Zum Gedenken an den einstigen Friedhof

St. Niklaus

Der Bildhauer Daniel Ritter hat an der Bern-Zürich-Strasse zwischen Höchstetten und St. Niklaus eine grosse Steintafel installiert. Sie soll an den ehemaligen Friedhof erinnern.

Die Steintafel bei der Ruhebank: Zu lesen ist darauf ein Zitat des italienischen Dichters und Skandalregisseurs Pasolini.

Die Steintafel bei der Ruhebank: Zu lesen ist darauf ein Zitat des italienischen Dichters und Skandalregisseurs Pasolini.

(Bild: Thomas Peter)

Die mächtigen Silberlinden, ­deren Kronen sich ineinander verschlungen hatten, waren die letzten Zeitzeugen an dieser schicksalhaften Stätte, die in Vergessenheit zu versinken droht. An der Strecke, die von St. Niklaus bei Koppigen nach Höchstetten führt, auf dem Feld zwischen Waldrand und Bern-Zürich-Strasse, befand sich einst ein Friedhof. Dort, wo noch heute ein Ruhebänklein steht.

Er gehörte zum regionalen Wohn- und Pflegeheim St. Niklaus, früher Asyl Gottesgnad genannt. Dieses bot damals alten und jungen chronisch kranken Menschen Aufnahme und Pflege. Auf dem Friedhof fanden die verstorbenen Patienten ihre letzte Ruhe.Den Gottesacker gibt es längst nicht mehr, erst wurden die kleine Kapelle, das schmiedeeiserne Tor, die Thujahecke und im vergangenen Frühjahr auch die beiden alten Bäume entfernt.

Eine Leihgabe

Daniel Ritter, seines Zeichens Bildhauer mit einem Atelier in Hellsau, der gerne mal mit speziellen Aktionen auf sich aufmerksam macht, erwarb zwei grosse Teile der Lindenstämme und schaffte sie nach Hellsau (wir berichteten). Nun wurde der Künstler wieder aktiv: Er hat im Dezember auf der einstigen Begräbnisstätte eine gut zwei Meter hohe Steintafel aufgestellt, um der Toten zu gedenken. Auf die Idee kam er, als er das Kunstobjekt von einer Ausstellung in Bern zurücktransportierte.

Die Tafel sei eine Leihgabe und passe gut dorthin, hält Heimleiter Res Gygax fest. Deshalb dürfe sie auch stehen bleiben. Das Land gehört immer noch zum Wohn- und Pflegeheim St. Niklaus.

«Die Welt will mich nicht mehr und weiss es nicht.»Pier Paolo Pasolini

Auf der Tafel zu lesen ist ein Ausspruch des umstrittenen italienischen Schriftstellers und Filmregisseurs Pier Paolo Pasolini (1922–1975): «Il mondo non mi vuole più e non lo sa», zu Deutsch: «Die Welt will mich nicht mehr und weiss es nicht.» Die Tafel nehme auf die Vergänglichkeit Bezug, die Platte sei dünn und zerbrechlich, meint Daniel Ritter.

Der Fall der Linden

Die Silberlinden wurden aus finanziellen Gründen gefällt. Sie hätten gemäss einem Schreiben des Kantons an das Wohn- und Pflegeheim wegen der Sicherheit zurückgestutzt werden müssen. Um sich aber die jährlich wiederkehrenden Kosten für einen Baumchirurgen zu sparen, wurden sie abgeholzt, wie Heimleiter Gygax seinerzeit gegenüber dieser Zeitung sagte. An ihrer Stelle wurde eine neue kleine Linde gepflanzt.

1922 wurde der Friedhof an der Strasse nach Höchstetten eingeweiht, vor über 40 Jahren fand die letzte ­Beerdigung statt. Die Gräber wurden nach einer gesetzlichen Wartefrist von 25 Jahren aufgehoben. Die damals noch bestehenden 70 bis 80 Ruhestätten verschwanden. Wohl dürften viel mehr Menschen dort begraben worden sein.

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