Jens und die Schafe

Jeden Winter wandert Jens Schöndorfer (48) mit 600 Schafen durch das Grenzgebiet der Kantone Bern und Freiburg. Seine Begleiter sind vier Hunde und zwei Esel.

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Am Abend, als die 600 Schafe endlich in den Netzen versorgt sind, da nimmt Schafhirt Jens Schöndorfer seinem Hund Arved den Maulkorb ab. Schnee und Stille liegen über der Sommerau bei Ueberstorf, die Kälte kriecht die Hügel hoch, langsam spannt sich der Sternenhimmel auf. Die Schafe, eigentlich längst satt, fressen noch eine Weile weiter. Der Hirt streicht seinem Hund durchs Fell, lässt ihn laufen und sagt: «Eigentlich müsste ich mir den Maulkorb am Morgen jeweils selber umbinden.»

Arved, ein Altdeutscher Hütehund, braucht den Beissschutz, ohne ihn würde er die Schafe so hart «rannehmen», so fest klemmen, dass die Zähne im Fleisch Abdrücke hinterlassen würden. «Das ist nicht die Schuld des Hundes», sagt der Hirt, Arved tue das nicht, weil er böse sei, «sondern weil ich es verbockt habe». Er habe nicht die Ausbildung bekommen, die er benötigt hätte.

Arved sei ein guter Hund, wie auch die drei anderen. «Ohne die Hunde wäre ich nichts.»

Auf der Wanderung

Jens Schöndorfer ist 48 Jahre alt, Deutscher, Schafhirt. Seit Ende November zieht er mit seiner Wanderherde durch das Berner Schwarzenburgerland, den Freiburger Sensebezirk, zum elften Mal bereits. Vier Monate ist er unterwegs, ohne einen Tag Unterbruch, immer draussen.

Tagsüber wandert er über die Felder, nachts schläft er im Wald, unter freiem Himmel, ausser es regnet in Strömen. Dann verzieht er sich unter ein einfaches Zeltdach oder in eine Scheune. So wie letzte Woche. Regen, Feuchtigkeit, «fürchterlich». An die Kälte aber gewöhne man sich, und auch daran, nur alle zehn Tage zu duschen. «Mich störts nicht. Die Schafe auch nicht.»

Jetzt liegt Schnee, das Ther­mometer leicht unter null, die Abendsonne leuchtet in die Jura-Kette. Schöndorfer trägt Le­derhosen, Wollpullover, Militärschuhe. Gerade haben die Schafe gefressen, jetzt heben sie langsam ihre Köpfe, ein Zeichen: Alles abgegrast, sie wollen weiter. Der Hirt bindet die beiden Esel los, geht mit den Hunden voran, die Herde hinterher.

«Ich habe hier eine relative Freiheit», sagt Schöndorfer. Er ist Wanderer, Abenteurer, Naturbursche. Aber auch der Ange­stellte eines Schafbauern. Er hat Verantwortung für 600 Tiere. Er muss dafür sorgen, dass die Tiere fressen, grösser werden. Er muss den Kopf immer bei der Sache ­haben.

Er zeigt auf die Schafe. Es sind Kreuzungen von Weissem Alpenschaf, Merino, Bergamasker, Juraschaf, Spiegelschaf, Charollais, Suffolk. Sehr robust, viel Fleisch, kugelrunde Bäuche. «Meine Schafe», sagt der Hirt. «So muss es sein.» Er ist zufrieden.

Auf dem Bauernhof

Mitte November, auf dem Hof von Christian Nydegger in Lanzenhäusern. Zusammen mit seinem Bruder führt Nydegger eine Gebrüderwirtschaft. Der Bruder hält Rinder, er selbst Schafe, wie schon der Vater und der Grossvater. Nebenbei repariert er Landmaschinen, ansonsten setzt er voll auf die Schafe. «Sie sind meine Leidenschaft.» Seine Tiere sind es, die Schöndorfer durch den Winter bringt.

Es ist die zweite Lammzeit des Jahres. Jeden Tag bringen Mutterschafe auf Nydeggers Hof Junge zur Welt. Ein paar Tage bleiben die Lämmer in der Box bei der Mutter. «Eine gute Bindung ist sehr wichtig.» Auch für das Wachstum und letztlich für die Fleischproduktion.

Nach der Säugezeit werden die Tiere auf die Weide gelassen. ­Zuvor erhalten sie noch eine Ohrmarke, werden registriert. Zudem wird der Nabel mit Jod oder Spray desinfiziert. Wenn die Tiere 20 oder 25 Kilo auf die Waage bringen, sind sie reif für die ­Herde. Den Sommer verbringen sie auf der Alp, den Winter mit Schöndorfer auf der Wanderweide. Mit 50 oder 55 Kilo kommen sie schliesslich in den Schlachthof.

«Es gibt keine artgerechtere Tierhaltung», sagt Nydegger. Die Tiere seien ständig draussen, das sorge für eine bessere Tier­gesundheit und höhere Fleischqualität. Für ein Schaf erhält er zwischen 200 und 250 Franken.

Vor Jahren begleitete der Bauer seine Schafe einen Winter lang selber auf der Wanderschaft. Dann suchte er einen Hirten – und fand Schöndorfer, der das ­zuvor schon auf der Schwäbischen Alb in Deutschland gemacht hatte. «Ein guter Hirt», sagt Nydegger.

