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Im Landeinsatz vor 60 Jahren

Der Kanton Bern schickte die jungen Lehrkräfte bereits in den 1950er-Jahren vorzeitig in die Schulstuben. Susi König unterrichtete als 20-Jährige in Wyssachen.

Susi König blickt zurück.
Susi König blickt zurück.
BZ/Archiv

Lehrermangel ist kein neues Phänomen im Kanton Bern. Schon vor 60 Jahren konnten offene Stellen nicht rechtzeitig besetzt werden, und schon vor 60 Jahren mussten deshalb ­angehende Lehrerinnen und Lehrer aushelfen. Den sogenannten Landeinsatz leisteten die jungen Leute vorwiegend, aber nicht nur, auf dem Land. Dort war der Mangel besonders gross.

Susi König aus Hasle gehörte zu den Ersten, die so aufs Land geschickt wurden. Im Herbst 1956 wechselte sie für das letzte halbe Seminarjahr an der NMS Bern, die noch Neue Mädchenschule hiess, nach Wyssachen in der Region Huttwil. Sie war jünger als die heutigen angehenden Lehrerinnen und Lehrer: Weil die Ausbildung damals weniger lange dauerte als die heute, stand sie schon als gut 20-Jährige erstmals vor einer Klasse. Ihre Kolleginnen waren zum Teil sogar erst 19 Jahre alt.

Respektspersonen

Klar habe sie vor dem grossen Moment Respekt gehabt, blickt die heute 82-Jährige zurück. Dabei hatte sie eigentlich wenig Grund, wie sie es formuliert, «zu bibbern». Die Zweitklässler, die sie zu unterrichten hatte, seien «sehr brav» gewesen und auch mit den Eltern habe es kaum Probleme gegeben, sagt sie. Dass der Schulkommissionspräsident am ersten Tag die neue Lehrerin in der Klasse persönlich vorstellte, half beim Start zusätzlich.

Die Welt war Mitte der 1950er-Jahre halt auch eine ganz andere als heute. In einem bäuerlich geprägten 1400-Seelen-Dorf wie Wyssachen war der Kommissionspräsident damals eine genauso anerkannte Respektsperson wie der Lehrer oder die Lehrerin. Und davon strahlte ganz viel ab auf die junge Berufseinsteigerin, die dazu erst noch aus einer städtischen Schule kam.

Auch andere Faktoren hätten ihr den Einstieg erleichtert, fährt Susi König vor. Der Umstand etwa, dass die zweite Klasse zuvor von einer Lehrerin aus Deutschland unter­richtet worden war und man all­gemein froh war, dass nun ­jemand wieder in Dialekt redete. Die Tatsache weiter, dass eine gute Seminarkollegin an der gleichen Schule in der ersten Klasse ihren Landeinsatz leistete. Und nicht zu vergessen das eingesessene Lehrerkollegium: «Die vier haben uns Junge gut aufgenommen.»

Elternbesuch

Kritische Situationen gab es für sie als junge Berufsfrau trotzdem. Nun erzählt Susi König von einem Buben, der im Unterricht nicht recht mithalten konnte. Sie kam nicht ­darum herum, bei den Eltern vorbeizuschauen und ihnen ­klarzumachen, dass ihr Sohn die Klasse am besten wieder­holen würde. Empfangen ­wurde sie von der Mutter, und bei einer Tasse Kaffee und einem Spiegelei konnte diese die Botschaft tatsächlich ­akzeptieren. Nur eine Frage schien sie zu beschäftigen: Ob es für den Junior denn nicht ein Nachteil sein werde, nicht mit seinen Jahrgängern in die Rekrutenschule einrücken zu können?

Weil sie ihre Erfahrungen auf dem Land sammelte, war auch die Abschlussprüfung nicht ohne. Die Probelektion musste sie nämlich in der Stadt ablegen, wo sie weder die Schulhäuser noch die Kinder kannte. Sie bestand zwar, doch prompt hiess es, sie sei zu wenig auf die Klasse eingegangen.

Aus dem Landeinsatz wurde übrigens die erste feste Stelle von Susi König. Wyssachen fragte, ob sie bleiben wolle, und sie sagte zu. Für weitere anderthalb Jahre.

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