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Halb erfroren und ausgeraubt statt fröhliche Weihnachten

Weihnachten vor 100 JahrenAuch damals war Weihnachten nicht nur besinnlich: Obdachlose erfroren fast, Verbrecher raubten und Vandalen wüteten in die Stadt. Dies ist der dritte und letzte Teil von Alt-Stadtarchivar Jon Keller zum Thema.

Besinnliche Weihnachten voller Harmonie, das wünschen sich wohl alle. Doch die Situation im Alltag der Weihnachtszeit sieht eben oft anders aus: Weihnachtsstress ist an der Tagesordnung, und nicht selten werden Aggressionen frei. Gerade auch Randständige, Einsame und Schwermütige bekunden oft Mühe mit Weihnachten. Das ist nicht nur heute so, sondern war es auch schon in der Vergangenheit, wie ein Blick in die Thuner Tagespresse von verflossenen Jahrzehnten zeigt. Oft haben sich damals an Weihnachten eigentliche ganz und gar nicht friedvolle Tragödien abgespielt. Erfroren, beraubt, erstochen So war 1887 zu lesen: Im Bälliz wurde am Weihnachtsmorgen ein Obdachloser, der am Heiligen Abend keine Unterkunft fand, in halb erstarrtem Zustand aufgefunden und in das Thuner Spital eingeliefert. Beide Füsse und einige Finger waren erfroren und mussten wegen des eingetretenen Wundbrandes amputiert werden. Oder 1931: Zwei Männer feierten am Nachmittag des Weihnachtstages im «Ochsen» und auf dem anschliessenden, ausgiebigen Pintenkehr das Weihnachtsfest auf ihre Weise. Als es mittlerweile 22 Uhr geworden war, überfiel der eine seinen Kollegen und raubte ihm 100 Franken, damals eine ganz hübsche Summe. Doch der beraubte Mann zog sein Messer und verpasste dem Missetäter sechs Messerstiche. Der Verletzte konnte sich noch mühsam nach Hause schleppen, von wo aus er dann ins Thuner Spital transportiert wurde. Aber auch eigentliche Vandalenakte waren an Weihnachten zu verzeichnen. 1911 wüteten Vandalen So wurden 1911, also vor genau 100 Jahren, in den beiden Nächten vor und nach Weihnachten Zäune am Lauenenweg von der Goldiwilstrasse bis zum Lauitorplatz niedergerissen. Sodass – wie die Tagespresse notierte – die Übeltäter «ihre tierische Vernunft» daran erproben konnten. Diese wurden übrigens als wirklich «echt minderwertige Lebware» apostrophiert. Wenig Freude bei der Thuner Bevölkerung rief im 19.Jahrhundert das sogenannte Weihnachts- und Neujahrssingen hervor: Gruppen von jungen Leuten zogen durch die Stadt und sangen Weihnachts- und andere Lieder. Der Gesang artete nicht selten in ein Gegröle aus. Denn Zweck des Singens war die Hoffnung, bei der Kollekte unter der Bevölkerung möglichst viel Bargeld zu erhalten, das dann in meist wenig weihnächtlichen Investitionen ausgegeben wurde. Weihnachtssingen verboten Immer wieder musste das Weihnachtssingen polizeilich verboten werden. So war 1869 in der Thuner Tagespresse zu lesen: «Das dem Publikum lästige und Bettelei bezweckende Weihnachts- und Neujahrssingen wird auch dieses Jahr bei einer Busse bis zehn Franken verboten.» In gedrückter Stimmung fanden jeweils auch die Soldaten-Weihnachtsfeiern für Wehrmänner statt, die in den Zeiten des Aktivdienstes im Ersten und Zweiten Weltkrieg während der Weihnachtstage auf dem Thuner Waffenplatz Dienst tun mussten und dabei die Weihnachtsfeier im Kreise der Familie bestimmt bitter vermissten. Erfreulicherweise wurden in der Bevölkerung Gaben und Bargeld gesammelt, was erlaubte, den Wehrmännern ein Geschenk zu überreichen. Jon KellerJon Keller ist Alt-Stadtarchivar in Thun. In einer dreiteiligen Serie schreibt er über «Weihnachten vor 100 Jahren». In ersten Teil war das Thema «Lichterbaum», im zweiten «Geschenke» und im heutigen «nicht nur friedvolle Weihnachten».>

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