Zum Hauptinhalt springen

«Die 180 000 Franken Lohn sind einfach eine Zahl»

SP-Grossrätin Ursula Zybach übernimmt Anfang Juli das Präsidium des Spitex-Verbands Kanton Bern. Sie findet hohe Entschädigungen wie in Bern nicht per se verwerflich.

Befürwortet eine Debatte über Löhne: Ursula Zybach (SP), neue Präsidentin Spitex-Verband Kanton Bern.
Befürwortet eine Debatte über Löhne: Ursula Zybach (SP), neue Präsidentin Spitex-Verband Kanton Bern.
Nicole Philipp

Frau Zybach, Sie sagten einst, dass Sie keinen Krach mögen. Nun übernehmen Sie ausgerechnet nach der Affäre um die Spitex Bern das Präsidium des kantonalen Dachverbandes. Weshalb?Ursula Zybach: Ich habe mir über das Präsidium Gedanken gemacht, bevor es in Bern geknallt hat. Ich weiss aber auch nicht, ob ich das wirklich einen Krach ­nennen würde. Die Situation ist für mich dem Themenbereich Herausforderungen zuzuordnen.

Wirklich? Die gegenseitigen Vorwürfe von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung waren eine öffentliche Schlammschlacht.Ich kenne die Details nicht, das ist auch mein Vorteil. Ich komme von aussen und werde die Situation nach meiner Amtsübernahme neutral analysieren. Wichtig scheint mir, dass bei der Spitex Bern bereits viele Änderungen vollzogen wurden. Der Vorstand wurde erneuert und Therese Frösch zur neuen Verwaltungsratspräsidentin gewählt. Man ist auf dem richtigen Weg.

Wie wollen Sie zur weiteren ­Beruhigung der Situation in Bern beitragen?Gemäss meinem Motto «Kompromisse statt Konfrontation». Man muss genau hinschauen, die Situation analysieren und dann die nächsten Schritte planen und Lösungen suchen. Das gilt für mein gesamtes Schaffen und – so hoffe ich wenigstens – wird auch in der aktuellen Situation das Richtige sein.

Sie sind gerne direkt am Geschehen beteiligt. Nun werden Sie Präsidentin eines Dachverbands, die einzelnen Organisationen sind selbstständig. Wie werden Sie damit zurechtkommen?Der Dachverband ist nicht passiv. Er ist jener Player, der mit dem Kanton Bern verhandelt. Wie hoch sind die Beiträge für die ­Versorgungspflicht ab dem nächsten Jahr, welche Unterschiede zwischen Stadt und Land sind für das Erbringen der Leistungen zu berücksichtigen? Solche Fragen bringt der Dachverband ein. Ich möchte auch Hilfestellungen bieten, etwa dazu, wie die einzelnen Organisationen strukturiert sein können.

Die Kontroversen um die Spitex Bern haben dem Ansehen der gesamten Branche geschadet. Wie lässt sich dies wieder ­ändern?Ich weiss nicht, wie gross der Reputationsverlust dort ist, wo es wirklich zählt – bei den Kundinnen und Kunden sowie bei den übrigen Leistungserbringern wie Ärzten oder Pflegenden. Da ist der direkte Kontakt vermutlich wichtiger als die Schlagzeilen in der Zeitung. Frau Meier war auch während der Krise eine gute ­Pflegefachfrau, und es hat niemand einen Wundverband zu spät erhalten. Aber klar, die Sache hat auf die gesamte Branche abgefärbt.

Wie wichtig ist bei der ­Aufarbeitung die noch nicht ­vorhandene Transparenz bei den Entschädigungen?Einerseits bin ich der Meinung, je mehr wir über Löhne sprechen, desto besser ist es. Das sage ich auch aus der Perspektive der Frauen. Nur über eine Ausein­andersetzung mit der Situation kann der noch immer existie­rende Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in denselben Positionen aufgedeckt werden.