Auf Reisen

Der Hirt wurde 1969 in Thüringen in der damaligen DDR ge­boren. «Ich bin auf dem Land ­aufgewachsen, verbrachte viel Zeit bei den Grosseltern, die als Selbstversorger einen Bauernhof betrieben.» Daher das landwirtschaftliche Interesse. Im Alter von 16 Jahren machte er eine Lehre zum Werkzeugmacher, arbeitete ein paar Jahre in diesem Beruf, verdiente durchaus gutes Geld.

«Ich hatte eine schöne Jugend, wir haben viel gefeiert», erzählt Schöndorfer. «Die Menschen hielten zusammen.» Aber die DDR war eine Diktatur, die ihre Bürger überwachte. «Wer den Mund aufmachte, bekam Ärger.» Reisen ins Ausland waren nicht möglich. «Wir hatten keinen Pass.»

Schöndorfer war 20 Jahre alt, als im Herbst 1989 die Berliner Mauer fiel und die Grenze zwischen West- und Ostdeutschland aufgehoben wurde. Nun durften die Ostdeutschen reisen. Schöndorfer machte sich auf und davon. «Ich musste raus», sagt er.

Er sparte Geld und reiste während mehrerer Jahre durch Nordafrika und Asien, Tibet, Nepal, den Iran, Pakistan. «Ich war meistens in den Bergen unterwegs», sagt er, im Karakorum, im Hindukusch, im Himalaja. Die Schäferei, die Wanderschaft, sagt er, sei ein Überbleibsel dieses Freiheitsdrangs. Vor rund zehn Jahren verbrachte er einen Sommer lang auf einer Alp im Wallis, er hütete und molk Kühe.

Kurz darauf hütete er auch für Christian Nydegger die ersten Schafe, zuerst auf der Alp. Die Sömmerung macht er mittlerweile nicht mehr mit. Bei Nydegger ist er jeweils von Herbst bis Frühling während sieben Monaten angestellt. Er verdiene ganz gut dabei, sagt der Hirt.

Auf der Weide

Der Tag von Schäfer Schöndorfer beginnt um 6 Uhr. Mit der letzten Glut vom Vorabend macht er sich ein Feuer, kocht Kaffee, packt sein Lager zusammen. Zwei Esel tragen sein Gepäck, der brave Lorenzo buckelt die Fixnetze und das Hundefutter, der schwierige Beppino das persönliche Gepäck: Kleider, Decken, Essen.

Viel Zeit zu verschenken hat der Hirt nicht, um 8 Uhr will er «auf dem Futter» sein. Die Schafe sollen fressen, das saftige Gras unter dem Schnee, sollen wachsen, 300 Gramm pro Tag. «Das gibt gutes Fleisch.»

Noch wichtiger als die Esel sind die Hunde. Sie sorgen dafür, dass die Schafe weitergehen, wenn sie sollen, dass sie nur dort fressen, wo sie dürfen. Einfach sind sie nicht zu halten, immer wieder ruft der Hirt ihnen zu, weist sie zurecht. «Geh, Arved, geh.»

Die Regeln sind klar. Schöndorfer hat eine Genehmigung zum Durchziehen. Wenn es ihm ein Landbesitzer verbietet, dürfen die Tiere auf dessen Wiese nicht fressen. «Das kommt hin und wieder vor.» Meistens dann, wenn die Bauern schlechte Erfahrungen mit Wanderherden gemacht haben. Deshalb schaut er genau, dass seine Tiere keine Fruchtkulturen oder Wälder beschädigen.

Auf ihrem Weg hat die Schafherde bisher Wünnewil, Schmitten und Ueberstorf passiert. Nun geht es weiter nach Thörishaus, Liebistorf, Gurmels. Über die Staumauer beim Schiffenensee nach Düdingen, Tafers, Alterswil, wenn es das Wetter zulässt, nach St. Ursen oder Recht­halten. Dann gehts nach Lanzenhäusern zurück.

Schöndorfer wird dann noch zwei Monate bei Landwirt Nydegger arbeiten. Im Frühling ist wieder Lammzeit, das gibt zu tun. Was er den Sommer über macht, das weiss er noch nicht. Er sucht ein Haus mit genügend Platz für seine vier Hunde. Findet er keines, wird er im Wohnwagen wohnen. Bis zum nächsten November. Dann zieht er wieder los.

Am Feuer

Von der Schafweide in der Sommerau stapft Schöndorfer zusammen mit Arved zurück in das Lager, das er in einem kleinen Tannenwald aufgeschlagen hat. Ein Feuer brennt, die Plane und die Wolldecken für die Nacht sind ausgelegt, jetzt gibt es erst mal Essen. «Schön der Rangordnung nach», sagt der Hirt.

Zuerst ist Arved an der Reihe, dann kommt Lupa, das einzige Weibchen, es folgt Artus, schliesslich der junge Crack. Und ganz am Schluss der Hirt.

Jens Schöndorfer kocht über der Glut einen Topf Wasser auf, kippt ein halbes Kilo Spinat-Ricotta-Teigwaren hinein.

Rasch sind sie gar. Er beginnt zu essen. Aus dem Napf der Hunde.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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