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Gespür für das richtige Mass

MeisterkonzertIm Zentrum Paul Klee zeigten Maria João Pires (Klavier) und Antonio Meneses (Violoncello) am Sonntag, dass weniger mehr sein kann. Ludwig van Beethoven, Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms entfalteten sich neu.

Anspannung im ausverkauften Auditorium Martha Müller. Das Publikum in Denkerposen. Kein Husten. Kein Geräusch. Kein Konzert, bei dem man sich in den roten Sessel zurücklehnen und in Gefühlsduselei versinken kann. Die portugiesische Pianistin Maria João Pires und der brasilianische Cellist Antonio Meneses lassen die Schutzschicht aus Pathos fallen und brechen Beethoven, Bach und Brahms auf ihre Substanz herunter. Dadurch fordern sie ihrem Publikum ab, jeden einzelnen Ton mitzuverfolgen. Fantastisch zarter Dialog Belohnt wird die Konzentration mit überwältigender musikalischer Intensität. Ihr Stil lebt von konzisen Tönen und dem Gespür für das richtige Mass – in Tempo und Dynamik, aber auch im Zusammenspiel. Am Ende des zweiten Satzes von Beethovens Sonate für Klavier und Violoncello Nr.3 steht ein Dialog, den Pires und Meneses fantastisch zart miteinander flüstern. Die 1944 in Lissabon geborene Maria João Pires ist nach einer Wunderkindkarriere bald ihren eigenen Weg gegangen und lebt seit vier Jahren in Brasilien. International tritt sie nur noch selten auf, und wenn, dann vielmehr kammermusikalisch denn mit grossem Orchester. Dass sie sich den grossen Dimensionen lieber entzieht, zeigt auch ihr unprätentiös-erhabenes Spiel. Ohne exzentrisches Showgebaren entwickelt sie eine unglaubliche Kraft, die sie in jedem musikalischen Ablauf zu beherrschen weiss. Aber die Emotion bleibt nicht auf der Strecke, wie sie in Beethovens Klaviersonate Nr.30 zeigt: Die Arpeggien wuchtet sie nicht als Flut von Tönen, sondern spaltet sie in einzelne, hochprozentige Tropfen auf. Das Fortissimo lässt sie erst im dritten Satz von Brahms Sonate für Violoncello und Klavier in e-Moll frei. Wunderbares Vibrato Auch erst in diesen letzten Minuten des Konzertes kostet der Brasilianer Antonio Meneses sein wunderbares Vibrato aus. Es ist Teil des stilistischen Mikrokosmos, den der Cellist des Beaux-Arts-Trios und Professor an der Berner Hochschule der Künste für Brahms gewählt hat. Die Suite für Violoncello solo Nr.1 in G-Dur von Johann Sebastian Bach spielte er zuvor auf einem barocken Instrument mit einem tieferen und farbigen Klang. Meneses holt jeden Ton wie aus dem Nichts, lässt ihn gerade so lange wie nötig erklingen. Zwei Zugaben sind Pires und Meneses’ Dank für das konzentrierte Zuhören und den frenetischen Schlussapplaus. Mit Max Bruchs träumerischem Opus 70 «Finnländisch» erhalten sie den intimen Moment mit dem Berner Publikum aufrecht und zeigen, dass ihre Facetten mit den drei grossen B lange nicht ausgeschöpft sind. Nach erneutem Applaus spielen sie das Largo aus Chopins Cellosonate in g-Moll. Diese Kontrapunktminiatur ist die Krönung: Im letzten Ton scheinen die beiden das zuvor Erklungene zu destillieren. Theresa Beyer>

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