Schnegg und die Tücken des Heissleims

SVP-Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg will im Sozialbereich sparen. Für die Jobwechsel-Serie dieser Zeitung arbeitete er in einer Behindertenwerkstätte mit – und erhielt einen Tipp.

Arbeitsintegration mit Pierre Alain Schnegg: Jobwechsel in einer Werkstatt für Menschen mit einer Beeinträchtigung.
Video: Florine Schönmann

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Mit einem weissen Haarschutz und einem weissen Kittel sitzt er da. SVP-Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg nimmt eine Medikamentenverpackung nach der anderen in die Hand. An den richtigen Stellen hat Felix Mauch bereits Heissleim angebracht, sodass Schnegg die Verpackung nur noch falten und festdrücken muss. «Insbesondere die Koordination ist wichtig, damit der Leim an den richtigen Ort kommt», erklärt der Angestellte der Behindertenwerkstätte Band in Bern.

Dann ist Schnegg an der Reihe. Jetzt soll er den Klebstoff selber anbringen. Mit leicht zittrigen Händen bedient er die Maschine, der Leim beschreibt eine Wellenlinie. «Sie müssen näher an den Rand», kommentiert Mauch. Beim zweiten Mal klappt es besser.

700 Verpackungen schafft Felix Mauch an einem Nachmittag. Davon ist Pierre Alain Schnegg noch weit entfernt. Normalerweise sitzt der Regierungsrat auch in seinem Büro am Rathausplatz und betreut komplexe Dossiers wie die Spitalversorgung, das Sozialhilfegesetz oder auch die Behindertenpolitik. Monotone Arbeit wie in der Band-Genossenschaft ist er sich nicht gewohnt.

Da er aber am 25. März zu den Gesamterneuerungs­wahlen der Regierung antritt, schickte ihn diese Zeitung für die Jobwechsel-Serie einen halben Tag an die Front seiner Direktion. Und weil der Grosse Rat im November im Rahmen des Sparpakets den Behinderteninstitutionen 1,7 Prozent der Kantonsbeiträge strich, war auch klar, in welchem Bereich Schnegg tätig sein wird. Betroffen von dieser Kürzung ist auch die Band-Genossenschaft, die sich seit 70 Jahren für die Integration von Menschen mit einer gesundheitlichen oder einer sozialen Beeinträchtigung in die Arbeitswelt einsetzt.

Bevor der Regierungsrat in die Werkstätte darf, muss er eine Hygieneschleuse passieren. Dort tauscht er den Anzug gegen den Kittel, zieht Überschuhe an und desinfiziert die Hände. Erst danach darf mit den Produkten gearbeitet werden. Rund 25 Mitarbeiter sind damit beschäftigt, gelieferte Medikamente neu zu portionieren und zu verpacken. Diese «Müsterchen» werden anschliessend in Apotheken an die Kunden abgegeben.

Jeder der Arbeiter erledigt einen Schritt: Falten, Medikamente einfüllen, Verpackung verkleben, Beipackzettel einfügen. Beim letzten Schritt ist mittlerweile auch Schnegg angelangt. Von einer Rolle muss ein Klebepunkt abgezogen werden, mit dem der Beipackzettel an der Verpackung angebracht wird. Mit Argusaugen beobachtet Mitarbeiterin Brigitte Waldis, wie sich der Regierungsrat schlägt. «Auch bei mir klappts nicht immer», sagt sie, als Schnegg den Klebepunkt fast nicht von der Rolle kriegt. Er sei es halt nicht gewohnt, mit den Händen zu arbeiten, erwidert der Fürsorgedirektor.

Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten sind die Mitarbeiter zufrieden mit Schnegg. Er habe sich gut geschlagen. Dieser Meinung ist auch der stellvertretende Abteilungsleiter Michael Aebischer. Und Pierre Alain Schnegg selber? «Mich beeindruckt, wie sich die Mitarbeiter dafür engagieren, die bestmögliche Qualität zu erbringen.» Es sei wichtig, dass es im Kanton Bern solche Firmen mit geschützten Arbeitsplätzen gebe.

Nichts geändert hat der Einsatz aber an seiner Meinung, dass die Beitragskürzung für die Institutionen verkraftbar sei. Gerade bei unternehmerisch tätigen Firmen gebe es andere Rahmenbedingungen wie beispielsweise den Eurokurs, die mehr Einfluss auf die Einnahmen hätten.

Bevor Schnegg die Band-Genossenschaft wieder verlässt, wird er noch einmal vor eine Herausforderung gestellt. Sie heisst Peter Kramer. «Herr Schnegg, Sie als Politiker, was haben Sie eigentlich für eine Meinung zum Reitschule-Problem in der Stadt Bern», fragt der Mitarbeiter unvermittelt. «Sollte man die schliessen und ein Asylzentrum erstellen?» Nein, das sicher nicht, findet der Regierungsrat. Aber was dann?, fragt Kramer.

Schnegg ist um eine Antwort verlegen, er müsse gestehen, dass er sich mit diesem Dossier nicht so gut auskenne. Dafür Kramer umso mehr. «Ich gebe Ihnen einen Tipp. Man sollte ausgebildete Sozialarbeiter für den Vorplatz engagieren, dann hätte man bestimmt weniger Probleme.» Das sehe man beispielsweise in Zürich. Schnegg lächelt und verspricht: «Ich werde es dem Stadtberner Sicherheitsdirektor ausrichten.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2018, 20:54 Uhr

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