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«Gesundheitszentren und Rettungs- dienste ersetzen nie ein Spital»

Die Absicht des kantonalen Spitalamts, kleine Spitäler in den Randregionen vermehrt in Gesundheitszentren umzuwandeln, löst im Oberland heftige Kritik aus. Jetzt melden sich auch die Hausärzte des Kandertals zu Wort.

Die Äusserungen von Annamaria Müller, der Leiterin des kantonalen Spitalamts, stossen in Oberländer Ärztekreisen auf keine gute Resonanz. In der Ausgabe vom 19. Juli (Seite 5) hatte sie sich zur Spitalversorgung des Kantons Bern geäussert. Sie propagierte, «gerade kleine Spitäler in den Randregionen vermehrt in Gesundheitszentren umzuwandeln.» Eine ihrer Aussagen lautete, dass es vernünftiger sei, «in die Rettungsdienste zu investieren als in kleine Akutspitäler». «Falschinformationen» Die Ärzteschaft Saanenland-Simmental wehrte sich in einem offenen Brief (Ausgabe vom 30. Juli) gegen ihre Erläuterungen zur Gesundheitsversorgung der Peripherie und warf ihr unter anderem «Falschinformationen und abwertende Urteile» vor. «Voll unterschreiben» «Diese Meinung können wir Ärzte aus dem Kandertal voll und ganz unterschreiben», heisst es in einem Leserbrief, den 13 Ärzte unterschrieben haben (Namen ganz am Schluss in Kleinschrift). Die Ärzte aus dem Kandertal haben ihn mit «Welche Spitalpolitik wollen wir?» betitelt. Dabei gehen sie der Frage nach, welches die Konsequenzen für die ärztliche Versorgung im Kanton Bern sind. Wir geben den Wortlaut wieder.sp «Gesundheitszentren und Rettungsdienste ersetzen nie ein Spital. Das Spitalamt ist uns Bürgern bisher Zahlen schuldig geblieben, dass die neuen Gesundheitszentren in Huttwil und Meiringen einem Bedürfnis entsprechen und entsprechend beansprucht würden. Das Argument, dass durch Spitalschliessungen die Krankenkassenprämien gesenkt und der Steuerzahler entlastet würde, wird von Politikern und Ämtern gebetsmühlenartig wiederholt. Obwohl rund ein Dutzend Spitäler im Kanton Bern in den letzten zehn Jahren geschlossen wurden, konnten solche Einsparungen und Kostensenkungen nie nachgewiesen und mit entsprechenden Zahlen unterlegt werden. Im Gegenteil, grössere Regionalspitäler wurden sogar an- und ausgebaut! Die einseitige Konzentration auf eine Spitzenmedizin in wenigen Zentren ist auch ein ökologischer Unsinn: mit weiten Transporten der häufigen Pflegenotfälle im Alter, langen und teuren Anfahrtswegen der Besucher, mit verstopften Strassen und Parkplätzen im Zentrum, unnötiger Belegung der teuren Zentrumsbetten. Umgekehrt brauchen aber auch die Arbeitenden in diesen Spitalzentren zusätzliche Wohnungen, bringen Mehrverkehr und Parkprobleme. Arbeitsplätze für gut qualifiziertes Personal werden der Peripherie weggenommen. In den letzten Jahren wurde von allen Politikern und Gesundheitsämtern die Unterstützung von uns Hausärzten und Förderung der Hausarztmedizin beschworen. Praktisch wird durch die Initiativen des kantonalen Spitalamtes die gegenteilige Politik verfolgt: Mit der Spitzenmedizin und ihrer strengen Ausrichtung nach abgegrenzten Fachdisziplinen haben die angehenden Hausärzte in der Ausbildung gar nicht mehr die Möglichkeit zum fachübergreifenden Lernen und Praktizieren. Dieses Wissen geht verloren! Ebenso ist es schwierig, für die Patienten mit häufig komplexen psychosomatischen Problemen eine rasche fachübergreifende Beurteilung, Hilfe und Therapie zu erhalten, wie es in kleinen Spitälern ohne grosse Hierarchien möglich ist. Auch zwischen Hausärzten und dem lokalen Spital (Frutigen) funktioniert dieser Austausch im Sinne