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So stark nutzt die BKW die Energie der Aare

Gut ein Dutzend Stauwehre bremsen den Lauf der Aare allein im Kanton Bern. Die meisten Kraftwerke betreibt die BKW. Neue plant der Konzern keine mehr. Das Potenzial der Aare sei ausgeschöpft.

Die Aare lässt Aarberg hinter sich und strömt dem Kraftwerk Hagneck zu.
Die Aare lässt Aarberg hinter sich und strömt dem Kraftwerk Hagneck zu.
Manuel Zingg
6 bis 10 Meter beträgt je nach Wasserstand das Gefälle zum nächsten, flussaufwärts gelegenen Wehr von Niederried.
6 bis 10 Meter beträgt je nach Wasserstand das Gefälle zum nächsten, flussaufwärts gelegenen Wehr von Niederried.
Manuel Zingg
«Das Potenzial der Aare für die Wasserkraft ist heute praktisch ausgeschöpft», sagt David Rhyner.
«Das Potenzial der Aare für die Wasserkraft ist heute praktisch ausgeschöpft», sagt David Rhyner.
Manuel Zingg
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Markus Bugmann blickt kurz auf sein Handy und dann auf die Wassermassen der Aare, die an diesem Tag Mitte Juni über die offenen Wehre des Wasserkraftwerks Aarberg rauschen. «300 Kubikmeter pro Sekunde», liest er von einer App ab, die ihm alle nötigen Wasserdaten liefert. Er ist der Leiter der BKW-Kraftwerke Aarberg, Niederried und Kallnach. 300 Kubikmeter, das sei in der Jahreszeit der Schneeschmelze eine typische Abflussmenge, sagt er. Beim Hochwasser von 2007 kam die vierfache Menge: 1200 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Zu schlucken vermag das Wasserkraftwerk von Aarberg sogar 1800 Kubikmeter. So viel kam zum Glück noch nie.

Auch wenig Wasser kann Probleme bereiten. Im warmen und trockenen Herbst 2018 plätscherten gerade noch 35 Kubikmeter pro Sekunde durch das Aarebett. «Das ist die minimale Wassermenge, die es braucht, damit die beiden Turbinen des Wasserkraftwerks Aarberg überhaupt noch Strom produzieren können», sagt Bugmann.

Für das nahe Kraftwerk in Kallnach, das über einen unterirdischen Stollen mit Wasser gespeist wird, war das zu wenig. Die Anlage stand für einige Wochen still. Das Wasser wurde nur noch in Aarberg verarbeitet, damit genug Restwasser in der Aare verblieb.

Gefälle mal Wassermenge

Meist bewegt sich die Wassermenge der Aare in einem konstanten Bereich in der Mitte zwischen diesen Extremen. Das macht sie zum idealen Gewässer für die Stromproduktion aus Wasserkraft. In den letzten 100 Jahren hat die BKW – teilweise mit Partnern – an der Aare ein Wasserkraftwerk am anderen errichtet (siehe Karte). Der Fluss wird unterhalb von Bern durch gut ein halbes Dutzend Staustufen alle paar Kilometer wieder in seinem Lauf gebremst: in Mühleberg, in Niederried, in Aarberg, in Hagneck, in Brügg, in Bannwil und in Wynau.

Gibt es einen Minimalabstand zwischen den Wehren, damit ein Kraftwerk nicht dem nächsten das Wasser abgräbt? «Die Zauberformel der Wasserkraftwerke lautet Gefälle mal Wassermenge», sagt David Rhyner, Leiter Asset Management Hydro bei der BKW. Er verantwortet die finanzielle und technische Bewirtschaftung von 30 Wasserkraftwerken, bei denen Berner Energieunternehmen die Betriebs- verantwortung hat.

Von der Krone des Aarberger Wehrs blickt er flussaufwärts auf die aufgestaute Aare und stellt eine Rechnung auf: Je nach Wassermenge hat die Aare zwischen dem nächsten, flussaufwärts gelegenen Wehr von Niederried und jenem von Aarberg 6 bis 10 Meter Gefälle. Das ergibt in Aarberg eine jährliche Strommenge von rund 85 Gigawattstunden (GWh). «Für das Gefälle gibt es keine definierte Untergrenze, damit ein Kraftwerk aber ein Potenzial für die Stromerzeugung erbringt, ist eine gewisse Korrelation von Höhenunterschied und Wassermenge nötig», führt Rhyner aus.

