Hilfe für Männer, die ihre Frauen schlagen

Die Berner Interventionsstelle will mit einem Film potentielle Täter häuslicher Gewalt zur Teilnahme an einem Lernprogramm motivieren. Das Präventionsprojekt zielt auf Männer ab – obwohl auch Frauen prügeln.

In den letzten zwei Monaten gingen bei der Berner Interventionsstelle Häusliche Gewalt 20 Neuanmeldungen für das Lernprogramm ein. Video: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ZDSylOCtvYQ" target="_blank">YouTube/Kanton Bern</a>

Jan Amsler

Die Berner Interventionsstelle Häusliche Gewalt hat potentielle Täter im Visier: In einem neuen Kurzfilm, der am Dienstag veröffentlicht wurde, sollen Männer angesprochen werden, «die in ihrem familiären Umfeld gewalttätig geworden sind oder befürchten, nächstens gewalttätig zu werden».

Betroffene sollen motiviert werden, freiwillig an einem Lernprogramm gegen Gewalt in Ehe, Familie und Partnerschaft teilzunehmen, wie die Polizei- und Militärdirektion mitteilt. Aber die zuständigen Behörden hätten auch die Möglichkeit, «gewaltausübende Männer zum Besuch des Lernprogramms zu verpflichten». Der Kurs erstreckt sich über einen Zeitraum von 26 Wochen, jeden Montag findet ein Kursabend à zwei Stunden statt. Er wird kantonal subventioniert, für Teilnehmer kostet er 520 Franken, pro Abend also 20 Franken.

20 Neuanmeldungen

Der Anteil Männer, der zur Teilnahme am Kurs verpflichtet wird, betrage etwa drei Viertel, wie Judith Hanhart, Leiterin der Interventionsstelle Häusliche Gewalt, gegenüber thunertagblatt.ch/Newsnetz sagt. Gestartet habe das Lernprogramm 2008 mit etwa 15 Teilnehmern. In den letzten zwei Monaten seien jedoch schon 20 Neuanmeldungen eingegangen, führt Hanhart aus.

Die Interventionsstelle kümmert sich nur um Täter, nicht um die Opfer. Diesen nehme sich die Opferhilfe an. Und: Das Angebot der Interventionsstelle gilt ausschliesslich für männliche Täter.

Der Täter ist männlich

Pro Jahr muss die Polizei im Kanton Bern rund 850 Mal wegen häuslicher Gewalt intervenieren. In etwa 30 Prozent der Fälle schlagen sich die Männer und Frauen in den Partnerschaften gegenseitig. Bei den einseitigen Fällen, wenn nur ein Partner zuschlägt, sind zu 90 Prozent die Frauen in der Opferrolle, wie eine Studie im Auftrag der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt ergibt.

«Ein Mann, der geschlagen wird, hat mehr Hemmungen, die Polizei anzurufen», relativiert Hanhart die Statistik. Wegen des vorherrschenden Rollenbilds brauche der Mann mehr Überwindung als die Frau, sich zu melden. Der Mann würde in der Bevölkerung nach wie vor als der Stärkere wahrgenommen.

Offenbar haben die von Frauen attackierten Männer in Bern besondere Hemmungen, denn im Vergleich zur gesamten Schweiz liegt im Kanton Bern die Quote der gewalttätigen Frauen deutlich unter dem Schnitt. Wie aus Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) hervorgeht, wurden im Jahr 2013 bei einem Fünftel aller Fälle häuslicher Gewalt in der Schweiz Männer geschlagen (Grafik siehe Box).

Zu wenig Ressourcen für Frauengruppe

Pro Jahr trifft die Polizei bei ihren Einsätzen in Bern immerhin auf etwa 300 Frauen, die innerhalb der Familie Gewalt ausüben. Warum also ruft die Berner Interventionsstelle ausschliesslich die Männer dazu auf, am Kurs teilzunehmen?

Judith Hanhart zählt auf: «Aus finanziellen Gründen. Bislang haben wir unsere Ressourcen auf die Männer konzentriert.» Die Interventionsstelle sei mit gesamthaft 100 Stellenprozenten auch ziemlich klein. Zudem hätte vorerst die Männergruppe etabliert werden müssen, und die Nachfrage sei noch zu gering, als dass ein Kurs für Frauen angeboten werden könne. «Jetzt aber können wir langsam eine Frauenrunde andenken. Es ist nicht so, dass wir fänden, nur die Männer würden schlagen», erklärt Hanhart. Auch können sich gewalttätige oder gewaltbereite Frauen und Jugendliche schon jetzt zur Einzelberatung anmelden.

Auf die Wirksamkeit des Lernprogramms angesprochen, findet Hanhart, dass der Kurs mit einer Studie auf die konkreten Ergebnisse untersucht werden müsse. Die objektiven Zahlen fehlten nämlich noch. Aus subjektiver Sicht liessen sich jedoch positive Zeichen beobachten: Männer würden freiwillig die Kurse verlängern oder zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf das Angebot zurückgreifen. Ausserdem käme es «äusserst selten» vor, dass die Polizei bei denjenigen, die den Kurs absolviert haben, nochmals intervenieren müsse.

Weitere Infos:www.be.ch/gewalt-beenden

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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