Kläranlagen rüsten zum Kampf gegen den Kleinstdreck

Sie sind mikroskopisch klein, können aber grosse Folgen für die Umwelt haben: die Mikroverunreinigungen im Abwasser. Heute sind die Kläranlagen dagegen machtlos. In den kommenden Jahren müssen sie für viel Geld aufrüsten.

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Markus Zahno

Die ARA in Worblaufen zu umwandern, dauert eine Viertelstunde. So gross ist die Kläranlage mit ihren verschiedenen Betongebäuden, Türmen und Becken, in denen das Abwasser plätschert. Gleich neben dem Areal rauscht die Aare vorbei. Sie führt bedrohlich viel Wasser. Ob ihm das Sorgen macht? «Nein, nein», antwortet ARA-Geschäftsführer Rolf Lüdi, «der Betrieb läuft wie immer.»

Mehr Sorgen bereiten ihm die sogenannten Mikroverunreinigungen. Wirkstoffe, die in Medikamenten, Kosmetika und vielen anderen Produkten vorkommen und in den ARA mit der heutigen Technologie nicht aus dem Abwasser entfernt werden können. Rund 100 der insgesamt 700 Abwasserreinigungsanlagen in der Schweiz müssen deshalb aufgerüstet werden. Unter anderem jene in Worblaufen, die drittgrösste im Kanton Bern.

Die Bakterien arbeiten

Das Abwasser von über 68'000 Einwohnern und Hunderten Gewerbebetrieben fliesst in die ARA Worblental. Pro Sekunde durchschnittlich 450 Liter. Das Einzugsgebiet umfasst zehn Gemeinden von Arni über Worb und Ostermundigen bis Zollikofen. Gebaut wurde die Anlage vor 43 Jahren, die Kosten betrugen damals 25 Millionen Franken. Ein Vielfaches hat der Gemeindeverband seither in Erneuerungen und Erweiterungen investiert. Entsprechend gut ausgerüstet ist die Anlage, mal abgesehen vom teilweise über 100-jährigen Verbandskanal, der nun etappenweise ersetzt wird.

Im ARA-Faserpelz steht Rolf Lüdi in der Anlage und erklärt die Stationen, die das Abwasser durchläuft, bevor es in die Aare zurückfliesst. Im ersten groben Rechen bleiben grosse Schmutzteile hängen, im Sandfang setzt sich der Sand ab, und im zweiten feinen Rechen werden Wattestäbchen oder kleine Papierteile entfernt. Dann fliesst das Wasser ruhig durch die langen Vorklärbecken in die Belebtschlammanlage. In diesen Becken kommt die dunkle Flüssigkeit wieder schneller in Fahrt: Hier wandeln Bakterien Schadstoffe in unproblematische Stoffe um. In den Nachklärbecken schliesslich werden die Schlammflocken vom Wasser getrennt, das danach wieder sauber ist. Sauber – bis auf die Mikroverunreinigungen.

Zwei Lösungen möglich

Diese Kleinstverunreinigungen sind kein neues Phänomen. Im Laufe der Zeit hielten immer mehr künstlich erzeugte chemische Verbindungen in den Produkten des täglichen Bedarfs Einzug. Zudem seien die Messmethoden in den letzten Jahren moderner geworden, erklärt Rolf Lüdi, «man kann immer tiefere Konzentrationen messen». Und unendlich viele kleine Mengen ergeben in der Summe durchaus eine Gefahr für das Ökosystem.

Deshalb hat der Bund nun gehandelt. Geschätzte 1,2 Milliarden Franken werden die 100 betroffenen Kläranlagen investieren müssen. Wie teuer die Aufrüstung in Worblaufen wird, ist noch offen. «Das hängt davon ab, welches System wir wählen», erklärt Rolf Lüdi. Grundsätzlich stehen zwei zur Auswahl: Entweder können die Mikroverunreinigungen mit Ozongas aufgespalten werden, oder sie werden mit Aktivkohle gebunden.

Der Gemeindeverband ARA Worblental liess zwei voneinander unabhängige Studien erstellen. Fazit: In Worblaufen könnten grundsätzlich beide Systeme gebaut werden. Bevor man sich für eines entscheide, wolle man erste Erfahrungen auswerten, die unter anderem in einer Testanlage in Dübendorf gesammelt würden. «So oder so wird es für uns ein grosses Projekt», sagt Lüdi. Immerhin hat die ARA Worblental von Kanton 20 Jahre Zeit bekommen, um es umzusetzen.

Vorgezogene Gebühr?

Rolf Lüdi hat inzwischen im Büro Platz genommen. Oft hat er mit seinen Berufskollegen schon über die Mikroverunreinigungen diskutiert, ja philosophiert. «Bei Batterien zahlt man beim Kauf die vorgezogene Entsorgungsgebühr», sagt er. «Warum ist das zum Beispiel nicht auch bei Medikamenten möglich?» Eine Gebühr, damit die Forschung und die Massnahmen gegen die Mikroverunreinigungen finanziert werden können, fände er sinnvoll. Das scheine politisch aber nicht umsetzbar zu sein – aus welchen Gründen auch immer.

Anderthalb Stunden dauert der Besuch beim Geschäftsführer. Mehr als 2 Millionen Liter Wasser sind während dieser Zeit in die ARA geflossen und sauber wieder zurück in die Aare. Fast sauber.

Berner Zeitung

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