Der Sozi, den die Unternehmer lieben

In seinen ersten beiden Amtsjahren fiel der SP-Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann öffentlich nicht gross auf. Hinter den Kulissen aber punktete er.

Christoph Ammann vor dem Pult des Regierungs­präsidenten, an dem er 2019 sitzen möchte.

Christoph Ammann vor dem Pult des Regierungs­präsidenten, an dem er 2019 sitzen möchte.

(Bild: Raphael Moser)

Sandra Rutschi

Auf den ersten Blick ist er blass geblieben, der vor zwei Jahren gewählte Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Bern. Keine aufreibenden Geschäfte und keine Paukenschläge prägten die ersten beiden Amtsjahre von Christoph Ammann (SP). Vielmehr das Weitertreiben der Ideen seines Vorgängers Andreas Rickenbacher und das Wirken im Hintergrund.

Im Vergleich zum gleichzeitig gewählten SVP-Mann Pierre Alain Schnegg, der die Gesundheits­direktion umkrempelt, ist Ammann ein Mauerblümchen. Denkt man zurück an seinen Vorgänger, sucht er weniger das Rampenlicht.

Dennoch erhält der ehemalige Rektor des Gymnasiums Interlaken aus Wirtschaftskreisen gute Noten. Ammann begreife die grossen Zusammenhänge, etwa zwischen Wirtschaft und Raumplanung, ist dort zu vernehmen. Der 49-jährige Meiringer höre sehr gut zu, verstehe viel von der Materie und lasse sich nicht so leicht etwas vormachen. Er sei lösungsorientiert, geradlinig, überzeugend und entscheide schnell. Dass er primär Projekte seines Vorgängers – das medizinische Zentrum Sitem-Insel, den Innovationspark Biel oder generell das Weibeln für den Medizinalstandort Bern – weitertreibt, wird geschätzt. Gerade das, so der Tenor, sei wichtig.

Medizin und Pflanzen

Dass Ammann nach aussen blass scheine, liege daran, dass in der Volkswirtschaftsdirektion nicht die umstrittensten Geschäfte zu finden sind. «So kann sich ein Regierungsrat weniger profilieren», sagt HIV-Direktor und FDP-Grossrat Adrian Haas. Ein Erfolg Ammanns ist, dass die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa am Ableger Thun festhält. Dies ist eine Institution der Eidgenössischen Technischen Hochschule. Beherzt machte Ammann sich nun in der Wahlkampfphase für eine Medizin-ETH in Bern stark – ebenfalls eine Idee seines Vorgängers. Denn Zürich und Lausanne hätten aufgrund der ­ETH-Milliarden einen Vorteil gegenüber Bern.

Einen besonderen Draht hat Ammann zur Landwirtschaft gefunden: «Er hat dafür gesorgt, dass Bern als grösster Agrarkanton national wieder wahrgenommen wird», sagt Hans Jörg Rüegsegger, Präsident des Berner Bauernverbands und SVP-Grossrat. Mit dem Berner Pflanzenschutzprojekt und der Bio­offensive habe der Oberländer gemeinsam mit den Bauern Projekte mit Pioniercharakter gestartet. Der Verband ist zudem froh, dass im Amt für Landwirtschaft und Natur die Leitung gewechselt hat. Mit dem ehemaligen Amtsleiter hatten die Bauern das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Er trat ein Jahr nach Ammanns Wahl zurück.

Eines kommt Ammann als Volkswirtschaftsdirektor zugute: Er politisiert am rechten Rand der SP – wie es für deren Vertreter aus ländlichen und somit bürgerlich dominierten Gebieten typisch ist. Bei der Wahl vor zwei Jahren erhielt er auch Stimmen von Bürgerlichen, namentlich aus BDP-Kreisen. Und schaffte bereits im ersten Wahlgang den Sprung in die Regierung.

