Der Jedi-Ritter der Berner Politik

Hans Kipfer ist der Dauerwahlkämpfer der EVP. Er verkörpert seine Partei ­dabei nahezu perfekt: stets um Ausgleich bemüht, arbeitsam, umgänglich, aber irgendwie nicht richtig ­fassbar.

Hat er wirklich ein Rezept? Klare Antworten bekommt man von Hans Kipfer nicht immer.

Hat er wirklich ein Rezept? Klare Antworten bekommt man von Hans Kipfer nicht immer.

(Bild: Raphael Moser)

Quentin Schlapbach@qscBZ

Wer Hans Kipfer eine politische Frage stellt, muss sich gedulden. Er überlegt, schaut hoch zur Decke, wiegelt mit dem Kopf. Erst wenn die Frage alle seine Hirnwindungen durchlaufen hat, beginnt er zu reden. «Für mich gibt es in der Politik auf 90 Prozent aller Fragen keine einfachen Antworten. Es ist stets ein Abwägen zwischen Argumenten», sagt der 51-jährige EVP-Grossrat. Einfach mal etwas rausposaunen, zu provozieren, den Showman zu geben: Das ist nicht sein Ding. Er sei auch kein blendender Verkäufer. «Ich gehe lieber gut vorbereitet an die nächste Sitzung, als meine Erfolge an die grosse Glocke zu hängen.»

Stellt sich die Frage: Wieso, um Himmels Willen, zieht es Hans Kipfer dann unter die grellen Scheinwerfer der Exekutivpolitik, wo das Verkaufen von Politik das tägliche Brot ist?

Die personifizierte Mitte

Wer Kipfers Motivation verstehen will, muss zuerst seine Partei verstehen. Die EVP sieht sich als Brückenbauer zwischen Links und Rechts. Stets um Ausgleich bemüht, sind sie quasi die Jedi-Ritter der Berner Politik. Ihr Fokus und Zweck: Die Macht im Kanton im Gleichgewicht halten. «Bern braucht die Mitte», lautet der Slogan. Dahinter steckt nicht nur Parteiwerbung, sondern auch ein Auftrag.

Dieses Pflichtbewusstsein hat sich Hans Kipfer zu eigen gemacht. Er ist für die christliche Kleinpartei vor Jahren in eine Art Dauerwahlkampf gezogen. Ob auf nationaler, kantonaler oder Gemeindeebene: Er steht fast jedes Jahr auf irgendeiner Wahl­liste. Nationalrat, Grossrat, Stadtpräsident, Stadtrat, Gemeinderat – das alles wollte Kipfer schon werden. Und jetzt also Regierungsrat. Er sei sich bewusst, dass seine Chancen gering stehen. Aber: «Ich habe durchaus Ambitionen.»

Der Verwaltungsschreck

Exponenten aus anderen Parteien trauen Kipfer das Amt als Regierungsrat durchaus zu. «Er ist mit den politischen Mechanismen vertraut und eine umgängliche Persönlichkeit», attestiert ihm Thuns Stadtpräsident Raphael Lanz (SVP). Er erlebte Kipfer 2010 im Wahlkampf ums Stadtpräsidium sowie als Mitglied der Finanzkommission im Grossen Rat. Dort sitzt auch Natalie Imboden (Grüne). «Er bringt sich in die Debatten ein und versucht dabei stets den Spagat zwischen dem linken und dem rechten Lager», sagt sie über Kipfer.

In dieser Vermittlerrolle findet er aber selten Mehrheiten. «Das Problem der Mitte und der EVP ist, dass sie stets zuerst schauen müssen, was die anderen machen, wenn sie sich in der Mitte positionieren wollen», so Lanz. Am Ende müsse auch Kipfer zu den bestehenden Vorschlägen – meist jene aus dem bürgerlichen Lager – Ja oder Nein stimmen. Imboden fällt dabei auf: «Er gehört nicht zum linken Flügel seiner Partei.»

Das zeigt sich auch bei seinen Vorstössen: Kipfer will sparen. Besondere Beachtung fand 2014 sein Antrag, dass man die Verwaltung auf ihre Effizienz überprüft. Er sah ein Sparpotenzial von rund 10 Prozent. Würde er also als Regierungsrat jeden zehnten Mitarbeiter auf die Strasse stellen? Kipfer weicht aus: «Es geht darum, Prozesse effizienter machen.» Das müsse nicht zwingend Kündigungen nach sich ziehen. Bei einem Punkt ist er sich aber sicher: «Der Regierungsrat hat das Sparpotenzial in der Verwaltung zu wenig ausgeschöpft.» Er sieht Nachholbedarf.

Die Bibel als Leitfaden

Dass er als Regierungsrat eine Direktion effizient führen könnte, ist für Kipfer selbstverständlich. Aufgewachsen im Emmental, ging er als Koch auf Lern- und Wanderjahre. Später bildete er sich zum Hotelier weiter und war als Geschäftsführer des Gwattzentrums für über 80 Mitarbeiter verantwortlich. «Ich weiss wie führen», sagt er selbstbewusst. Und ja, er könne auch Stellen streichen, wenn das nötig sei. «Das ist in der Wirtschaft ganz normal.»

Heute betreibt er zusammen mit seiner Frau Andrea das Schlossgut in Münsingen. Die vier Kinder sind bald alle erwachsen. Zwei davon haben bereits für politische Ämter kandidiert – natürlich für die EVP. «Auch meine Eltern waren schon in der EVP.»

Und wie die meisten EVPler ist auch Kipfer Mitglied in einer Freikirche. Er steht für eine «biblisch orientierte Politik» und will, dass «christliche Werte Eingang finden können in die Gesetzgebung». Die Bibel gibt ihm allerdings auf viele politische Fragen keine eindeutigen Antworten. Bei der Smartvote-Befragung konnte sich Kipfer bei 30 von 52 Fragen zu keinem klaren Ja oder Nein durchringen. Wer Kipfer seine Stimme gibt, wählt bisweilen einen Schlingerkurs – aber mit starken christlichen Leitplanken.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt