Die bodenständige Grüne

Christine Häsler ist grün, Oberländerin und arbeitet bei den Kraft­werken Oberhasli. Kein Widerspruch, findet die Nationalrätin, die nun den Kanton ­­mit­regieren will. Etwas, das ihr auch Bürgerliche zutrauen.

<b>Die Welt da draussen</b> möchte Christine Häsler (Grüne) ins Regierungszimmer hereinlassen.

Die Welt da draussen möchte Christine Häsler (Grüne) ins Regierungszimmer hereinlassen.

(Bild: Raphael Moser)

Christine Häsler scheut sich nicht, ihre politische Wohlfühlzone zu verlassen. Das zahlt sich aus. So auch an diesem Abend in einem Säli eines Restaurants in Münchenbuchsee. Vielleicht hilft ihr Berner Oberländer Dialekt, der urchiger klingt, als Christine Häsler wohl tatsächlich ist.

Oder es ist ihre ausnehmend schöne Stimme, eine richtige Radiostimme. Aber auf jeden Fall sind die freisinnigen Gäste äusserst angetan von der Regierungsratskandidatin der Grünen. «Für eine Linke sagt sie ganz vernünftige Sachen», raunt eine Zuhörerin ihrem Begleiter zu.

Die amtierende Nationalrätin hebt vor den Freisinnigen ihre Arbeit als Kommunikationschefin bei den Kraftwerken Oberhasli (KWO) hervor. Erklärt, wie wichtig die KWO, aber auch der Tourismus als Arbeitgeber für das Berner Oberland sind. Sie lässt wie beiläufig ihr Engagement für die Stiftung Natur und Wirtschaft oder das Kunsthaus Interlaken einfliessen.

Das könnte anbiedernd wirken, tut es aber nicht. Einer Grünen, die bei einem Energieunternehmen arbeitet und sich für eine Erhöhung der Grimselstaumauer starkmacht, nimmt man ab, wenn sie sagt, sie wolle eine Brückenbauerin sein.

Für sie sind ihr Job und ihre politische Haltung kein Widerspruch, sondern eine sinnvolle Kombination: So setze sie sich zum Beispiel dafür ein, dass Umweltverbände bei einem Projekt von Anfang an einbezogen würden.

«Der geplante Stausee und das neue Kraftwerk Trift beweisen, dass man gemeinsam bessere Lösungen findet.» In der Tat stösst dieses Grossprojekt auf auffallend wenig Widerstand.

Die allseits Beliebte

«Christine Häsler ist die Idealbesetzung für ein Regierungsamt in einem Kanton, der so vielseitig ist», findet Natalie Imboden, ­Co-Präsidentin der Grünen Kanton Bern. Logisch, dass sie ob der «Wunschkandidatin» ins Schwärmen gerät. Dass aber auch Bürgerliche ins Loblied einstimmen, ist nicht alltäglich.

«Chrige ist lösungsorientiert und macht gelegentlich Kompromisse möglich», findet FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen, der sie auf eidgenössischer Ebene erlebt. «Sie ist differenzierter unterwegs als andere.» Ist Häsler vielleicht gar keine echte Grüne? Wasserfallen winkt ab. Ihre Haltung sei «klar links-grün», und sie engagiere sich politisch auch stark im sozialen Bereich. Aber: «Sie bewegt sich nicht im typisch links-grünen Glashaus.»

«Sie bewegt sich nicht im links-grünen Glashaus.»FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen

Wenn man Christine Häsler auf ihre Beliebtheit anspricht oder ihr sagt, sie sei ja deswegen praktisch schon als Regierungsrätin gewählt, ist sie bemüht, den Ball flachzuhalten: «Ich habe grossen Respekt vor der Wahl. Und auch vor dem Amt, falls es denn klappen sollte.» Sie findet auch, dass sich eine Politikerin oder ein Politiker selber nicht so wichtig nehmen dürfe. «Die Aufgabe muss im Zentrum stehen, nicht die Person.»

