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Fluch der Erinnerung

TheaterDas neue Stück des gebürtigen Thuners Lukas Bärfuss heisst «Zwanzigtausend Seiten». Es überzeugte an der Premiere im Zürcher Schiffbau mit klugen Dialogen, doch die Inszenierung war überladen.

Aktenwände voller Bundesordner säumen die Spielarena im Zürcher Schiffbau, an deren Rand das Publikum sitzt (Bühne: Robert Schweer). Der Protagonist Tony kann 20000 Seiten aus einer 25-bändigen Studie über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg auswendig. Er hat sie im Gedächtnis, seit ihm ein Umzugskarton mit den Büchern auf den Kopf gefallen ist. Tony quälen die Geschichten. Doch der Herausgeber der Studie, Jean-François Blonay (eine Anspielung auf den in Blonay VD verstorbenen Historiker Jean-François Bergier), kann ihm nicht helfen. Der Berner Dramatiker Lukas Bärfuss hat mit «Zwanzigtausend Seiten» sein wohl sprachlich elaboriertestes Stück vorgelegt. Die zum Teil über zwei Seiten sich hinziehenden Monologe sind so klug, dass man sie beim ersten Hören unmöglich ganz verstehen kann. Regisseur Lars-Ole Walburg hat das Stück für die Aufführung optisch aufgepeppt – fantasievoll, aber nicht immer stringent. Seltsame Verrenkungen, bizarre Kostüme und Perücken wirken oft, als hätte man dem Auge unbedingt etwas bieten wollen. Dabei gäbe es fürs Ohr genug. Die Hauptfigur Tony landet schliesslich in einer entwürdigenden Castingshow und verliert gegen eine singende Buschauffeuse, weil niemand seine Geschichten hören will. Nicht einmal der abgeschobene Flüchtling Oskar, der das KZ überlebt hat und nun in der Schweiz einen draufmacht. Am Schluss verlangt Tony von einer Psychiaterin, seine cerebrale Festplatte zu löschen. Sie überspielt die Weltkriegsstudie mit 20000 Seiten zu Themen wie Informatik und Marketing, auf dass Tony wieder ein nützliches Mitglied der Gesellschaft wird.sdaNächste Aufführungen im Zürcher Schiffbau: 7., 9., 13., 15., 21., 22., 26., 27.Februar. >

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