Schärfste Kritik von ganz links

Damals wie heute sind die Kritiker Ammanns denn auch nicht bei den Bürgerlichen, sondern am linken Rand der eigenen Partei zu finden: Vor zwei Jahren verweigerten ihm die Jungsozialisten ihre Stimme. «Wir wünschen uns einen linkeren Vertreter in der Regierung», sagt Juso-Co-Präsident Vinzenz Binggeli auch heute.

Man müsse zwar die politischen Gegebenheiten im Kanton und auch im Berner Oberland berücksichtigen. Dennoch: Rickenbacher habe zumindest ab und zu ein Geschäft lanciert, das die Linke habe gestalten können, moniert Binggeli. Ammann hingegen wolle es allen recht ­machen.

Zwischen den Fronten

Tatsächlich weigert sich der zweifache Familienvater als einziger Bisheriger, den Fragebogen der Wahlhilfeplattform Smart­vote auszufüllen. Deshalb können wir an dieser Stelle auch keinen Smartspider von ihm zeigen. Der Fragebogen sei für Regierungsmitglieder, die der politischen Minderheit angehören, unbrauchbar, begründet Ammann. Auch während des Wahlkampfs müsse ein Ratsmitglied Regierungspositionen vertreten und dürfe sich nicht mit einer persönlichen Meinung dazu äussern.

«Wir wünschen uns einen linkeren  Vertreter in der Regierung.»Vinzenz Binggeli, Co-Präsident der Jungsozialisten Kanton Bern

Explizit erwähnt er dabei die Finanzpolitik. Aus diesem Bereich stammt jenes Geschäft, bei dem Ammann letztes Jahr zwischen die Fronten geriet, obschon die Verantwortung gar nicht bei ihm liegt: Die Gewinnsteuersenkung für Unternehmen. Die Wirtschaft möchte diese, die Regierung auch. Ammanns Partei hingegen bekämpft sie bis aufs Blut, weil damit Sparmassnahmen verbunden sind. Und Ammann? Er macht den Spagat, indem er für die Steuersenkung weibelt, ohne sich persönlich zu äussern, ob die dafür nötigen Sparmassnahmen gerechtfertigt sind. Dabei empfinden ihn die Wirtschaftsvertreter als loyaler als der linke Flügel seiner Partei. «Uns störte, dass er diese Steuersenkung nicht kritisierte, sondern sogar verteidigte», sagt Vinzenz Binggeli.

Weibeln vor der Haustür

Für die Juso mag Ammann zu wenig Sozialdemokrat sein. Wirtschaftsvertreter hingegen merken, woher er kommt. «Er vertritt zwar keine Ideologie, aber eine klare Meinung», sagt Peter Stämpfli, Initiant der Unternehmergruppe Fokus Bern. Dies merke er in positiver Weise an Ammanns persönlichen Werten. «Er steht für die Arbeitnehmer ein und hat ein Gehör für jene, die finanziell weniger auf Rosen gebettet sind», sagt Urs Kessler, CEO der Jungfraubahnen.

Ammann scheue sich zudem nicht, Randregionen wachzurütteln, findet Stämpfli: «Er fordert Bewegung und Engagement – auch vor seiner Haustüre im Oberland.» Urs Kessler lobt die grosse Unterstützung, die er von Ammann beim V-Bahn-Projekt erhält. Man merke, dass dem Volkswirtschaftsdirektor der Tourismus am Herzen liege – so wie schon als Rektor oder als Gemeindepräsident von Meiringen. Sowieso sei Christoph Ammann auch als Regierungsrat derselbe wie früher geblieben. «Das zeugt von einer starken Persönlichkeit», sagt Kessler. Und schiebt nach, dass er es bedauern würde, wenn der Meiringer dereinst eine andere Direktion übernehmen würde.

Etwa die Erziehungsdirektion, für die er bestens geeignet wäre. Ob er das möchte? Ein zurückhaltender Mensch wie Ammann würde so etwas nie vor dem korrekten Zeitpunkt preisgeben.

Berner Zeitung

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