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Fernweh-Reigen in «Dreier’s Stübli»

Herrlich skurril: Das Stadttheater beschwört die Sehnsucht nach dem Meer. Seemannsgarn und Drittklassschlager inbegriffen.

Berns Spelunken haben theatralisches Potenzial: Erst kürzlich schickte das Autorentrio Pedro Lenz, Matto Kämpf und Raphael Urweider im Schlachthaus eine Arzttochter in die verruchte Welt einer stadtbekannten Berner Beiz («Alice im Ungerland»). Nun doppelt das gesangsfreudige Schauspielensemble des Stadttheaters gewissermassen nach: Der szenische Liederabend «Sehnsucht ist unheilbar» entfaltet sich in einer wunderlichen Matrosenbar, deren reales Vorbild in der unteren Altstadt zu finden ist. Schmalspur-Musical Was das Seemannsherz begehrt – hier ist es zu finden: Muschel, Mast und Möwe, dazu Plastikkrebse, Rettungsringe und Fischerutensilien, als ob die hohe See gleich vor der Türe liegen würde (Bühne Romy Springsguth). Aber eben: Das Meer ist weit weg und das Leben ziemlich salzig. Umso grösser die ist Fernsucht – und die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Sie spiegelt sich im Seemannsgarn, das da aufs Schönste gewoben wird, in «Dreier’s Stübli» am Hafen von Bern. Und sie spiegelt sich in den Songs, die in diesem Schmalspurmusical immer wieder unvermittelt zur Entfaltung kommen: deftige Seemannslieder, Shantys und Drittklassschlager mit Titeln wie «Aber er war so blau wie das Meer» oder «He, hast du Feuer, Seemann», in denen sich «Tisch» auf «Fisch» und «Rum» auf «fällt um» reimt. Bereits letzte Saison hätte der Binnenland-Matrosenabend, inszeniert von «Ostsee-Expertin» Antje Thomas, in der Vidmar über die Bühne gehen sollen. Das Projekt indes havarierte, weil eine Grippewelle den Probenplan durcheinanderwirbelte. Doch nun sind alle an Bord: Jan-Hein-Klaas-Pit Albers (Ernst C.Sigrist), der energische Bratfischspezialist («Pulveraffe!» «Flottenfurz!») und Nostalgiker («Schön war die Zeit») aus Norddeutschland. Urs (Diego Valsecchi), der grantige Stammgast. Eine Frau (Henriette Cejpek), die singend ihren Hund sucht. Ein gestiefelter Tiefseefischexperte mit Koffer und Aquarium, der «Fisches Nachtgesang» von Christian Morgenstern vorträgt (Andri Schenardi). Und natürlich das Wirteehepaar Maria und Dieter Dreier (Sabine Martin/Michael Frei): Sie drückt und streichelt das Akkordeon, er macht sich am Klavier zu schaffen – als musikalischer Kapitän des Abends, mit Uniform und Strickmütze. Küssen und keifen Sie keifen, küssen und weinen, sie protzen und singen (gar nicht mal schlecht). Und am Ende verlässt man «Dreiers’s Stübli» heiter beschwingt, in leichter Verzückung über einen anarchischen Abend voller Derbheiten, Matrosenherzblut und entwaffnendem Unsinn. Null Dramaturgie, neunzig Prozent Amüsement, zehn Prozent Melancholie. Oliver MeierWeitere Aufführungen: bis 9.März in den Vidmarhallen (Vidmar2). Infos und Tickets: www.stadttheaterbern.ch. >

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