Und andererseits?Andererseits habe ich die Aufregung über die Entschädigungen bei der Spitex Bern mit einem Schmunzeln verfolgt. Ich kenne ja auch hier die Details nicht. Waren die 180 000 Franken für die ehemalige Präsidentin ein Brutto- oder ein Nettolohn, und welche zusätzlichen Mandate waren darin enthalten? Die 180 000 Franken sind einfach eine Zahl, die genannt wurde. Im Vergleich mit den Kaderlöhnen in Banken oder anderen privatwirtschaftlichen Unternehmen ist diese Entschädigung nicht sehr hoch.

Die Spitex-Organisationen ­werden aber zu einem grossen Teil von der öffentlichen Hand finanziert, und die Pflegefachleute an der Front werden nicht gerade gut entlohnt.Das stimmt. Aber auch Spitäler werden mit öffentlichen Geldern finanziert. Und dort verdienen Spezialärzte noch viel mehr.

Auch diese Löhne werden ­angeprangert – abgesehen ­davon, dass Ärzte mehr ­Verantwortung haben als eine Spitex-Präsidentin.Ja, aber diese Löhne sind ein Mehrfaches der genannten 180 000 Franken.

Glauben Sie, dass die Entschädigung der ehemaligen Präsidentin von Spitex Bern ein Einzelfall ist?Ja.

SVP-Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg ist anderer Meinung. Er glaubt, dass es noch andernorts aufgeblähte Strukturen und zu hohe Löhne gibt.Die Entschädigung ist immer nur der eine Teil. Der andere ist die dafür erbrachte Leistung. Man kann auch der Meinung sein, dass man Leistungen besser auslagert. Aber dann bezahlt man unter Umständen einen Ansatz von 250 bis 300 Franken pro Stunde. Unter dem Strich wäre das teurer, als wenn die Aufgabe jemand in der Geschäftsleitung für einen «hohen» Lohn machen würde. Deshalb sagt für mich die Zahl ­allein nichts aus. Wenn es also noch mehr solche Fälle gibt, dann sind sie möglicherweise auch gerechtfertigt.

Der Regierungsrat ist dagegen, dass die Entschädigungen in der Spitex und den Alters- und Pflegeheimen der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Wäre das sinnvoll?Ich finde schon. Die Spitex-Organisationen wären auch bereit ­dazu. Aber es müssten alle gleich behandelt werden. Alle Organisationen, die mit Steuergeldern finanziert werden, sollten grösstmögliche Transparenz schaffen.

Auch der Spitex-Verband ­Kanton Bern veröffentlichte im Jahresbericht 2017 keine Zahlen zu den Entschädigungen. Wird sich das im nächsten Jahr ­ändern?(lacht) Das schauen wir dann an. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir das ändern werden.

Nach dem Gesagten müssten Sie das tun.Ja, aber ich möchte zuerst die Gründe kennen, weshalb man bisher darauf verzichtet hat.

Wie viel verdienen Sie für das Präsidium?Ich erhalte die gleiche Stundenentschädigung wie meine Vorgängerinnen und rechne wie sie die AHV und die Pensionskasse als Selbstständigerwerbende ab.

Wie hoch ist die Stunden­entschädigung?110 Franken. Unter Berücksichtigung meiner Ausbildung, meiner Erfahrung und meines Netzwerks erachte ich das als nicht übertrieben.

Den Gürtel enger schnallen müssen die öffentlichen Spitex-­Organisationen. Ab nächstem Jahr erhalten sie 6 Millionen Franken weniger vom Kanton. Wie schlimm ist das?Das ist sehr unterschiedlich. Aufgrund einer Umfrage ist aber klar, dass es 40 Prozent der Organisationen in die roten Zahlen bringen wird.

