Schneggs Kritik prallt an der Spitex-Spitze ab

Der Verwaltungsrat der Spitex Bern reagiert irritiert auf die Rücktrittsforderung von Regierungsrat Pierre Alain Schnegg.

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Johannes Reichen

Verwaltungsratspräsidentin Rahel Gmür: krankgeschrieben. Fünf Betriebsleiterinnen: suspendiert. Der Geschäftsführer: entlassen. Der Personalchef: entlassen. Der Finanzchef: entlassen. Die Angestellten: viele überlastet, manche krankgeschrieben. Der Verwaltungsrat: mindestens angezählt.

Die Spitex Bern in der Krise? Nicht doch. Die Spitex, wie sie sich selbst sieht, durchlebt derzeit zwar «tatsächlich bewegte Zeiten». Aber: «Der Betrieb läuft», schreibt die Organisation auf ihrer Website. 450 Mitarbeitende leisteten «täglich zuverlässig und loyal» ihre Arbeit zum Wohl der Kunden. «Die Versorgung ist gewährleistet.»

Allerdings gibt es eine «seit Wochen andauernde, inszenierte Öffentlichkeitskampagne», die die innerbetrieblichen Abläufe der Spitex «empfindlich stört». Aus Sicht des Verwaltungsrats gipfelte sie schliesslich in einem «Datenleck», weshalb «vertrauliche Interna» an die Medien gelangt seien – es wird ermittelt.

Die Sorge des Regierungsrats

Die Spitex Bern, so scheint es, vermutet derzeit Feinde an allen Ecken und Verschwörungen an allen Enden. Angefangen beim entlassenen Chef Daniel Piccolruaz und den fünf Betriebslei­terinnen, denen der Verwaltungsrat ein Komplott zur De­stabilisierung der Spitex vorhält. Aufgehört bei Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP), der sich am Freitagmorgen den Missmut der Spitex-Spitze sicherte.

Vor den Medien in Bern fordert Schnegg den gesamten Spitex-Verwaltungsrat zum Rücktritt auf. «Ich habe das Vertrauen in das Gremium verloren», sagt er und wählt deutliche Worte. «Ich sorge mich um die Versorgung in Bern und Kehrsatz.» Seine Direktion habe in den letzten Tagen viele Gespräche mit Involvierten und Betroffenen geführt. «Die ­Situation wird sehr unterschiedlich beurteilt.»

Auf der einen Seite heisse es, man habe alles im Griff. Auf der anderen Seite sei von Versorgungsproblemen und von krankheitsbedingten Ausfällen die Rede. «Das ist sehr besorgniserregend.»

Am meisten sorgt er sich um die spezialisierten Betriebe der Kinderspitex, der Onkologie- und der Palliativpflege. Schnegg sieht «keinen Willen», eine Verbesserung der Situation herbeizuführen. «Zum Wohl der Patienten sehe ich mich deshalb gezwungen, konkreter zu werden.»

Vorerst sicher kein Rücktritt

Der Verwaltungsrat der Spitex wurde nach eigenen Angaben erst am Freitagmorgen um kurz nach 7 Uhr von Schnegg per Mail informiert. «Wir wurden sehr überrascht», sagt Verwaltungsrätin Regina Natsch, umso mehr, als zwischen der Gesundheitsdirektion und der Spitex ein reger Austausch bestehe.

Schneggs Appell prallt ungehört ab. «Wir haben uns schon länger entschieden, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht zurücktreten», sagt Natsch. «Wir haben gegenüber unseren Kunden und der Öffentlichkeit eine Verantwortung und werfen den Bettel nicht einfach hin.»

Es obliege allein der Generalversammlung, den Verwaltungsrat zu bestimmen. Diese findet am 13. Juni statt. Klar ist: Präsidentin Gmür und Peter Huber stellen sich nicht der Wiederwahl. Für Regina Natsch und Christoph Minnig läuft die Amtszeit ab; sie überlegen sich noch, ob sie sich wieder zur Wahl aufstellen lassen. Kathrin Gasser schliesslich befindet sich in einer laufenden Amtszeit. Aber auch bei ihr ist offen, ob sie weitermacht.

Bezüglich der Versorgungslage wiederholt Natsch, was die Spitex bereits auf ihrer Website schreibt: «Wir haben keinen Anhaltspunkt, dass die Versorgungspflicht nicht eingehalten werden könnte.» Was Schnegg zur Aussage bewege, die Versorgung sei «mittelfristig» in Gefahr, wisse sie nicht.

Was die Situation bei der Kinderspitex betreffe, so sei die Situation strukturell ­bedingt schon seit Jahren schwierig. Die fachspezifischen Anforderungen an die Pflegenden seien sehr hoch, es mangle ständig an Personal. «Das betrifft aber nicht nur uns, sondern die ganze Branche.»

Zwei Leiterinnen zurück

Der Gesundheitsdirektor fordert am Freitag weiter, dass die suspendierten Betriebsleiterinnen zurückkehren. Aus seiner Sicht würde ihre Rückkehr dazu beitragen, «wieder Ruhe in den Betrieb zu bringen». Damit ist auch klar, was der Kanton vom Komplottvorwurf an die Betriebsleiterinnen hält: nichts.

Den Spitex-Verantwortlichen stösst aber auch diese Forderung von Schnegg sauer auf. «Wir haben ihn noch vor der Medienorientierung über die aktuelle Situation informiert», sagt Natsch. Diese sieht so aus, dass zwei Betriebsleiterinnen zurückkehren.

Ihr dokumentiertes treuwidriges Verhalten sei in einem strukturierten Prozess aufgearbeitet worden. Die anderen drei Lei­terinnen seien krankgeschrieben, wovon die Betriebsleiterin der Kinderspitex ohnehin kurz vor einem Mutterschaftsurlaub stehe.

Berner Zeitung

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