Wer will den unregierbaren Kanton Bern regieren?

Regierungs- und Grossratskandidatinnen und -kandidaten von FDP und SP kreuzten die Klingen in Bümpliz. Anlass der Debatte war ein Artikel dieser Zeitung.

Das Regierungsratszimmer im Berner Rathaus: Wer will sich das antun?

Das Regierungsratszimmer im Berner Rathaus: Wer will sich das antun?

(Bild: Andreas Blatter)

Jürg Steiner@Guegi

Der Auftritt ist, man kann es nicht anders ausdrücken, ziemlich cool: Evi Allemann, Regierungsratskandidatin der SP, Präsidentin des autokritischen VCS und lebenslang engagierte Velofahrerin, steht im Showroom der von Jeannine Blunier geführten erfolgreichen Honda-Garage in Bümpliz. Genauer: vor einem imposanten Ständer mit ziemlich fetten Felgen, die man sich bestens an einem tiefergelegten Auto mit sportlicher Kurvenstabilität vorstellen kann. Und Evi Allemann fühlt sich im autophilen Ambiente so wohl, dass sie strahlend die Vorteile der rot-grün angehauchten kantonalen Energiestrategie preist. Sie zerzaust neben Philippe Müller, der für die FDP in den Regierungsrat will, locker bürgerliche Steuersenkungsambitionen, als würde sie im Cabrio auf der Sonntagsausfahrt die Aussicht erklären.

Guten Abend! Es ist Wahlkampf im Kanton Bern! Man ist nett miteinander, und der originelle Austragungsort zwischen polierten Autos, den der Gewerbeverein KMU Bern West für sein von 30 Personen besuchtes Podium wählte, besänftigte kämpferische Seelen wohl noch mehr. Leitmotiv des Events, zu dem mehrere FDP- und SP-Exponenten eingeladen wurden, war ein Artikel dieser Zeitung von Anfang Januar, in dem Bern als «der schönste und unregierbarste Kanton der Schweiz» porträtiert wurde. Die Diagnose: In Bern sind wenige ökonomische Kraftzentren umzingelt von schönen, aber schwachen Landstrichen. Der so entzweite Kanton entpuppt sich als unregierbar und verfällt in sein typisch träges ­bernisches Funktionsprinzip.

«Ich bin eine Person, die Herausforderungen gerne hat», sagte Lea Kusano (SP), die als Grossratskandidatin auftrat. Man müsste sogar sagen: Wer einen unregierbaren Kanton regieren will, muss diesen Charakterzug mitbringen. Philippe Müller und Evi Allemann wollen, unbedingt: Die Schönheit des Kantons Bern und sein Potenzial gewichten sie höher als dessen Unregierbarkeit. Jetzt, im Wahlkampf.

Mal schauen, wie es aussieht, wenn die beiden in der Kantonsregierung sitzen. Immer noch so nett? Sie werde sicher ein paar Mal mit Müller streiten, versprach Allemann. Gut so! Aber: Wenn die neue Regierung ihr Amt antritt, wird es wärmer sein, und man könnte eine gemeinsame Ausfahrt im Cabrio ins Auge fassen. Und einen gemeinsamen Plan für den unregier­baren Kanton Bern.

Berner Zeitung

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