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Im Bann von Mahlers Epik

Interlaken Classics

«Bald gras’ ich am Neckar, bald gras’ ich am Rhein; / bald hab’ ich ein Schätzel, bald bin ich allein!» Noch einmal singt Thomas Hampson das «Rheinlegendchen» von Gustav Mahler, dieses Kunstlied, das sich so volkstümlich gibt, mit seiner einprägsamen, wellenhaft-hüpfenden Melodie. Hampson, der Mahler-Spezialist, tut es ausdrucksstark, mit routinierter Selbstverständlichkeit. Eine Gute-Laune-Zugabe, die fast schon im forciert Humorigen mündet. Denn auch Philippe Jordan legt sich nun darstellerisch ins Zeug. Schmunzelnd, mit theatralischer Gestik dirigiert er das wunderliche Lied über einen Ring, der in den Rhein geworfen, von einem Fisch gefressen und einem König serviert wird. Spürbare Vertrautheit Nicht nur das «Rheinlegendchen» ist an diesem Abend zu hören, auch «Das irdische Leben», «Wo die schönen Trompeten blasen» und «Das Lied des Verfolgten im Turm». Vier Orchesterlieder aus «Des Knaben Wunderhorn», Mahlers Vertonung der berühmten Gedichtsammlung von Clemens Brentano und Achim von Arnim. Thomas Hampson hat sie jüngst eingespielt, mit handverlesenen Mitgliedern der Wiener Philharmoniker. Es ist ein diskografischer Glanzpunkt des Mahler-Jubiläums, schwankend zwischen Weltschmerz und grimmigem Humor. Auch im Kongresssaal des Casino Kursaals spürt man, wie vertraut der Amerikaner mit diesen Werken ist. Farbenreich, mit warmem, wandlungsfähigem Bariton gestaltet er sie aus. Jede einzelne Silbe, jeder Ton erscheint durchdacht und durchlebt, auch bei den übrigen Stücken, die vor der Pause zu hören sind, darunter «Ging heut morgen über’s Feld» aus dem Zyklus «Lieder eines fahrenden Gesellen». Dass trotz allem Wünsche offen bleiben, liegt vorab an der orchestralen Begleitung. Während Hampson sein «Wunderhorn»-Album ganz im Sinne Mahlers mit einem klein besetzten Kammerorchester einspielte, trifft er hier auf einen 120-köpfigen Klangkörper. Das schafft Probleme. Nicht weil das Gustav-Mahler-Jugendorchester die Lieder im Vollklang ertrinken liesse. Sondern gerade weil die Jungmusiker ein Kammerorchester simulieren wollen – oder sollen. Der dezente, zurückhaltende Klang wirkt nicht selten farblos, blutleer und schwerfällig. Die Ambivalenz und Doppelbödigkeit von Mahlers Musik, der man nie trauen sollte, kommt dabei kaum zu Geltung. Entfesseltes Orchester Wie anders präsentiert sich das Orchester in Mahlers 1.Sinfonie nach der Pause, als Hampson in den gut gefüllten Zuschauerreihen Platz genommen hat. Es ist, als ob dieser Klangkörper seine Fesseln gelöst hätte. Mit langem Atem, diszipliniert und differenziert bringen die jungen Musiker Mahlers epische Welt zur Entfaltung. Und auch der hoch gehandelte Dirigent zeigt nun, was er draufhat, wenn es um spätromantische Werke geht. Grossartig etwa, wie Jordan im Kopfsatz den grossen Bogen spannt, vom nebulösen Auftakt zur explosiven Entladung, wie er Motive und Themen fassbar macht, gerade wenn sie im Verlauf der Sinfonie bruchstückhaft wieder auftauchen und übereinandergeschichtet werden. Jordans Mahler bleibt ohne Weltschmerz und windschiefen Überschwang. Er ist von kühler Präzision, unberechenbar und gerade deshalb mitreissend. Oliver Meier >

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