Zu Besuch bei Vreneli und Annebäbi

Utzenstorf

Im Park von Schloss Landshut haben derzeit die Frauen das Sagen. Geduldig oder boshaft von Charakter, aufgedonnert oder liebreizend von Gestalt ist ihnen eines gemeinsam: Ihr Schöpfer ist Jeremias Gotthelf.

Cécile von Rütte-Bitzius, dargestellt von Sandra Sieber, führt mit ihrem Sohn Walter Theophil (Miro Nardini) durch das Theater.

Cécile von Rütte-Bitzius, dargestellt von Sandra Sieber, führt mit ihrem Sohn Walter Theophil (Miro Nardini) durch das Theater.

(Bild: Thomas Peter)

Sie tschäderen, schnäderen, begehren auf, schimpfen und schelten. Sie sind wüst, einfältig, böse, hinterhältig und aufgedonnert. Ohne Zweifel, Jeremias Gotthelf fand träfe Worte, wenn er über Frauen schrieb. Aber nicht nur im negativen Sinn: Des Dichterpfarrers weibliche Figuren konnten auch treu, durchsetzungswillig, lieb, grossherzig und sanftmütig sein. Vielen von ihnen wohnte eine tiefe religiöse Kraft inne, die ihnen den Weg wies und sie so manches Hindernis besonnen aus dem Weg räumen liess.

Zu den Wüsten, Hinterhältigen und Einfältigen in Gotthelfs Frauenreigen gehören etwa Elisi von der Glungge in den «Uli»-Romanen oder Elsi aus der «Käserei in der Vehfreude», die ihrem ­Peterli das Leben noch schwerer macht, als es sowieso schon ist. Zu den Braven, Gottesfürchtigen und Starken gehören Vreneli, die Ulis Herz erobert, oder das Erdbeermareili.

Eine der Unbelehrbarsten ist Annebäbi Jowäger, die so gar nicht vom «doktern» lassen will und ihren kranken Jakobli lieber den Kurpfuschern und Wahrsagerinnen ausliefert, als ihn zu einem «Studierten» zu bringen.

Und dann wäre da noch Christine zu nennen, die in «Die schwarze Spinne» einen Pakt mit dem Teufel schliesst und so die Pest ins Tal der Emme holt. Als «Fremde» von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen, übernimmt sie Verantwortung, will endlich anerkannt werden – und scheitert.

An die frische Luft

Sie alle und noch ein paar mehr sind momentan im Park von Schloss Landshut in Utzenstorf unterwegs. Zu verdanken haben sie den Ausflug von den Bibliotheken dieser Welt an die frische Luft der Theaterautorin und Regisseurin Iris Minder. Im Szenenspiel «So ein handlich Weib» ermöglicht sie ihnen einen gebührenden Auftritt.

Das Theater geht von Szene zu Szene, das Publikum spaziert mit. Keine Geringere als Gotthelfs Tochter Cécile von Rütte-Bitzius führt von Spielort zu Spielort. Begleitet wird sie von ihrem Sohn Walter Theophil. Hie und da ist auch der Meister selber anzutreffen. Er hat ein dickes Buch dabei und zitiert aus seinen Werken.

Von oben bis unten schwarz

Die Theaterleute kommen mit wenig Requisiten aus. Kein Wunder, sie wechseln, wie das Publikum, den Standort und schlüpfen in immer neue Rollen. So wird etwa «d Amtsrichtere» aus der Geschichte «Der Oberamtmann und der Amtsrichter» – «ein grosses, schönes Weib, stark im Arm, weisen Sinnes, guten Herzens, aber eine Löwin an Zorn und Kraft, wenn es an sie kam» – ein paar Momente später zum herrscheligen Elsi aus der «Käserei in der Vehfreude».

Die mächtigen Bäume und dichten Büsche im Park machen es den Darstellerinnen und ihren Kollegen möglich, ungesehen die Szene zu wechseln. Und ob all dessen erklärt sich dann auch, warum die Kostümierung der Figuren – mit Ausnahme der Familie Bitzius – sehr schlicht ist.

«Gotthelf hat geniale Frauenfiguren geschaffen.»Iris Minder, Autorin und Regisseurin

Von oben bis unten schwarz gekleidet, reicht den Männern und Frauen eine Schürze, eine ­Jacke oder ein Gilet, gepaart mit der richtigen Kopfbedeckung, und schon sind sie bereit, eine andere Rolle zu übernehmen.

«Weil er geniale Frauenfiguren geschaffen hat, von lieb und herzig bis sackböse», antwortet Iris Minder auf die Frage, warum es denn gerade Gotthelf sein musste für die neuste Produktion beim Wasserschloss. «Und ich wollte Gotthelf auf eine andere Weise zeigen, nicht anhand der bekannten Bühnenstücke.» Zudem passe er, der einst in Utzenstorf gewirkt habe, doch ganz gut in den Schlosspark. Da hat sie recht.

«So ein handlich Weib», Szenenspiel im Park von Schloss Landshut, Utzenstorf. Infos und Tickets: www.jeremias-gotthelf.be.

Berner Zeitung

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