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Hier werden die Augen zu Ohren

Wer schwerhörig ist, kann sich nicht allein auf das Verstehen des gesprochenen Worts verlassen. Im Kurs von Pro Audito Thun/Oberland Ost lernen Hörbeeinträchtigte daher, Gebärden zu entziffern und von Lippen abzulesen.

Neue Anbieter von Hörgeräten schossen im Raum Thun in den letzten Monaten wie Pilze aus dem Boden (wir berichteten). Die Auswahl an technischen Hilfsmitteln ist also gross, doch trotz stetiger Fortschritte in diesem Bereich reicht ein Hörgerät allein meist nicht aus: Die Betroffenen sind – zum Beispiel bei einem allgemein hohen Geräuschpegel – darauf angewiesen, ihrem Gegenüber von den Lippen ablesen zu können. Teilweise ergänzt sogar Gebärdensprache das Verstehen. Ein Ort, an dem Hörbeeinträchtigte diese und weitere Fähigkeiten erlernen und üben können, ist der Verständigungstrainingskurs von Pro Audito Thun/Oberland Ost (siehe Kasten). Das Angebot besteht bereits seit dreissig Jahren; die Lektionen finden seit einiger Zeit im Kirchgemeindehaus an der Thuner Frutigenstrasse statt. Am Montag startete dort eine neue Kurseinheit. Stetes Üben gefordert Schwerhörig ist nicht gleich schwerhörig: Zwar tragen alle Teilnehmer ein Hörgerät, das Ausmass der Behinderung variiert jedoch. Ebenso ist der Ursprung des Verlusts individuell. Während die Hörleistung Einzelner mit zunehmendem Alter zurückging, verlor Peter Blättler bei einem Schiessunfall einen Grossteil seines Hörvermögens. Blättler ist gleichzeitig langjähriger Kursteilnehmer sowie Sekretär der Thuner Sektion von Pro Audito. «Mit dem Verständigungstraining ist es ein wenig wie mit dem Lernen einer Fremdsprache. Man muss am Ball bleiben, damit man nicht wieder alles vergisst», so Blättler. Ein Einstieg zu Beginn einer neuen Kurseinheit sei aber jederzeit möglich. Finanziert wird der Unterricht durch eine Teilnehmergebühr und durch Subventionen. Indem sie deutlich, aber lautlos spricht, zwingt Audioagogin Corinne Oppliger die Hörbehinderten in Übungen zum Lippenlesen. Wer neu dabei ist, merkt, dass dies gar nicht so einfach gelingt. «Die Worte blau und grau oder die berndeutschen Ausdrücke ‹brate› oder ‹grate› sind beim Ablesen schwierig zu unterscheiden», erklärt Oppliger. Ebenfalls werden etwa Endungen auf -s und -f wie bei «Gras» und «Graf» leicht miteinander verwechselt. Gerade in solchen Fällen kann das Fingeralphabet, welches jedem Buchstaben eine Gebärde zuordnet, eine Verständigungshilfe darstellen. Oppliger weiht die Teilnehmer auch in diese Technik ein. Auf Toleranz angewiesen «Normal Hörende verstehen sogar mit Ohrenstöpsel noch mehr als Hörbeeinträchtigte», weiss Monika Meyer-Lutz von Pro Audito, die sich zurzeit zur Audioagogin ausbilden lässt. Das Training sei deshalb eine wichtige Ergänzung zum Tragen eines Hörgeräts. Die Kursteilnehmer wissen nur zu gut, was ihnen im Alltag den Umgang mit Hörenden erleichtern würde. «Mir ist es wichtig, dass die Leute mich ansehen, wenn sie mit mir reden», sagt Marijke Grever aus Spiez. Und Peter Blättler rät: «Wenn jemand sich langsam und deutlich ausdrückt, hilft dies ungemein.»Gabriel Berger>

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