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Goethe? Gewiss, aber mit Genuss

Erfurt und Weimar überzeugen mit viel Charme und einmaliger Kultur. Doch auch Feinschmecker kommen in Thüringen auf ihre Rechnung: Die Bratwürste sind delikat und das Bierangebot vielseitig.

Er spricht fast ununterbrochen und lässt uns staunen und lachen. Zu jedem Haus und jeder Strasse kennt er die Geschichte oder eine lustige Anekdote. Er, das ist Heinz Kral – unser Reiseführer. Seit einigen Jahren sei er pensioniert, doch Stadtführungen, das mache er immer noch mit Leidenschaft. Und das ist spürbar. Weder der leise Nieselregen noch der kühle Wind bricht den Erzählfluss von Kral, wenn er über seine Stadt spricht. Die Handelsstadt Erfurt sei eigentlich das Bindeglied zwischen West und Ost; dazu liegt es fast in der Mitte Deutschlands. Von Santiago de Compostela kommend über Frankreich bis in den slawischen Raum verlaufe die Via Regia – die Königsstrasse – mitten durch Erfurt. «Hier auf dem Fischmarkt kreuzt sich die Via Regia mit den grossen Nord-Süd-Verbindungen», erzählt Kral. Und hier auf dem Fischmarkt wurde Handel getrieben. Der schmucke Platz war das Zentrum des öffentlichen Lebens und ist es bis heute geblieben. Nicht nur die Touristen verweilen hier gerne; auch die Puffbohnen, so nennen sich die gebürtigen Erfurter selber, trinken ihr Bier am Fischmarkt. Wir spazieren weiter durch die kleinen Strässchen entlang der prächtigen alten Patrizierhäuser. Drei Minuten vom Fischmarkt entfernt liegt die Krämerbrücke – das Spezielle daran: Die Brücke ist bewohnt. Fussgänger können sie durch ein schmales Gässchen überqueren. Beidseitig stehen je 16 Häuser, in denen bereits im Mittelalter die Krämer ihre Geschäfte betrieben – etwas Einmaliges in Europa. Und noch heute sind winzige Galerien, Handwerker und Cafés in den Häusern untergebracht. Die Schokolade Da wir Schweizer seien, wolle er uns etwas ganz Besonderes zeigen, sagt Kral. Mitten auf der Brücke liegt die Goldhelm-Schokoladen-Manufaktur; Kral führt uns in das schmucke Ladenlokal. Am Tresen steht Alexander Kühn, 37, der Chef-Chocolatier. Seit 2005 führt er sein Geschäft auf der Krämerbrücke, zu Beginn noch fast alleine, heute hat er 19 Mitarbeiter. Eigentlich habe er Grafiker gelernt. In Frankreich sei er aber erstmals mit der Patisserie in Berührung gekommen, seither habe ihn diese Leidenschaft nicht mehr losgelassen. Längst ist Goldhelm-Schokolade kein Geheimtipp mehr in Erfurt, seine ausgefallenen Kreationen haben sich herumgesprochen. «Wer einmal bei uns gewesen ist, der kommt wieder. Wir sind eben Schokodealer», sagt Kühn mit einem Augenzwinkern. Der Erfolg ist kein Zufall. Seine Kreationen sind alle durch liebevolle Handarbeit entstanden, und das Angebot wechselt entsprechend den Jahreszeiten. «Dazu verwenden wir nur auserlesene Bohnen aus Südamerika», sagt Kühne und tischt uns einen Teil seines exklusiven Sortiments auf: Pralinen mit Kirschblüten und Prosecco, mit Erdbeere und Rhabarber oder den Klassiker – Krämerbrückentrüffel mit Sahne. Zu trinken serviert Kühn nicht etwa einen Tee, es gibt zur Schokolade ein Glas Sherry. Diese Kombination sei noch nicht so populär, aber er versichere, dass diese Verbindung ein ganz besonderes Geschmackserlebnis sei. Die Kulturstadt Nach der süssen Verkostung steigen wir in den Zug nach Weimar – der Kulturstadt. Die Unesco erklärte 1998 das «Klassische Weimar» zum Weltkulturerbe, ein Jahr später wurde Weimar europäische Kulturhauptstadt. Kein Wunder, denn alle waren in Weimar: der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe hat in Weimar seine «Iphigenie» geschrieben, Friedrich Schiller den «Wilhelm Tell», Johann Sebastian Bach hat hier komponiert, und Marlene Dietrich hat Klavierunterricht genommen. Auch ein berühmter Schweizer habe in Weimar gearbeitet, erklärt Kral. Paul Klee habe in der Weimarer Bauhaus-Kunstschule mit Künstlern wie Wassily Kandinsky oder Lyonel Feininger unterrichtet. Noch heute sind viele der Arbeiten im Bauhaus-Museum ausgestellt. Die Bratwurst Aber Weimar ist nicht nur Geschichte, Kultur und Museen. Die vielen gemütlichen Cafés und kleinen Läden gehören ebenso zum Städtchen wie die Dichterhäuser und die weitläufigen Parkanlagen. Nach der Schokolade in Erfurt haben wir nun Appetit auf etwas Deftiges. «Es ist Zeit für eine Thüringer Bratwurst», sagt Kral. Fast an jeder Ecke riecht es nach den berühmten Bratwürsten. Wir bestellen direkt vom Grill diese typisch deutsche Delikatesse mit einem Brötchen und Senf oder pur – nie mit Ketchup, sonst zieht man das mitleidige Lächeln des Grillmeisters auf sich. Vor dem deutschen Nationaltheater setzen wir uns in ein kleines Café und bestellen ein frisches Helles. Die Vielfalt an einheimischen Bierbrauern ist beachtlich. Der durstige Besucher hat viel vor, will er sich einen Überblick über das Angebot verschaffen. Wir beginnen mit einem hellen Bockbier. Reto Liniger >

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