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Inkarnation des Besiegten

Jean

Die letzten Frachtkähne ziehen in der Abenddämmerung über die braunen Wogen des East River. Ich komme todmüde aus dem Ostausgang des UNO-Wolkenkratzers. Da ertönt eine helle, starke Stimme vom gegenüberliegenden UNO-Platz: «Fulehung! Fulehung!!!», der nicht so melodische Ruf, mit dem sich Thunerinnen und Thuner auf dem ganzen Planeten zu erkennen geben. Im Helmsley-Restaurant verbringe ich dann den Rest des Abends mit meinem Klassenkameraden aus dem Göttibach. Er arbeitet seit Jahren bei der UBS in New York. Geredet haben wir ausschliesslich über den FC Thun, seine brillante Zukunft und natürlich über viele gemeinsame, schon halb mythische Erinnerungen an den Ausschiesset. Es war ein wunderschöner Abend. Wie wohl alle Eidgenossen im 15.Jahrhundert waren auch die Thuner währschafte Plünderer und Räuber. Bekanntlich kamen sie etwas verspätet im bereits verwüsteten Hauptquartier des geschlagenen Karl des Kühnen an. Aber sie stahlen etwas ganz Besonderes: die Uniform des Hofschranzen. Der Clown am Hof hatte zu Zeiten der Feudalherren eine höchst bedeutende Funktion: Er war der Einzige, der dem Herrscher die Wahrheit sagen durfte. Deshalb habe ich den Fulehung wirklich gern. Wie praktisch alle andern Thuner Kinder habe auch ich vom Fulehung auf die Nase bekommen. Ich habe aber – so scheint es mir heute – immer einen dunklen Respekt vor diesem Symbol der bernischen Siege über die ausländische Feudalherrschaft gehabt. Der Fulehung ist eigentlich die Inkarnation des Besiegten. Er hat ja zum verwüsteten Hof des Herzogs gehört. Aber in einer mysteriösen Umkehr der Geschichte wird er während ein paar Tagen im Herbst zum Sieger und zur dominierender Figur in den Gassen des wunderschönen Thun. Auch das gefällt mir. >

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