eines ‹freiwilligen Netzwerks› seit rund 20 Jahren, lange bevor die Forderung nach Vernetzung von Politikern aller Parteien in den letzten zwei bis drei Jahren erhoben worden ist. Unter diesem Aspekt wird eine qualitativ hochstehende medizinische Arbeit geleistet – entgegen den tendenziösen Meinungsäusserungen der Leiterin des kantonalen Spitalamtes, Annamaria Müller. Besonders wichtig sind unsere diesbezüglichen Erfahrungen mit alten sterbenden Patienten in der letzten Lebensphase: von unseren breit ausgebildeten Chefärzten im peripheren Spital haben wir eindrücklich gelernt, dass ein Mediziner mit seinen Patienten ein menschliches Gespräch über Sterben und die Endlichkeit des Lebens führen kann und so das Sterben für diese Patienten ungemein erleichtert wird. Im Zentrumspital hingegen lernt der junge Arzt, dass bis zum letzten Atemzug «therapiert» wird inklusive Chemotherapie und Spitzenmedizin. Alles sehr teuer, ineffizient und eigentlich unmenschlich. Unter finanziellen Aspekten ist es wichtig, zu wissen, dass die Hälfte aller medizinischen Gesundheitskosten im letzten Lebensjahr eines Patienten anfallen. Menschliche Medizin im Rahmen der ‹Palliativ Care› spart rund einen Drittel dieser Kosten ein. Es ist unsere klare Meinung, dass es auch in Zukunft den Wettbewerb von verschiedenen Medizinkonzepten, den anregenden Wettstreit und Austausch von Zentrums- und peripherer Medizin braucht. Immerhin dürfen wir hier beifügen, dass technologische spitzenmedizinische Innovationen wie zum Beispiel die laparoskopische Gallenblasenoperation mit den ungeahnten Folgeentwicklungen nicht in einem Zentrumspital der weiten Welt, sondern im peripheren Kleinspital Aarberg im Kanton Bern entwickelt wurde! Es ist eine gut schweizerische Tradition, dass wir in der Schweiz immer nach dezentralen, den Regionen angepassten Lösungen gesucht haben. Uns würde die Meinung von Herrn Regierungsrat Philippe Perrenoud als verantwortlicher Chef des Spitalamtes interessieren. Mit seiner langjährigen Berufserfahrung als Psychiater hat er sich in der Vergangenheit sicher auch mehr am Patienten als an statistischen bzw. ökonomischen Theorien orientiert? Auch er wird uns sicher bestätigen, dass persönliche Aspekte für einen Patienten entscheidend sind, ob sich der alte Opa im kleinen Spital wohl fühlt, in vertrauter Umgebung, mit einem ärztlichen Ansprechpartner, der ihm namentlich bekannt und bei Bedarf verfügbar ist. Diese Patienten haben auch mehr Besuch, als wenn sie weit weg ins Zentrum verlegt werden müssten. Unter diesen sozialen Aspekten wird ihre Heilung entsprechend rascher verlaufen. Annamaria Müller, die Leiterin des kantonalen Spitalamts, muss sich vorwerfen lassen, dass sie auf fragwürdige Art und Weise die öffentliche Meinung manipuliert, dass sie das politische Terrain für eine entsprechende Abstimmung vorbereitet. Soll die Entwicklung der Medizin in eine solch einseitige Richtung der hochtechnologischen Zentrums- und Spitzenmedizin gelenkt werden? Wollen wir das? Dabei droht, dass der gesunde Menschenverstand, das mitmenschliche Gespräch, die Empathie sowie Wärme in der Arzt-Patienten-Beziehung verloren gehen. Die Bevölkerung des ganzen Kantons Bern, in der Peripherie wie auch im Zentrum, ist davon gleichermassen betroffen.« Hausärzte des KandertalsDrs. med. Hans Walter Bühler, Peter Bhend, Walter Bleisch, Lorenz Brassel, Hermann Christen, Heinz Gertsch, Matthias Holeiter, Reto König, Christoph Rüesch, Martin Rüesch, Christian Stadlin, Christoph Trachsel, Ruedi Weber. >

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