Sonnenstrahlen machen Berner Winzer glücklich

Langsam, aber sicher setzt die Hitzewelle auch den sonnenhungrigsten Menschen zu. Die Weinbauern jedoch jubeln: Ihre Reben gedeihen prächtig. Die Winzer im Kanton Bern erwarten eine sehr gute Weinqualität.

Findet es selbstverständlich, dass sich die Winzer den äusseren Bedingungen anpassen müssen: Andreas Krebs in seinem Weinberg.<p class='credit'>(Bild: Beat Mathys)</p>

Findet es selbstverständlich, dass sich die Winzer den äusseren Bedingungen anpassen müssen: Andreas Krebs in seinem Weinberg.

(Bild: Beat Mathys)

Philippe Müller

Nach einem prüfenden Blick über die hellen und die roten Grauburgundertrauben setzt sich im Gesicht von Andreas Krebs ein zufriedener Ausdruck fest. Die Arbeit hat sich gelohnt. Denn während der letzten Wochen, als die Sonne erbarmungslos brannte, mussten er und sein Team einige Rebstöcke bewässern. Davon betroffen waren rund 3000 Rebstöcke und somit etwa 5 Prozent von Krebs’ Weinberg.

Gemeinsam mit seiner Frau Sabine Steiner bearbeitet der Winzer in Schernelz oberhalb des Bielerseeufers rund 10 Hektaren Weinreben. «Bewässern mussten wir vor allem jene Rebstöcke, die auf einem Fels stehen und nur wenig Erde unter sich haben», erklärt Krebs. Sie haben nicht die Möglichkeit, mit ihren Wurzeln in der Tiefe nach Feuchtigkeit zu suchen, und wären ohne manuelle Wasserzufuhr zugrunde gegangen. Nun gedeihen die Trauben gut und sind bald bereit für den Läset, wie die Ernte im Bernbiet heisst.

«Wir Winzer müssen mit Klima- und Wetterschwankungen umgehen ­können.»Andreas Krebs, Schernelz

Krebs erwartet ein sehr gutes Weinjahr, «und zwar sowohl mengenmässig als auch qualitativ». Es sei zwar noch zu früh, um genaue Angaben zur Weinqualität zu machen, dazu müsse man die Ernte und die Gärung abwarten. Der Zustand der Pflanzen sei jedoch sehr gut. Krebs führt das etwa darauf zurück, dass die anhaltende Hitze und die Trockenheit eine Reihe von Schädlingen auf natürliche Art ferngehalten hätten, unter anderem die Kirschessigfliege. Sie mag eher feuchtere Bedingungen. Auch die Gefahr von Pilzbefall sei heuer kleiner als in anderen Jahren.

Positiver Nebeneffekt des schönen Wetters: Die Berner Weinbauern mussten generell weniger Pflanzenschutzmittel spritzen.

Mehr Extremsituationen

Wegen der warmen Temperaturen werden die Trauben bereits Anfang September erntereif sein. «Diesen Trend beobachten wir seit Jahren», sagt Andreas Krebs. Die Klimaerwärmung sei längst am Bielersee angekommen. «Mein Vater und mein Grossvater haben jeweils im Oktober geerntet.» Damit müsse ein Winzer aber umgehen können. Ebenso mit den Extremen, die dieses und letztes Jahr aufgetreten seien.

Im Gegensatz zum heurigen trockenen und warmen Jahr erlebten die Berner Winzer 2017 Frost- und Hagelperioden, die grosse Ernteverluste zur Folge hatten. «Der Wein war zwar auch letztes Jahr gut», sagt Andreas Krebs. Jedoch hätten er und seine Frau massive Umsatzeinbussen erlitten.

Bewässerung ist aufwendig

Standortwechsel: Ursula Irion steht beim Schloss Spiez oberhalb des Thunersees. Ihr Gemütszustand lässt sich mit jenem von Kollege Krebs in Schernelz durchaus vergleichen. Denn auch den Spiezer Reben geht es gut. «Das wird ein Ausnahmejahr», sagt die Betriebsleiterin der Rebbaugenossenschaft Spiez. Denn Sonne sei für die Trauben grundsätzlich besser als viel Regen. Trotzdem habe es genügend ­Niederschläge gehabt.

Weinanbau mit Aussicht auf den Niesen: Ursula Irion in den Spiezer Weinreben. Foto: Raphael Moser.

Allerdings gibt auch Irion trotz grosser Zuversicht zu bedenken, dass nun der entscheidende Monat beginne. «Vier Wochen vor dem Läset ist eine wichtige Phase für den Charakter und das Aroma des Weins.» Sie hofft nun auf kühlere Nächte. Ähnlich wie in Schernelz musste in Spiez ein Teil der Rebstöcke manuell bewässert werden, vor allem die Jungreben mit kurzen Wurzeln.

Der grosse Unterschied zum Weingut von Andreas Krebs und Sabine Steiner: Am Spiezberg ist keine fixe Bewässerungsanlage installiert. «Es ist für uns aufwendig und mit Handarbeit verbunden, die Pflanzen zu giessen.» Deshalb glaubt die Fachfrau, dass künftig im Berner Weinbau fixe Anlagen bei Jungreben zum Standard gehören werden.

Apropos Zukunft: Irion denkt, dass sich aufgrund der Klimaerwärmung der alpine Weinbau in Spiez verändern wird. «Ich gehe davon aus, dass etwa die Riesling-Silvaner-Traube in den nächsten 25 Jahren verschwindet.» Es werde dieser Sorte selbst auf 600 Metern Höhe schlicht zu warm. Auch würden sich die Reifeperioden verschieben, was sich nicht unbedingt positiv auf das Aroma dieses Weins auswirke. «Wir probieren schon heute widerstandsfähige Traubensorten aus, auf die wir künftig vielleicht anstelle von hoch anfälligen Pflanzen setzen können.»

Hier lagert das flüssige Kapital der Rebbaugenossenschaft. Foto: Raphael Moser.

In die Gegenwart zurückgeholt wird Ursula Irion, wenn sie in Richtung Spiezberg blickt. Dort bringen Mitarbeiter der Rebbaugenossenschaft grosse blaue Vogelnetze über den Rebstöcken an. «Die Vögel haben Durst, deshalb wollen sie die Trauben an­picken.» Auch das zeigt: Es ist wirklich ein aussergewöhnlicher Sommer.

Berner Zeitung

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