Vor dem Bielersee folgen sich die Werke in dichtem Abstand. Nach dem Bielersee aber, wo die Aare im flachen Mittelland weniger Gefälle hat, gibt es weniger Stauwehre. Weil die Wassermenge der Aare durch Zuflüsse wie die Emme jedoch grösser wird, erbringen die Wasserkraftwerke Bannwil und Wynau im Oberaargau dennoch eine höhere Energiemenge als das Werk von Aarberg: In Bannwil sind es mit einem Gefälle von 5,5 bis 8,5 Metern 146 GWh Strom pro Jahr.

BKW-Keimzelle Hagneck

Die Keimzelle der BKW-Wasserkraft ist die kürzlich neu gebaute Anlage in Hagneck, welche durch die BKW und den Energie Service Biel betrieben wird. 1875 bis 1878 wurde im Rahmen der Juragewässerkorrektion von ­Aarberg nach Hagneck ein Kanal gegraben, der die Aare in den Bielersee umleitete.

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Bei der ­Mündung in den tiefer liegenden Bielersee musste zur Überwindung des Höhenunterschieds eine Schleuse errichtet werden. Sie bot sich geradezu an für die Strom­produktion. 1899 nahm das ­private Elektrizitätswerk Hagneck bei der Schleuse seinen Betrieb auf. Schon ein Jahr vorher war in Rheinfelden das erste Flusskraftwerk der Schweiz eröffnet worden.

Noch gab es damals wenige Abnehmer von Strom. Die Anlage in Hagneck rentierte nicht und ging bald in die Hand des Kantons über. 1903 erwarb das Elektrizitätswerk Hagneck das Kraftwerk Spiez und gründete die vereinigten Kander- und Hagneck-werke, den Ursprung der heutigen BKW. 1912 staute die BKW die Aare bei Niederried und führte ihr Wasser durch einen Kanal zum Kraftwerk von Kallnach im Grossen Moos.

1920 errichtete die BKW dann an der Aare bei Mühleberg die mächtige Wohlensee-Staumauer. Fast 20 Meter beträgt der Niveauunterschied zwischen dem aufgestauten See und dem Aareabfluss. Die sieben Turbinen in der monumentalen Halle produzieren bis heute die Rekordstrommenge aller BKW-Flusskraftwerke: 155 GWh im Jahr. 1959 bis 1963 baute die BKW ein zusätzliches Werk am schon bestehenden Wehr in Niederried. 1968 folgte der Bau des Werks in Aarberg. Bannwil und Wynau, noch vor der BKW-Gründung entstandene private Wasserkraftwerke, gingen später an den Berner Stromkonzern über.

Ist die Aare der Fluss oder besser der Strom der BKW, den sie allein nutzt? «Wir haben kein Nutzungsmonopol über die Aare», widerspricht David Rhyner. Es sei eine Folge der historischen Entwicklung, dass flussabwärts ab Mühleberg bis zur Kantonsgrenze fast alle Werke der BKW gehören. In Interlaken, Thun oder Bern betreiben städtische Energiebetriebe Wasserkraftwerke.

Unrentabler Strom

Der mit Aarewasser produzierte Strom ist Bandenergie, also eine rund um die Uhr gewonnene, konstante Strommenge. David Rhyner räumt ein, dass die Gestehungskosten des Stroms aus Wasserkraft angesichts der gesunkenen Strompreise derzeit kaum gedeckt sind. 4 bis 8 Rappen kostet die Produktion einer Kilowattstunde Strom aus Wasserkraft, auf dem Markt kann man diese derzeit für rund 5 Rappen verkaufen.

Vor drei Jahren war der Preis gar auf einem Tiefpunkt von 2 bis 3 Rappen. In den vergangenen 20 Jahren sind die Strompreise auf ein Drittel des früheren Werts eingebrochen. «Wir lassen die Turbinen dennoch laufen, es würde keinen Sinn machen, das Wasser ungenutzt durch die Wehre der Kraftwerke abfliessen zu lassen, da gewisse Kosten dennoch anfallen», hält Rhyner fest.

