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«Grande Fête des Tziganes zum Festival- Abschluss

Einmalig, wirklich ein-

Am Anfang stand ein «Tauschhandel». Volker Biesenbender, der charmant improvisierende Moderator und Spiritus Rector des ereignisreichen Abends, zitierte dazu einen Zigeuner: Die Menschen seiner Volksgruppe hätten alles Gefühl und wenig Geld, die Weissen dagegen alles Geld und wenig Gefühl. Da könne man doch ein wenig tauschen Ganz schön provokativ, nicht? Nun, das Publikum im vollbesetzten Festivalzelt Gstaad nahm es mit Humor und zeigte danach durchaus Emotionen: Am Ende sang und klatschte (und tanzte) es begeistert mit. Und alle Grenzen, die sonst bestehen mögen, waren für einmal aufgehoben. Grosszügiges Geschenk Dieses letzte von fünf Konzerten mit Zigeunermusik war jedoch weit mehr als ein Tauschhandel: Es war ein grosszügiges Geschenk von wunderbaren Künstlerinnen und Künstlern, ein Gang durch ihre phänomenal vielseitige Kultur, eine musikalische Reise durch Europa und durch fünf Jahrhunderte. Höhepunkt reihte sich dabei an Höhepunkt: Zu Beginn servierten der von Yehudi Menuhin geförderte charismatische Geiger Roby Lakatos und sein Ensemble unnachahmlich jene charakteristische Mischung aus Melancholie, Pathos und Brisanz – und zauberten nach der Pause gleich noch einen jugendlichen Teufelsgeiger aus dem Hut. Ihnen in nichts nach standen die Sängerin und Zigeunerrechtlerin Ida Kelarova und ihre Jazz Famelija mit in jeder Beziehung wuchtiger Präsenz und einer Palette von Sinnlichkeit bis zu tiefem Schmerz. Dann folgten Schlag auf Schlag der atemberaubende Cymbalist Miki Lukács, der sein Instrument bei Paganini und Haydn ebenso virtuos traktierte wie – zusammen mit dem grandiosen Perkussionisten Burhan Öçal – bei orientalisch angehauchten Klängen. Und das von Biesenbender angeführte Trio Avodah, welches virtuos und eigenwillig in spanische Gefilde entführte. Und das erstmals im Ausland musizierende Karol-Radio-Ensemble aus der Slowakei mit authentischer, die einzelnen Stimmen wundersam verschmelzender Fabulierlust. Und die innovative Flamencotänzerin Belen Maja, die auch eine Gavotte von Bach in Ausdruckstanz umzumünzen wusste. Vision durch Kinder Und wenn Eindrücke kaum mehr gesteigert werden können, vereinige man (vor der Pause und am Schluss) noch gut vierzig Kinder aus der Roma-Kultur und dem Saanenland und lasse sie gemeinsam, von Ida Kelarova zu totalem Einsatz befeuert, die Vision eines ungetrübten Miteinanders singen, tanzen und leben. Das Ganze würze man mit teilweise schier unglaublichen Soloauftritten. Dann kann man nicht mehr anders, als bewegt, mitgerissen, begeistert zu sein. Und hier wird besonders deutlich: Für die Zigeuner ist Musik von klein auf so elementar wie die Luft zum Atmen. Sie ist ihr zentrales (Über-)Lebenselixier. Umdenken ist angesagt Wenn man dann nach höchst intensiven vier Stunden den Heimweg antritt, ist man reich beschenkt, aber auch etwas beschämt und traurig. Beschämt, weil man den «Tziganes» nur dann zujubelt, wenn sie für einen auf der Bühne stehen und ein farbiges «Grande Fête» veranstalten. Und traurig, weil diese fröhlichen, herzlichen und schönen Menschen auch heute immer wieder diskriminiert, verstossen, ja gar verachtet werden. Da hilft kein Tauschhandel mehr, da hilft nur eins: umdenken! Erich Binggeli •www.menuhinfestivalgstaad.ch Siehe auch Seite 28>

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