Christine Häslers Terminkalender ist vollgepackt. Sie fragt, ob man sich zum Gespräch im Bundeshaus treffen könnte. In zwei Stunden beginnt die Frühjahrssession des Nationalrats. 2015 rutschte Häsler für Alec von Graffenried nach. Davor war sie zwölf Jahre lang Grossrätin, von 2006 bis 2014 präsidierte sie die grüne Fraktion. Das habe sie engagiert gemacht und immer wieder Allianzen geschmiedet, sagen damalige Ratsmitglieder – auch bürgerliche.

Beim Gespräch fällt auf, dass Christine Häsler eher tiefstapelt, als ihre Leistungen hervorzuheben. Sie spricht davon, wie schwer sie sich getan hat mit ihrer Kandidatur für die Kantonsregierung. «Kann ich das? Darf ich das?», solche Fragen habe sie gewälzt, als sich Parteikollegin ­Regula Rytz zurückgezogen hatte. «Du willst das doch machen, also mach es!», hörte sie aus ihrer Familie. Auf ihrer Website steht nun: «Ja, ich will.»

Und warum will sie? «Weil ich den Kanton Bern sehr gernhabe», sagt Häsler. «Und weil ich Fähigkeiten in die Regierung einbringen kann, die wichtig sind.» Sie könne gut zwischen unterschiedlichen Standpunkten vermitteln, sagt Häsler und lässt sich doch noch etwas Eigenlob entlocken.

Privates hält Christine Häsler gern privat. «Ich möchte meine Familie nicht ausstellen.» Sie ist früh Mutter geworden und inzwischen zweifache Grossmutter. Drei ihrer Kinder sind ausgeflogen, die jüngste Tochter ist geistig behindert und lebt in einer betreuten WG.

Christine Häsler und ihr damaliger Ehemann adop­tierten das Mädchen aus Indien, als die leiblichen Kinder 4, 6 und 10 Jahre alt waren. «Sie ist ein Fixpunkt unserer Familie und ein ganz besonders liebenswür­diger Mensch», erzählt Häsler. Wenn sie von ihrer grossen und ungewöhnlichen Familie spricht, erscheint es nur logisch, dass sie auch in der Politik das Miteinander so stark gewichtet.

Die Oberländerin

Ihre Wurzeln hat Christine Häsler im Lütschental, wo sie früher auch als Gemeindeschreiberin arbeitete. Es sind starke Wurzeln. «Weiter als bis aufs Bödeli habe ich es nie für längere Zeit geschafft», sagt sie. Vom Bödeli, der Gegend zwischen Brienzer- und Thunersee, zog es sie wieder zurück in den Ort, in dem sie aufgewachsen ist. Ins 150-Seelen-Dorf Burglauenen. Hier hat sie das Haus ihrer Grosseltern übernommen.

Doch, beeilt sich Christine Häsler zu sagen, sie geniesse auch die Stadt und das Reisen. «Aber es zieht mich immer zurück in die Berge.» Zu Fuss in der Natur kann sie am besten auftanken. Sie würde auch als Regierungsrätin in ihrem Dorf «eifach d Chrige» bleiben, sagt sie, und man spürt, wie wichtig ihr das ist.

Vertritt die Politikerin Häsler also in erster Linie ihr Berner Oberland? Vorstösse wie die Forderung nach besseren ÖV-Verbindungen für Touristen wären ein Indiz dafür. Ratskollege Wasserfallen findet, sie sei «schon fokussiert aufs Oberland», das sei auch legitim. «Als Regierungsrätin müsste sie aber den ganzen Kanton vorwärtsbringen.» Das könnte sie, sagt Christine Häsler. «Durch meine Herkunft habe ich aber sicher ein besonderes Gespür für Probleme in Randregionen – aber die gibt es ja im ganzen Kanton Bern.»

Sympathisch. Fleissig. Ausgleichend. So wird Christine Häsler von links bis rechts charakterisiert. Es ist schwierig, jemanden zu finden, der etwas annähernd Kritisches über sie sagt. Kann Häsler auch Niederlagen einstecken? Natürlich, sagt Parteipräsidentin Imboden: «Sie ist es schliesslich gewohnt, bei der Minderheit zu politisieren.» Christine Häsler streitet nicht ab, dass sie lieber Harmonie hat als Konflikte. «Aber wer nicht?»

Berner Zeitung

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