Man hoffe, dass Wasserkraft durch die Umsetzung der Energiestrategie 2050 in näherer Zukunft wieder rentiere. Die BKW setzt sich mit anderen Energieunternehmen auch für eine Senkung der Wasserzinsen ein, die Wasserkraftwerksbetreiber den Standortkantonen je nach Leistungskapazität abliefern müssen. Der Bundesrat scheiterte aber mit der Senkung der Zinsen bis jetzt am Widerstand der Bergkantone.

Meist bewegt sich die Wassermenge der Aare in einem konstanten Bereich. Das macht sie zum idealen Gewässer für die Stromproduktion.

750 GWh Strom holt die BKW im Jahr mit ihren Kraftwerken von Mühleberg bis Wynau aus der Aare. Mit den Stauanlagen der Kraftwerke Oberhasli (KWO) im Grimselgebiet, an denen die BKW mit 50 Prozent beteiligt ist, kommen weitere 1100 GWh dazu. Alle Wasserkraftanlagen mit BKW-Beteiligung – auch in anderen Kantonen gelegen – produzieren im Jahr 3700 GWh Strom. Das ist mehr als die 3100 GWh des Atomkraftwerks Mühleberg. Der Stromverbrauch im Kanton Bern liegt bei über 7000 GWh im Jahr.

Die «grüne Wasserkraft» triumphiert also. Müsste man in einer Endabrechnung nicht auch miteinbeziehen, dass Wasser teilweise mit Atomstrom in die Grimselstauseen hoch gepumpt und wieder turbiniert wird? Wird in den Pumpspeicherkraftwerken Atomstrom eingesetzt, dann gelte auch die so gewonnene Energie als Atomstrom, erwidert die BKW-Medienstelle. Was als Strom aus Wasserkraft zertifiziert werde, sei auch wirklich im Laufkraftwerken an der Aare produziert worden.

Potenzial ist ausgeschöpft

«Das Potenzial der Aare für die Wasserkraft ist heute praktisch ausgeschöpft», bilanziert David Rhyner. Nur an zwei Orten wäre noch eine neue Anlagen denkbar, sagt er. Ein Platz ist die Aare­welle von Uttigen unterhalb von Thun.

Der Widerstand der Naturschützer und Gummibootfahrer wäre dort vorprogrammiert. Für Uttigen gibt es aus diesem Grund keine Projektideen, wie Rhyner sagt. Ein konkretes Projekt liegt aber in der Schublade bereit: Wynau 2 sähe vor, über einen Stollen unter der Aare Wasser abzuführen und unterirdisch zu turbinieren. Weil es mit den im Moment so tiefen Strompreisen nicht rentabel zu betreiben wäre, hat die BKW das Projekt auf Eis gelegt.

Die BKW-Wasserkraftwerke an der Aare muten derzeit an wie eine stille Sparte ohne Ausbaupotenzial. In der Tat investiere man derzeit vor allem in die Digitalisierung, in Naturschutzmassnahmen und neue Fischaufstiege, sagt Rhyner. Und doch gebe es noch eine neue Entwicklung der Wasserkraft. Sie sei aber für Flusswanderer, Schwimmer oder Bootsfahrer unsichtbar. Die BKW arbeitet nämlich an einem weiteren Digitalisierungsschritt. Bald sollen die Laufwasserkraftwerke durch einen zentralen Poolregler gesteuert werden.

Immer digitaler

«Das ist ein elektronisches Gehirn, das die Stromproduktion aller Werke so regelt, dass die von unserer Handelsabteilung prognostizierte Strommenge möglichst genau produziert wird», erklärt Rhyner. Der Hintergrund: Jeden Morgen zwischen 9 und 10 Uhr müssen die Stromfirmen der Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid ihre Stromproduktion und ihren Verbrauch für den nächsten Tag ankündigen. Stellen sie mehr oder weniger Strom her und prognostizieren sie ihren Verbrauch falsch, wird ihnen ein teurer Ausgleich verrechnet. Der Poolregler soll diese Kosten minimieren und den Ertrag maximieren.

Die einzelnen Wasserkraftwerke werden längst automatisiert betrieben. «Das Kraftwerk in Aarberg ist heute unbemannt», sagt Kraftwerksleiter Markus Bugmann. Zum Treffen vor Ort ist er extra von Kallnach hergefahren, wo sich sein Büro befindet. Niemand schaut mehr den sich unermüdlich drehenden Turbinen zu. Nur einmal in der Woche kommt der BKW-Pikettdienst vorbei.

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