuständig. Aber als sie ihn einmal beim Baden beiläufig fragte, ob er denn keine Kinder habe, begann er von seinem Leben zu erzählen. Und ihr hat es «einfach den Ärmel reingenommen», wie sie sagt. Sie baute eine Beziehung zu ihm auf, eine Freundschaft. Über die letzten sechs Jahre hat sie Fritz Jörg einmal in der Woche besucht – in ihrer Freizeit wohlverstanden.

Was Daniela Fuhrer über die Jahre Stück für Stück zu hören bekam, stand letzten Herbst auch in dieser Zeitung. Fritz Jörg hat seine Geschichte und das unsägliche Leid, das er als Verdingbub im Emmental erfahren musste, erzählt. Erschütternde Erlebnisse waren das, die etliche andere in diesem Land auch über sich ergehen lassen mussten. Man geht von bis zu 15'000 Frauen und Männer aus, die Opfer von für­sorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen wurden.

Die Wiedergutmachungsinitiative und dann das auf den 1. Januar 2017 eingetretene «Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981» sollten diesen Menschen Genugtuung verschaffen. Sie hatten Anspruch auf einen ­Solidaritätsbeitrag von bis zu 25'000 Franken.

8900 Opfer meldeten sich

Auch Fritz Jörg hat sein Gesuch eingereicht. Daniela Fuhrer sagt, dass er nachher nicht mehr darüber gesprochen habe. Sie hatte aber den Eindruck, dass Fritz Jörg sich dadurch, dass er seine Geschichte erzählen konnte und dass es den Solidaritätsbeitrag überhaupt gab, zum ersten Mal in seinem Leben wirklich wahrgenommen gefühlt habe.

Am 31. März lief die Meldefrist ab. Sie wird auch nicht verlängert. Laut dem Bundesamt für Justiz haben sich rund 8900 Opfer gemeldet. Ihnen wird ausser dem überwiesenen Geld auch ein offizielles Schreiben mit der Anerkennung ihres Leids zugestellt. Somit ist die Wiedergutmachung abgeschlossen. Der Rest der total 300 Millionen Franken bleibt in der Bundeskasse.

Ein Leben lang gespart

Auch Fritz Jörg hat das Schreiben und die 25 000 Franken erhalten. Er hat sich weder merklich gefreut, noch hat er das Geld angerührt. Daniela Fuhrer sagt es so: «Er war ein Batzenklemmer.» Er habe sein Leben lang nichts anderes gekannt, als zu sparen. Über Geld zu sprechen, sei tabu gewesen. Im Alterszentrum hatten sie ihm auch nie sagen dürfen, wenn sie ihm neue Kleider von seinem Geld gekauft hatten.

Trotzdem hat das Schreiben und zuvor auch schon der Artikel in dieser Zeitung etwas in Fritz Jörg bewirkt. Nachher habe er nie mehr etwas über seine Vergangenheit erzählt. So, als wäre das Kapitel nun abgeschlossen. Dann kam aber plötzlich diese Idee mit dem Hof in Wasen auf. Eine fixe Idee, um die sich Fritz Jörgs Gedanken immer mehr zu drehen begannen.

Sie habe ihn immer wieder nach Wünschen gefragt, was er nun mit dem Geld anstellen wolle, sagt Daniela Fuhrer. Ausser dem Hof in Wasen wünschte er sich nichts. Ausser einmal, da habe er gesagt, dass er im Bären Sumiswald essen gehen wolle. Weil: «Im Kreuz, da war ich schon.»

So bauten Daniela Fuhrer und er weiter gemeinsam an dem Luftschloss, an dem Hof in Wasen. Immer wieder habe er sie daran erinnert, dass dann noch die Kaninchen gefüttert und die Pflanzen und Blumen gegossen werden müssten. Daniela Fuhrer spielte mit. Versicherte ihm, dass alles in Ordnung sei. Am Montag, 9. April, sagte Fritz Jörg zu Daniela Fuhrer: «Jetzt ist eigentlich alles bereit. Jetzt muss nur ich noch zügeln.» Am Dienstag, 10. April, kurz vor Mittag, ist Fritz Jörg gestorben. Er war 90 Jahre alt.

Keine Nachkommen

An die Beerdigung ist ein halbes Dutzend Leute gekommen. Daniela Fuhrer hatte eigens dafür ein altes Adressbuch abtelefoniert. Fritz und Mina Jörg haben keine Kinder, weil er keine zeugen konnte. Schuld daran sind seine Erlebnisse als Verdingbub. So erbt nun seine demenzkranke Frau Mina die 25 000 Franken. Für die Opfer geniesst dieses Geld einen speziellen Schutz in steuer-, betreibungs- sowie in sozialhilferechtlicher Hinsicht. Bei ihr gilt der Betrag aber als übliche Erbmasse, die Einfluss auf die Ergänzungsleistungen hat.

Daniela Fuhrer kann sich nicht genau erklären, weshalb ihr Fritz Jörg so wichtig wurde, weshalb sie sich um ihn kümmern wollte. Sie meint, vielleicht wegen seiner Leidensgeschichte und weil er sonst niemanden mehr hatte. Heute würde sie das nicht mehr zulassen, sagt sie. Es war eine Beziehung, die ihr zum Schluss auch wehgetan hat.

Um Mina Jörg wird sie sich aber noch kümmern, mit ihr vielleicht einen Ausflug unternehmen. Und sie wird mit ihr in den Bären gehen und dort zu Abend essen. Für Fritz, der inzwischen gezügelt ist. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.05.2018, 10:46 Uhr

Artikel zum Thema

«Das ist ein wüster Mann dort»

Sumiswald Fritz Jörg war ein Verdingbub. Was der Emmentaler vor 80 Jahren durchmachen musste, ist kaum in Worte zu fassen. Von der Wiedergutmachungsinitiative weiss er kaum etwas. Mehr...

«Die Schuld liegt bei den Behörden»

Angst, Scham, aber auch Unkenntnis halten viele Opfer von Zwangsmassnahmen davon ab, ihre Ansprüche auf Solidaritätsbeiträge geltend zu machen. Ein Initiativkomitee ermuntert Angehörige, auf Betroffene zuzugehen. Mehr...

Eine überfällige Wiedergutmachung

Der Solidaritätsbeitrag an ehemalige Verdingkinder sei ein Denkanstoss, sich mit Fehlern der Vergangenheit auseinanderzusetzen, kommentiert Redaktor Bernhard Kislig. Mehr...

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Top 9 der probiotischen Produkte

Beruf + Berufung Ihr Büro ist die Welt

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Light Abo.

Das Thuner Tagblatt digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...