Elsigenalp

Aus Pech wird Glück

ElsigenalpAnita Schmid hat Rückenprobleme – und eine Alp, die bewirtschaftet werden muss. Nun hilft ihr ­dabei eine Zahnärztin aus Deutschland, vermittelt von der Caritas.

Bergbäuerin Anita Schmid (links) könnte das Käsetuch nicht allein aus der Molke ziehen. Das übernimmt ihre Helferin.

Bergbäuerin Anita Schmid (links) könnte das Käsetuch nicht allein aus der Molke ziehen. Das übernimmt ihre Helferin. Bild: Beat Mathys

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In der Käseküche von Anita Schmid auf der Elsigenalp riecht es nach Rauch. Soeben hat die Bergbäuerin mit einer automatischen Hebevorrichtung den Kupferkessel vom Feuer gehoben. Die Flüssigkeit darin dampft. Anita Schmid kühlt ihre Arme mit Wasser. Dann spannt sie ein Käsetuch in einen biegbaren Metallstab und taucht ihn tief in die 52 Grad heisse Molke.

Zu Beginn des Alpsommers ist das jeweils happig. Doch jetzt, nach mehreren Wochen auf der Alp, macht ihr die Hitze nicht mehr viel aus. Das wahre Problem kommt erst jetzt: Jemand muss das Tuch mit dem Käsebruch aus der Molke ziehen.Doch die Frutigerin hat mas­sive Rückenprobleme: Sechs Schrauben versteifen seit anderthalb Jahren ihre unteren Lendenwirbel. Während des Käsens trägt sie einen Gurt, der sie stützt.

Doch das volle Tuch hochzuheben, austropfen zu lassen und den Bruch in die Käseform zu legen, ist für die 46-Jährige zu viel. Höchstens 15 Kilogramm darf sie heben. Ein volles Käsetuch wiegt bis zu 30 Kilogramm. Deshalb hat sie jemanden, der nun übernimmt: Eine freiwillige Helferin, vermittelt von der Caritas. 117 Bergbauernfamilien suchten ­dieses Jahr Unterstützung via Caritas – so viele wie noch nie. Grund ist immer eine Notsituation (siehe Kasten).

Helfer brach sich den Knöchel

Schmids Notsituation begann mit ganz viel Pech: Sie hatte sich von Anfang Juni bis Ende August einen Helfer organisiert, weil sie wusste, dass die Arbeit für sie allein zu schwer würde. Doch dieser brach sich Ende Mai den Knöchel. Schmids waren im Dilemma: Die Tiere mussten hoch auf die Alp, unten im Talbetrieb in Frutigen musste sich jemand um das Heu und den Neubau kümmern. Also zog die Bergbäuerin allein in die Alphütte, mit zwanzig Kühen, die täglich zweimal gemolken werden müssen.

Sie käste jeden Morgen, trotz des schweren Tuchs. So oft er konnte, blieb ihr Mann Andreas oben und unterstützte sie. Auch ihre Kinder packten an, wo sie konnten. Doch die beiden ältesten Töchter arbeiten, der Sohn ist in der Lehre – und die Jüngste erst zehn. «Die erste Woche war zu viel. Wenn es so weitergegangen wäre, wäre ich zusammengebrochen.»

Die Familie suchte Hilfe. Beim Zivildienst kam sie zu spät. Eine Freundin empfahl die Caritas. Anita Schmid füllte am Computer ein Formular aus – und erhielt bald einen Anruf von einer deutschen Zahnärztin. Sie komme für 14 Tage. Für keinen Lohn ausser Kost und Logis. «Mich fasziniert die Milchverarbeitung.

Melken ist eine schöne Tätigkeit – und ich wollte unbedingt Käsen lernen», sagt die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Das Leben auf der Alp, die Wertschätzung gegenüber dem Tier, das dem Menschen etwas gibt – all das wollte sie erleben. Sie suchte kurzfristig einen Einsatzort, deshalb wurde sie bei der ­Caritas fündig. «Dass ich dabei noch jemandem in Not helfen konnte, war eine zusätzliche Motivation.»

Nicht nur billige Arbeitskraft

Sie sei gespannt gewesen, was sie auf der Elsigenalp erwarte, sagt die Helferin. Schon einmal half sie im Berner Oberland auf ei­gene Faust in einem Alpbetrieb. Nach einer Woche ging sie wieder weg. «Die Leute suchten nur eine billige Arbeitskraft für die Gas­tronomie und liessen mich nicht das machen, was mich eigentlich interessierte.»

Bei Schmids war es anders. Sie fanden sofort den Draht zueinander, und die Zahnärztin packt bei allem mit an. Sie durfte auch selber Käse machen, den sie später mit heimnehmen darf. «So wurde aus dem Pech ein riesiges Glück», sagt Anita Schmid.

Aus den ursprünglich geplanten 14 Tagen wurde ein Monat. Nach einer Woche Pause kehrte die Helferin für eine weitere Woche auf die Alp zurück. Ab nächster Woche nimmt die Arbeit etwas ab, und wahrscheinlich ist der ursprünglich angestellte Mitarbeiter dann wieder einsatzbereit.

Klar ist: Nächstes Jahr wird die Deutsche wahrscheinlich wieder zu Schmids auf die Elsi­genalp kommen. Nicht wegen einer Notsituation via Caritas, sondern als ganz normal Angestellte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2018, 09:04 Uhr

Standort

Caritas-Bergeinsatz

2017 vermittelte Caritas-Bergeinsatz 1179 Einsatzwochen von Freiwilligen. 2018 war die Nachfrage von Bergbauern für Unterstützung um 300 Wochen höher. 117 Bergbauernfamilien aus der ganzen Schweiz haben ein ­Gesuch eingereicht. Die meisten stammen aus klassischen Agrarkantonen wie dem Kanton Bern. Mit ein Grund für die hohe Nachfrage sind die vergangenen Winterstürme, vor allem Burglind.
Die Caritas vermittelt seit über vierzig Jahren freiwillige Helferinnen und Helfer an Bergbauern in prekären Lebenssituationen. In 70 Prozent der Anfragen schafft es die Organisation, jemanden zu vermitteln. Aktuell sucht die Caritas noch Freiwillige für 260 Einsatzwochen bis Ende Jahr. Ein Einsatz dauert mindestens eine Woche. Die Teilnehmenden müssen mindestens 18 Jahre alt sein. Unter www.bergeinsatz.ch können sie ihren Wunschbetrieb auswählen und direkt online buchen. Wichtig ist, dass sie die Sprache des Einsatzortes beherrschen, eine gute physische Grundkondition haben, psychisch belastbar sind und sich in einen Betrieb ein­fügen wollen. sar

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