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«Es gibt keinen Grund zur Panik»

Die Griechenland-Krise werde dem Tourismussektor schaden, auch jenem im Kanton Bern. Ansonsten rechnet Urs Müller, Direktor der Konjunkturforschungsstelle BAK Basel, kaum mit Konsequenzen für die Schweiz.

Eigentlich haben die Schweizer allen Grund, sich auf die Sommerferien zu freuen: Der sehr tiefe Euro lädt geradezu zu einer Reise an die Riviera ein. Kein Grund zur Sorge also, wäre da nicht die Griechenland-Krise Urs Müller: Ob die Griechenland-Krise für Schweizerinnen und Schweizer tatsächlich zu grosser Sorge Anlass geben wird, ist schwierig abzuschätzen. Im Moment gehe ich eher davon aus, dass uns nach der weltweiten Finanzkrise nun keine zweite Krise bevorsteht und wir die Sommerferien tatsächlich geniessen können. Also alles nur halb so schlimm? Unbestritten ist es so, dass wegen der angespannten Lage in Griechenland der Euro-Kurs tief ist, was gleichzeitig den Franken stärkt und unsere Exportindustrie schwächt. Güter aus der Schweiz sind dadurch teurer als Güter aus dem EU-Raum, das schwächt die Wettbewerbsfähigkeit. Nur wiegt der weltweite Konjunkturaufschwung deutlich schwerer als der leichte Bremseffekt durch den etwas zu starken Franken. Denn die Weltwirtschaft befindet sich im Moment auf einem ziemlich stabilen Erholungspfad. Anders gesagt: Die Griechenland-Krise wird es nicht schaffen, den wirtschaftlichen Aufschwung in der Schweiz abzuwürgen. So schätze ich die Situation im Moment für praktisch alle Wirtschaftszweige der Schweiz ein, ja. Selbst unsere Exportindustrie wird nicht in eine Notlage geraten, weil sie zu grossen Teilen Güter exportiert, die in dieser Qualität sonst kein Land liefern kann. Ich denke da etwa an Uhren und Pharmaprodukte. Die Tourismusbranche, auch jene im Kanton Bern, würde unter einer anhaltenden Euro-Baisse aber sehr wohl leiden. Da gebe ich Ihnen recht. Das ist tatsächlich die Branche, die den Griechenland-Effekt am stärksten zu spüren bekommen wird. Denn aufgrund des starken Frankens und des schwachen Euros ist für einen Europäer derzeit ein Urlaub im österreichischen Alpenraum deutlich günstiger als beispielsweise Ferien im Berner Oberland. Gehen im Tourismus wegen der Griechenland-Krise womöglich Stellen verloren? Es wäre völlig verfehlt, jetzt in Panik zu geraten. Solange sich die Griechenland-Krise nicht massiv akzentuiert, müssen wir nicht befürchten, dass zusätzliche Arbeitsplätze gefährdet sind. Erst wenn der Euro-Kurs noch einmal massiv fällt und diese Baisse lange anhält, sehe ich ein gewisses Gefahrenpotenzial. Im Moment gibt es aber noch keinen Anlass, unsere Konjunkturprognosen, die für die Schweiz für 2010 ein Wachstum von 1,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts voraussagen, nach unten zu korrigieren. Ist der Kanton Bern wegen der relativ grossen Abhängigkeit vom Tourismus stärker gefährdet als der Rest der Schweiz? Ich würde sagen, Bern und andere tourismusstarke Kantone sind stärker vom Griechenland-Effekt betroffen als Kantone, in denen der Tourismus kaum ein Gewicht hat. Sollte Griechenland aber tatsächlich Konkurs anmelden müssen, würde sich die Lage in Europa dramatisch ändern, oder? Jein. Salopp gesagt: Geht Griechenland in Konkurs, ist das für die Griechen zwar sehr schlimm, es wäre aber zunächst eine völlig lokale Angelegenheit. Es sähe aber sofort anders aus, falls die zahlreichen ausländischen Banken, die dem griechischen Staat Hunderte von Milliarden Euro geliehen haben, ihr Geld nicht zurückfordern könnten. Dann stünde womöglich eine weitere Bankenkrise bevor mit all den Folgen, wie sie die Welt und auch die Schweiz eben erst erlebt haben. Aber ich betone: Das ist eines von vielen möglichen Szenarien und meiner Einschätzung nach nicht sehr realistisch. Wenn ein Land in Konkurs geht, ist aber ziemlich wahrscheinlich, dass es die offenen Schulden nicht mehr begleichen kann. Dass Griechenlands Gläubiger gar kein Geld zurückbekämen, das würde die EU wohl nicht zulassen. Es wäre die Aufgabe der europäischen Staatengemeinschaft und der Europäischen Zentralbank, Lösungen zu finden, die möglichst geringen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten. Denn eine zweite Krise ähnlichen Ausmasses würden die meisten europäischen Länder, welche ihre Staatsverschuldung grösstenteils bereits massiv erhöhen mussten, nicht verkraften. Was bedeutet die Griechenland-Krise für die Zinspolitik der Schweizerischen Nationalbank? Eigentlich müsste die SNB die tiefen Zinsen anheben, weil sonst bald einmal zu viel Geld auf den Markt käme und die Inflationsgefahr ansteigen würde. Über den tiefen Euro wird die Inflationsgefahr entsprechend gedämpft. Das heisst auch, dass die Nationalbank noch länger an ihrer Tiefzinspolitik festhalten kann. Die Zinsen erhöhen muss sie erst, wenn der Franken schwach wird. Folglich hat die Krise in Griechenland auch ihr Gutes: Die Zinsen für Hypotheken und Kredite bleiben in der Schweiz tief. So ist es. Und das ist für Mieter und Eigenheimbesitzer tatsächlich erfreulich. Interview:Philippe Müller >

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