Es gibt aber auch solche, die ­innerhalb eines Jahres Rückstellungen in einer Höhe von 700 000 Franken machen. Denen geht es doch gut.Auch da müsste ich die Details kennen. Eine Organisation benötigt aber Kapital für Investitionen, zum Beispiel für neue Computer oder Fahrzeuge und auch für Notsituationen. Momentan bezahlen die Krankenkassen bekanntlich nichts mehr an das Pflegematerial. Ohne Geld auf der hohen Kante gäbe es jetzt schnell riesige Probleme. Möglich ist auch, dass es ein ideales Jahr für die betreffenden Organisationen war, aber das nächste schon wieder ganz anders aussieht.

Ist es nicht auch ein Hinweis ­darauf, dass die Kantonsbeiträge heute gar nicht so tief ange­siedelt sind?Man muss unterscheiden: Einerseits gibt es die Abgeltung für die Versorgungspflicht der öffentlichen Spitex. Diese ist heute klar zu tief angesiedelt. Anderseits gibt es die Beiträge an die Pflegeleistungen, und die sind eher zu hoch. Die öffentlichen Spitex-Organisationen müssen deshalb die Versorgungspflicht querfinanzieren. Die private Spitex hingegen muss das nicht, sie kann die Patientinnen und Patienten auswählen und hat nur die hohen Pflegeansätze. Wenn nun die Gelder für die Versorgungspflicht 2019 um 6 Millionen gekürzt werden, vergrössert sich die Ungleichbehandlung noch weiter.

Also sollte die Versorgungspflicht auch auf die private ­Spitex ausgeweitet werden?Das ist eine Möglichkeit. Wir widersetzen uns dem nicht. Es gäbe aber Doppelspurigkeiten. Gleich lange Spiesse könnte man auch dadurch generieren, indem die Leistungen einfach korrekt ab­gegolten würden. Man müsste ­genau hinschauen, was wie aufwendig ist.

Pierre Alain Schnegg arbeitet derzeit an einem neuen Modell für die Abgeltung der Versorgungspflicht auf Grundlage der Bevölkerungsdichte. Ist das der richtige Weg?Ich liebe Zahlen und Überlegungen aufgrund von Fakten. Deshalb finde ich es auch interessant, das Strassennetz einer Region und die Bevölkerungszahl als Faktoren zu gewichten. Ich bin einfach nicht sicher, ob diese ­Faktoren auch wirklich das ab­bilden, was wir wollen. Denn bei der Versorgungspflicht sind nicht die Wegstrecken am teuersten.

Sondern?Die Organisationen müssen sich überlegen, wie wahrscheinlich es ist, dass am nächsten Tag so und so viele zusätzliche Personen mit Leistungen versorgt werden müssen. Aufgrund dieser Überlegungen muss der Personalbestand definiert werden und nicht aufgrund der Distanzen.

Also ist Herr Schnegg auf dem Holzweg?Könnte sein. Ich finde den Ansatz aber spannend und lasse mich überraschen.

Wie wird sich die Spitex in den kommenden Jahren ­verändern?Ich hoffe, dass wir einen Weg ­finden für eine faire Leistungsentschädigung. Zudem werden künftig im gesamten Spitex-System weit mehr Pflegende angestellt sein, weil der Markt wächst. Und schliesslich hoffe ich, dass Spitex-Pflegende immer die Möglichkeit haben, die Menschen ins Zentrum zu stellen. Die Tarife dürfen nicht so knapp ­gehalten werden, dass nur noch die reine Pflege abgegolten wird. Wenn die Spitex-Pflegefachperson kommt, soll ein Mensch ­kommen. Da müssen auch ein ­Lächeln und eine Handreichung drinliegen.

Ursula Zybachsitzt seit 2014 für die SP im Grossen Rat, im letzten Jahr präsidierte sie diesen. Die diplomierte Lebensmittelingenieurin ist zudem Präsidentin Public Health Schweiz und Präsidentin Stillförderung Schweiz. Von 2002 bis 2013 war sie auch in der Geschäftsleitung der Krebsliga Schweiz tätig.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch