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Emmentalerinnen stricken für die weite Welt

LangnauKinder aus Amerika, Japan und Europa tragen ihre Kleider und Mützen: Seit sieben Jahren stricken die Emmentalerinnen des Projekts Hohgant Kinderkleider, und seit kurzem betreiben sie in Langnau ein Strickatelier.

Madeleine Liechti (77) hat eine neue Technik gefunden, die verschiedenen Enden des Strickgarns dezent zu vernähen. Hannah Strøm (67) ist beeindruckt. «Kannst du das den anderen auch zeigen?» Während der Schnee draussen fällt, sitzt ein Grüppchen Frauen bei einer Tasse Kaffee im Strickatelier in der Dorfmühle Langnau. Stricknadeln klappern. Was hier im idyllischen Emmental entsteht, macht Reisen rund um den Globus. Seit sieben Jahren stricken Emmentalerinnen unter der Regie der Designerin und ehemaligen «Annabelle»-Redaktorin Hannah Strøm Kinderkleider. Die farbigen, handgemachten Mützen und Kleidchen werden für teures Geld in Boutiquen auf der ganzen Welt verkauft – mit Erfolg. In teuren Designerboutiquen Zwischen 20 und 30 Strickerinnen und ein Stricker – Madeleine Liechtis Ehemann – «lismen» im Moment für das Projekt Hohgant. Die Anforderungen an die Handwerkerinnen sind hoch, die Jäckchen und Strampelhosen sind zwar handgestrickt, sollen aber so perfekt aussehen, als seien sie maschinell entstanden. «Leider stricken nicht alle Frauen, die mitmachen möchten, genügend gut», sagt Strøm. Sie habe eine Liste mit den Adressen von 250 interessierten Frauen. Seit kurzem sind die Hohgant-Frauen im Atelier in Langnau eingemietet. Es ist die Drehscheibe des Projekts. Hier stricken die Frauen, oder sie beziehen die Wolle und liefern wenig später das Kleidungsstück ab. Aus dem Atelier beliefern die Frauen die Boutiquen. Dazu gehören Designerläden in den grossen Städten Deutschlands sowie in Seattle und Tokio, aber auch der Berner Loeb und der Kitchener. «Wir sind stolz, dass unsere Strickware in einem so hochpreisigen Segment verkauft wird», sagt Madeleine Liechti. Im Emmental hingegen hat erst ein einziges Geschäft versucht, die Kleider zu verkaufen. «Nicht ein Stück ging über die Ladentheke», erzählt Strøm, gebürtige Dänin und von Kindsbeinen an begeisterte Strickerin. Kein Wunder: Das teuerste Jäckchen kostet 179 Franken. «Den Frauen aus der Region ist das viel zu teuer. Zudem stricken viele von ihnen selber.» Angefangen hat alles mit einer Erdbeermütze. Für ihre eigenen Enkel hat Strøm die Mütze in Form der roten Frucht gestrickt. Nach und nach fragten immer mehr Bekannte nach der witzigen Kopfbedeckung. Strøm, die in Basel lebt, in Schangnau aber eine Zweitwohnung besitzt, erhielt Unterstützung von ihrer Freundin Susanna Oberli. Immer mehr Strickerinnen stiessen hinzu, und ehe sich Strøm versah, berichtete die Sendung «Rundschau» über das Handwerk, das um die Welt geht. Seither können sich die Frauen kaum retten vor Medienanfragen. Doch die meisten lehnt Strøm ab. «Das Projekt soll so überschaubar bleiben, wie es angefangen hat. Ich hatte niemals vor, es zu vermarkten oder Profit daraus zu schlagen.» Die Frauen, die an diesem Nachmittag im Atelier sitzen, geben einstimmig an, für ihr Leben gern zu stricken. «Es ist wie eine Sucht», sagt Ruth Wüthrich (62). «Ich stricke jeden Tag», berichtet Madeleine Liechti. Für Strøm hat Hohgant mehr als nur eine Bedeutung: «Es ist auch ein Sozialprojekt.» Manche der Frauen leben auf einsamen Bauernhöfen und erhalten zum ersten Mal für ihre Tätigkeit Geld. Und in den letzten Jahren seien unbezahlbare Freundschaften entstanden, erzählt Strøm. Auf Sponsoren angewiesen Viel ist es nicht, was die Strickerinnen erhalten. «Eher ein Sackgeld», sagt Strøm. Angestellt ist keine der Frauen, organisiert ist das Projekt als Verein. Denn Geld lässt sich damit auch nach sieben Jahren keines verdienen. Die Strickkleider sind extrem zeitaufwendig. Möchte Hannah Strøm die Strickerinnen mit dem Minimallohn bezahlen, so würde ein Jäckchen über 1000 Franken kosten. «In die Strickjacke steckt eine Frau 50 Stunden Arbeit.» Beim Preis von 179 Franken geht ein Viertel an die Frau, die das Stück angefertigt hat, sowie je ein Viertel an die Boutique, die Materialkosten und das Projekt. Trotz Erfolg bleibt das Geld das Sorgenkind des Projekts: Das Atelier kann sich der Verein kaum leisten. «Wir sind angewiesen auf Sponsoren», gibt Strøm unumwunden zu. Denn ihren Raum brauchen die Frauen. Nicht nur aus organisatorischen Gründen, sondern ebenso aus sozialen. Und vor allem, um einander die neusten Kniffs und Tricks rund ums Stricken beizubringen. Annina Haslerwww.hohgant.ch >

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